BRICS schafft Alternativen zum westlich dominieren Finanzsystem

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[Von Dr. Christian Wipperfürth] Die weltweiten Finanzinstitutionen wurden bislang von den westlichen G7-Ländern dominiert. Dabei ist ihr Anteil an der weltweiten Wirtschaftsleistung in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gesunken. Ich habe mich zu den langfristigen Trends bereits ausführlich geäußert, will Ihnen aber weitere beeindruckende Zahlen, die ich heute gefunden habe, nicht vorenthalten. Sie sind in folgender Graphik zusammen gefasst:

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(Quelle: Angaben selbst zusammengestellt nach: A. Maddison, Contours Of The World Economy 1-2030 AD, IWF, Allianz GI Global Capital Markets & Thematic Research)

(Zu den langfristigen Trends und der westlichen Dominanz s. http://www.cwipperfuerth.de/2015/06/die-wirtschaftliche-dominanz-des-westens-schwindet/; http://www.cwipperfuerth.de/2015/06/griechenland-und-die-ukraine-wie-der-westen-sich-selbst-ein-bein-stellt/)

Russland fordert bereits seit 2009 besonders entschieden eine neue Machtverteilung im internationalen Finanzsystem. Deutschland und die meisten anderen westlichen Länder sind bereit, den Kritikern entgegen zu kommen, nicht jedoch die USA und in abgeschwächtem Maße auch Japan. Die nicht-westliche Welt entwickelt darum stärker eigene Instrumente als sie es vermutlich ansonsten getan hätten.

Im Juli 2014 haben die BRICS-Staaten (also Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) die „New Development Bank“ gegründet. Sie wird mit einem gezeichneten Stammkapital in Höhe von 100 Mrd. US-Dollar etwa 30 % des Kapitals des IWF verfügen. Zudem einigten sich die fünf Länder darauf, weitere 100 Mrd. US-Dollar aufzubringen, um sich wechselseitig bei akuten Zahlungsschwierigkeiten unter die Arme greifen zu können. China hat zudem mit der „Asian Infrastructure Investment Bank“ und dem „Silk Road Fund“ weitere finanzstarke Instrumente außerhalb des westlich dominierten Systems initiiert.

Alle genannten Finanzinstrumente können es ihrem Umfang nach mit den westlich dominierten Institutionen bereits derzeit – oder in nächster Zukunft – aufnehmen.

Allein China vergibt seit 2010 jedes Jahr mehr Entwicklungshilfekredite als die Weltbank.

Vor zehn Jahren hatten die G7 noch etwas umfangreichere Devisenreserven als die BRICS.

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(Quelle: Eigene Zusammenstellung nach: https://de.wikipedia.org/wiki/W%C3%A4hrungsreserve)

2015 jedoch sieht das Bild ganz anders aus.

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(Quelle: Eigene Zusammenstellung nach: https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_countries_by_foreign-exchange_reserves)

Die Länder der G7 verfügen aber über erheblich umfangreichere Goldreserven als die BRICS-Staaten. Deutschland besitzt nach den USA die weltweit zweitgrößten Reserven, mehr als alle BRICS-Länder zusammen genommen. Dies relativiert den Vorsprung der BRICS jedoch lediglich. Der US-Goldschatz besitzt einen Wert von rund 315 Mrd. US-Dollar, der deutsche von 131 Mrd. US-Dollar. Deutschland würde somit vom 13. auf den 10. Platz vorrücken, wenn die Devisen- und die Goldreserven zusammen gerechnet würden. Wenn die Goldreserven hinzugezählt werden, verfügen die BRICS immer noch über 100 % mehr Reserven als die G7.

Vor allem China besitzt die Finanzkraft und Russland mittlerweile die nachdrückliche Entschlossenheit, weltweite Alternativen zum westlich dominierten Finanzsystem aufzubauen. Indien, Brasilien und Südafrika spielen als unbestrittene Demokratien und regionale Führungsmächte eine wichtige Rolle in diesem Prozess.

Der IWF beispielsweise verliert auch deshalb deutlich an Bedeutung, weil er bislang vor allem als Instrument benutzt wurde, um Schwierigkeiten innerhalb des westlichen Lagers zu überbrücken (s. http://www.cwipperfuerth.de/2015/06/griechenland-und-die-ukraine-wie-der-westen-sich-selbst-ein-bein-stellt/). Die westliche Dominanz besitzt jedoch noch weitere Aspekte, insbesondere in Währungsfragen. Jahrzehntelang waren die USA und die Bundesrepublik Deutschland die einzigen Länder, die ihren Handel ganz überwiegend in der eigenen Währung abwickeln konnten, deren Valuta weltweit von Notenbanken als Reserve gehalten wurde bzw. in denen Anleihen begeben wurden. Die D-Mark bzw. nunmehr der Euro ist nach dem US-Dollar die mit weitem Abstand zweitwichtigste Weltwährung.

Die Dominanz der eigenen Währung besitzt handfeste Vorteile: Für die Unternehmen entfallen Kosten, weil sie keine Vorsichtsmaßnahmen gegen Währungsschwankungen ergreifen müssen. Die Kreditraten für die öffentliche Hand sind relativ niedrig, weil ein nennenswerter Teil der Staatsanleihen von fremden Notenbanken aufgekauft wird, um als Währungsreserve gehalten zu werden.

Dies bedeutet praktisch: Ausländische Eigner, vor allem die Zentralbanken, halten derzeit über ein Drittel der US-Staatsanleihen (zwischen Mitte der 1970er und Mitte der 1990er Jahre lag dieser Anteil nur etwa halb so hoch). Es geht um die gewaltige Summe von 6137 Mrd. US-Dollar (Stand April 2015), etwa doppelt so viel, wie die gesamten deutschen Staatsschulden ausmachen.

Die USA können sich somit kostengünstiger verschulden, weil fremde Notenbanken genötigt sind, ihre Währungsreserven in Form von US-Schatzanleihen zu halten. Sie sind sozusagen gezwungen, den USA Geld zu leihen.

Wenn der US-Dollar seine Dominanz einbüßen sollte, dann werden die Zinsen in den USA steigen. Falls der Zinssatz für US-Anleihen lediglich um 1 % steigen sollte entstünden erhöhte Zinsausgaben in Höhe von über 180 Mrd. US-Dollar jährlich. Eine Menge Holz …

72 % der weltweiten Staatsverschuldung entfallen übrigens auf die G7-Länder, der Anteil der BRICS beträgt etwa 9 %.

Die Vorherrschaft von US-Dollar und Euro besitzt noch einen weiteren, hochpolitischen Aspekt: Praktisch alle Länder dieser Welt wickeln ihren Außenhandel in einer dieser beiden Währungen ab oder begeben Staatsanleihen in US-Dollar oder Euro. Das heißt beispielsweise: Der Handel zwischen Russland und Brasilien oder zwischen Ägypten und Indien wird in einer westlichen Währung abgewickelt. Hierfür muss notwendigerweise eine Bank zwischengeschaltet werden, die ihren Sitz im Dollar- oder Euroraum hat. Es ist denkbar, dass der Westen aus politischen Gründen beschließt, die Nutzung von Bankdienstleistungen für ein bestimmtes Land zu untersagen. Hinsichtlich des Iran ist dies bereits geschehen. Der Westen hat in Form seiner Währungsdominanz ein sehr wirksames und schmerzhaftes Instrument, um politischen Druck auszuüben. Dies sehen viele Länder außerhalb des Westens mit Unbehagen. Die gegen Russland verhängten Finanzsanktionen, die noch verschärft werden könnten, verstärken die Tendenz vieler Länder, sich vom Westen zu lösen und ihren währungspolitischen Handlungsspielraum zu sichern bzw. zu erweitern.

Russland hat einige Jahre versucht, den Rubel international ins Geschäft zu bringen, ist aber kaum voran gekommen. Die Währung Russlands wird auch in den kommenden Jahren weltweit allein aufgrund seiner sehr starken Schwankungen nur etwas an Gewicht gewinnen. Aber es ist denkbar, dass z.B. der russisch-brasilianische Handel in Zukunft teilweise in Rubeln abgerechnet wird. Die BRICS-Länder haben beschlossen, für einen zunehmenden Teil ihres wechselseitigen Handels ihre eigenen Währungen und nicht mehr den US-Dollar zu nutzen. Gazprom Neft, der drittgrößte Ölproduzent Russlands, hat vor wenigen Tagen bekannt gegeben, in Zukunft seine Lieferungen nach China in der Währung Chinas, dem Yuan, abzuwickeln. Der Yuan hat in den vergangenen Jahren deutlich an Bedeutung gewonnen.

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(http://www.faz.net/aktuell/finanzen/devisen-rohstoffe/bedeutung-des-renminbi-waechst-13656706/aufholjagd-der-renminbi-kommt-13657103.html)

Der US-Dollar wird auf absehbare Zeit die wichtigste Weltwährung bleiben, der Euro (oder die von den stabilen europäischen Ländern getragene Nachfolgewährung …) wird vermutlich Nummer zwei bleiben. Andere Währungen werden jedoch deutlich an Gewicht gewinnen.

Der Westen beschleunigt seinen Bedeutungsverlust durch einen besorgniserregenden Mangel an Umsicht, – leider Gottes – Selbstgefälligkeit und ökonomische Tendenzen, die zunehmende innere Spannungen zur Folge haben. Es folgt eine Graphik aus einer Publikation von „Shell“.

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(New Lens Scenarios. A Shift in Perspective for a World in Transition, Shell 2013, S. 31)

Über den Autor

Dr. Christian Wipperfürth
Arbeitet als Freier Publizist, Er hat zuvor für das Europäische Parlament bzw. den Deutschen Bundestag gearbeitet und Internationale Beziehungen an der Universität in St. Petersburg gelehrt.