Boxen als Polit-Show: „KlitschK.O. – Die Mission“

Oberhausen – Es war die Gelegenheit für die Klitschko-Brüder, wieder auf großer Bühne für ihre Ukraine zu werben. Was Vitali auf dem Maidan in Kiew versuchte, wollte nun sein jüngerer Bruder Wladimir im Boxring fortsetzen. Letztendlich hatten sie in der Oberhausener Halle mehr Erfolg als in der Kiewer Politik. Und Russland sah schon mal aus Trotz nicht zu.

Wir werden einen Kampf sehen, der „Äktschän“ hat, so die Eigenwerbung. Die erste „Äktschän“ gab es vorab gleich schon mal beim Wiegen und der Pressekonferenz in Düsseldorf von Ex-Weltmeister Shannon Briggs, der schon einmal das Vergnügen mit dem älteren der beiden Brüder, Vitali Klitschko hatte. Das ist – genau, der mit den politischen Ambitionen in der Ukraine. Briggs stürmte halbnackt in den Raum und schimpfte wie ein Rohrspatz über die zwei Ukrainer. Der Wladimir leistete derweil Amtshilfe für seinen Bruder und sprach seinem Volk ganz beiläufig Mut zu.

Mut – „Ich widme meinen Kampf all den tapferen Menschen auf dem Maidan!“ – musste sein Gegner an diesem Abend im Ring, der 34-Jährige Samoaner Alex Leapai, erst noch beweisen. „Wir kämpfen heute nicht nur für den Ring“, Der bullige Farbige aus Downunder sollte quasi die ganze Wucht des ukrainischen Volkes abkriegen. Die Scorpions trällerten derweil irgendwas von „habt euch alle lieb“. Die Klitschkos indes lieben die Menschen auf dem Maidan. Gut, dass sie es noch einmal angesprochen haben, man hätte es fast nicht bemerkt.

„Slawa Ukrajiny“ – Wenn Sport zur Politik wird

Die Firma Klitschko hatte in Oberhausen eine klare Rollenbelegung. Wladimir kämpfte den Maidan im Boxring, der Vitali inszenierte in Oberhausen seine Polit-Veranstaltung. „Ein Armageddon“ sei es gerade in der Ukraine, schwadronierte der Politiker. „Bei Boxen kriegst du blaues Auge, in Politik Kugel in Kopf!“ Gar nicht richtig trainieren hätte er können, der Bruder, der Wladimir, dessen Körper zwar in der Arena sei aber der Kopf in der Ukraine weilt. „Wir kämpfen heute Abend für eine unabhängige Ukraine“, haben wir das schon erwähnt? Und mit einem Mal herrschte andächtige Stille im Hexenkessel.

„Schtsche ne wmerla Ukrajiny i slawa, i wolja – Noch sind der Ukraine Ruhm und Freiheit nicht gestorben.“ Es hatte was von schwerem Pathos, als Vitali Klitschkos Frau Natalja im blau-gelben Kleid die blau-gelbe Bühne bestieg und zur blau-gelben Nationalhymne ansetzte. Besser hätte sich der Klitschko-Familienabend nicht inszenieren lassen können und so mancher wird sich wohl verstohlen ein Tränchen aus dem Augenwinkel gewischt haben. Ein Land und seine Hymne – ein Land und seine Klitschkos. „Ich kämpfe für mein Land“, spulte der Boxer danach wieder wie auf einer hängengebliebenen Schallplatte herunter. „Slawa Ukrajiny“, für die Klitschkos ist es mehr als nur eine Titelverteidigung.

Denn, und das hätten wir jetzt vor lauter Polit-Show fast vergessen, es wurde ja auch noch geboxt. Wenn auch nicht lange. „Die Ukraine kämpft für Freiheit, ich kämpfe für mein Land“, aber das hatten wir schon. Nachdem der Wladimir „Steelhammer“ dem „Pitbull“ aus Samoa fünf Runden lang die Popel aus der Nase geprügelt hat, schlugen schließlich 700 Kilogramm Wucht hinter der der Eisenfaust direkt in Leapais Gesicht ein. Zwischendrin hat sich der Herausforderer in etwa so viel bewegt wie ein Sandsack. Abgewatscht und sichtlich verbeult bedankte sich der Verlierer noch höflich mit einem „Alles Gute Ukraine…“ beim Publikum, das gleich wieder nahtlos ins Polit-Programm überging.

Die Bürde von 62 Titeln wiegen schwer nach dem Kampf und die Last der ukrainischen Landesfahne trägt ihr Übriges dazu bei. Gott sei Dank wurde Wladimir Klitschko schon bald erlöst, denn im deutschen Fernsehen lief direkt im Anschluss ein Special über seinen Bruder – Slawa Ukrajiny…

(mb/russland.RU)

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.