„Bildmetaphern – Russisches Berlin“ – Stefan Sisulak

Der Fotograf führt eine Welt „vor Augen“, bringt sie in Erscheinung, macht sie offenbar, begreiflich, erkennbar. Der Fotograf lenkt unsere Wahrnehmung, denn es ist sein Blickwinkel, der auswählt und Schwerpunkte setzt, der die Zeichen der Welt gewichtet, zu einer Metapher verdichtet. Auf der erzählenden Bildfläche erhellt er Gewöhnliches, bringt es ans Licht und oft wird erst durch das Hinschauen eines Künstlers Realität für uns endlich „real“.

Stefan Sisulak war auch in diesem Jahr mit seiner Kamera thematisch in Berlin am Ort des Geschehens, auf den Spuren russischer Präsenz durch die Jahrzehnte – von den 20er Jahren, durch Zeiten des Kalten Krieges, der DDR, über den Mauerfall bis in die Jahre danach. Stefan Sisulak schaut Häuser an, Häuser und Mauern schauen ihn an und aus dieser Nähe der Betrachtung entsteht eine wirkliche Kenntnis des Ortes und seiner Menschen.

Wie die ganze Stadt, so befindet sich auch das russische Berlin immer noch in einem Prozess der Entstehung und der „Akkumulation neuer Erfahrungen“, wie Karl Schlögel schrieb. Innerhalb dieses russischen Berlin gibt es deren mehrere, vieles wirkt noch unfertig, noch nicht konstituiert und so definiert sich das russische Berlin von heute häufig über jenes von gestern. Café-Namen wie „Pasternak“, „Bar Gagarin“ oder „Chagall“ klingen wie Zitate aus anderen Zeiten, fernen Orten.

Das neue russischsprachige Berlin mit Menschen aus verschiedensten ehemaligen Sowjetrepubliken ist keine Stadt in Stadt wie in den Zwanzigern, dennoch, auch heute, eine Art Mikrokosmos und Parallelgesellschaft. Gleichwohl gab und gibt es – in der Vergangenheit und Gegenwart – Erfahrungen zwischen den Deutschen und den „Russen“, die sich gegenseitig beeinflussen und bedingen. Es ist eine Realität, dass sich „Deutsche und Russen geistig viel näher stehen, als das durch die zeitweiligen gravierenden politisch-ideologischen Ausprägungen und die durch sie verursachten gegenseitigen Entfremdungen den Anschein hat. Wäre dem anders, bliebe das beiderseits immer wieder durchbrechende Gefühl einer Verbundenheit unerklärlich.“ (Fritz Mierau)

Auch wenn die gegenseitige Wahrnehmung in jeder Generation immer noch vielfach von Klischees geprägt wird, („Der Russe ist einer, der die Birke liebt!“), kennt man sich, erkennt man sich wieder – so auch in den Bildern von Stefan Sisulak; beeindruckende, nostalgische, nachdenkliche, aber auch heitere Spuren der wechselvollen und befruchtenden Beziehungen beider Völker.

Stefan Sisulak, geboren in Bratislava, Fotograf und Reisender mit Wohnsitz in Donauwörth

Die Veranstaltung findet im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Russisches Exil in Berlin“ statt.

Öffnungszeiten der Ausstellung:
Bis 20.12.2013 (Mo – Fr von 8:00-17.00 Uhr, Sa, So von 13:00-17:00 Uhr)

Kolping-Bildungszentrum
Adolph-Kolping-Straße 2
86609  Donauwörth

(Foto: M. Barth)

 

 

 

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.