Bildband „Wünsdorf. Eine russische Stadt in der DDR“

Mit dem Jahr 2014 sind nun 20 Jahre vergangen, dass die Sowjetunion ihre Truppen aus dem Osten Deutschlands abgezogen hat. Detlev Steinberg hatte seinerzeit diesen historischen Augenblick mit seiner Kamera festgehalten. Andreas Franke, Event- und Werbefotograf, besuchte im Jahr 2001 zum ersten Mal das ehemalige Militärgelände der Sowjetarmee im brandenburgischen Wünsdorf und blieb auch gleich dort hängen.

Passend zum Jubiläum präsentieren die beiden Fotoreporter nun ihren Bildband über „Wünsdorf. Eine russische Stadt in der DDR – 20 Jahre nach dem Abzug der Sowjetarmee“. Der Band ist eine einfühlsame Zeitreise in ein historisches Ereignis, das die Welt verändern sollte. Der deutsche Osten ging zum Westen und die „Russen“ gingen wieder nach Hause. Was geblieben ist, sind sowjetische Kasernenkomplexe, kulturelle Einrichtungen und eine gewisse Schwermut, die sich wie ein Schleier über das Gelände legt.

Als der Führungsstab General Schukows Ende April 1945 in Wünsdorf Einzug hielt, konnte der dortige Truppenübungsplatz bereits auf eine lange Tradition zurück blicken. Seit 1907 gaben sich hier schon viele Militärs die Klinke in die Hand. Nach dem Kaiserreich kamen Kriegsgefangene und als die wieder weg waren kam die Wehrmacht. Wie es mit der geendet hat, ist bekannt und dann waren die Sowjets da. Bis ins Jahr 1994 haben sie sich in Wünsdorf häuslich niedergelassen und eingerichtet – Wünsdorf war eine sowjetische Stadt in Brandenburg. Die „Russen“ gingen dann wieder gen ihrer Heimat und Detlev Steinberg war mir seiner Kamera dabei.

Die Fotos, die er dabei geschossen hat, berühren. Sie berühren, weil sie nicht nur Vergangenes dokumentieren, sondern auch Menschen zeigen. Menschen und Seelen hinter den uniformierten Gesichtern. Und diese Gesichter gab der Fotograf Steinberg den Soldaten, die auf eine reine Armeedienstnummer degradiert waren, auf seinen Fotos wieder zurück. Er verstand es, den Nummern Leben einzuhauchen, sie aus der militärisch typischen Anonymität auszublenden. Ermöglicht hat ihm diese Aufnahmen seine alte Rolleiflex-Kamera, die er unaufdringlich bedienen konnte ohne sein Gegenüber dadurch zu kompromittieren.

Soldaten gehen, Ruinen bleiben

Andreas Franke, der Co-Autor des Bildbandes „Wünsdorf“, hatte, obwohl in Berlin aufgewachsen, bis zum Jahr 2001 noch nie etwas von der militärischen Anlage in Wünsdorf gehört. Dann kam er das erste Mal während eines Ausflugs dorthin und zwei Monate später war er selber Einwohner des rund 6.000 Einwohner zählenden Ortes. Fasziniert von der Aura des Vergangenen hing er beim Durchstreifen des Geländes seinen Gedanken nach und begann daraufhin, das ehemalige Militärgelände mit seinen Augen und dem Blick durch den Sucher seiner Kamera zu erfassen. Zu viel gab es in den verlassenen Gebäuden zu entdecken.

Schließlich traf er auf  Detlev Steinberg und die beiden beschlossen, ihre Aufnahmen in einem gemeinsamen Bildband zu veröffentlichen. Der Zeitpunkt des 20. Jahrestages schien ihnen perfekt gewählt und so gelangt der Betrachter des Buches heute in eine Zeit der Wende, des Überganges, der Veränderung. Es bedarf keines großen Textes, um die Fotos zu erklären. Die Aufnahmen sprechen ihre eigene deutliche Sprache. Sensibel gegenübergestellt öffnen sie ein Kapitel des deutsch-sowjetischen Miteinanders, bei dem jeder vom anderen zu profitieren versuchte, was im Rahmen des Möglichen stand.

Für die beiden Autoren ist der Ort längst ein Teil ihres Lebens geworden. Das zeigt sich deutlich in den ausdrucksstarken Bildern, die sie in ihrem Bildband präsentieren. Lebendige Menschen, verfallenen Gebäuden gegenüber gestellt, zeichnen ein Bild von kasernierter Einsamkeit, aber auch von Menschlichkeit und Wärme. Vielleicht auch ein Bild des „deutschen demokratischen“ Alltags, in dem die Sowjetunion zwar allgegenwärtig, aber auch so weit weg erscheint. Die Sowjets sich, wenngleich auch unter „Brüdern“, dennoch nur in einem fremden Land, bewegten.

Noch heute kann man die ehemaligen, mittlerweile arg verfallenden, Militäranlagen im Rahmen geführter Touren besichtigen. Wem jedoch, fernab von touristischer Momenthascherei, daran gelegen ist, mehr über die ostdeutsche Vergangenheit und die deutsch-sowjetische Beziehung zu erfahren, dem sei dieser Bildband aufrichtig ans Herz gelegt. Wir können ihn nur wärmstens empfehlen…

Andreas Franke, Detlev Steinberg, „Wünsdorf – Eine russische Stadt in der DDR – 20 Jahre nach dem Abzug der Sowjetarmee“, Mitteldeutscher Verlag 2014, 128 Seiten. ISBN: 978-3954622450

[mb/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.