Bauausführung liegt in Russland in der Hand inländischer Unternehmen

Ausländische Firmen haben Chancen bei Prestigeprojekten / Investoren sind weiterhin willkommen

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[Von Ullrich Umann Moskau gtai ] – Mit der Ausführung von Bauvorhaben werden in Russland in der Regel inländische Unternehmen beauftragt. Auch russische Planer und Architekten werden gegenwärtig bevorzugt. Ausländische Firmen haben Chancen bei Projekten im besonders repräsentativen Bereich, einschließlich der Innenarchitektur. Die meisten ausländischen Unternehmen aus dem Baubereich arbeiten in Russland bei der Projektierung und Planung sowie bei der Lieferung von Technologie und Baumaterialien.

Den Löwenanteil am Bauvolumen in Russland realisieren inländische Unternehmen. Ihnen kommt dabei ihr seit Jahren gepflegtes Beziehungsnetz zu den Auftraggebern, insbesondere aus der öffentlichen Verwaltung, zugute, aber auch das breite Spektrum an Referenzen, auf das sie in der Regel verweisen können.

Die sogenannten Jahrhundertbaustellen zur Vorbereitung der Olympischen Winterspiele in Sotchi 2014 und im Fernen Osten (Asien-Pazifik-Gipfel 2012) sind inzwischen abgeschlossen. Bei beiden Großprojekten waren die Projektbetreiber auf ausländische Expertise und Technologie regelrecht angewiesen, weshalb sich die Auftragslage für deutsche Firmen spürbar verbesserte. Diese Nachfragewelle ist inzwischen wieder abgeebbt. Neue Aufträge winken nun im Rahmen der Vorbereitungen zur Fußball-WM 2018. Entsprechende Meldungen können dem gemeinsamen Sportportal von Germany Trade & Invest und der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer auf der Internetseite  http://www.sport-russland.de  entnommen werden.

Türkische Unternehmen stark vertreten

Unter den ausländischen Baufirmen haben türkische Auftragnehmer mit die stärksten Positionen auf dem russischen Markt besetzt. Nach Angaben der türkischen Botschaft in Moskau wird das Auftragsvolumen von Baufirmen aus diesem Land 2014 etwa 50 Mrd. Rubel (rund 871 Mio. Euro; Durchschnittskurs im November 2014: 1 Euro = 57,373 Rubel) erreichen. Die Höhe türkischer Direktinvestitionen in die russische Wirtschaft beträgt 10 Mrd. $. Einen Zuwachs an Aufträgen verzeichnen inzwischen auch chinesische Baufirmen infolge der zunehmenden Direktinvestitionen aus dem Reich der Mitte.

Die meisten ausländischen Firmen aus dem Baubereich sind nicht direkt in der Bauausführung angesiedelt, sondern arbeiten im Vorfeld bei der Projektierung und Planung sowie bei der Lieferung von Technologie, Maschinen, Baumaterialien und Baustoffen.

Zahlreiche deutsche Firmen unterhalten eine Niederlassung

Eine Reihe deutscher Architekten, Planer und Projektsteuerer sowie Ausrüster und Technologielieferanten, teilweise auch Spezialbaufirmen, sind in Russland mit einer eigenen Niederlassung vertreten. Dazu gehören unter anderem ASSMANN Beraten + Planen OOO, Bilfinger OOO, Drees & Sommer Project Management and Building Technologies OOO, Ingenieurbüro Zammit OOO, pbr Architects & Engineers St.-Petersburg OOO, Peri OOO, RKW Architektur + Städtebau Russia OOO, Stieblich-Industriebau-Projektierungsbüro OOO, Stahlbau Stieblich, Agiplan OOO, Hausmann & Partners OOO, Heitkamp Rus OOO, HOCHTIEF Development Russland OOO, KVL Consult OOO, MosMeva ZAO, NOE-Schalttechnik Meier-Keller GmbH+Co.KG, Real Estate Managment ZAO und THOST Russia Projektierungsmanagement OOO. www.lenspezsmu.ru

Speziell für die Planung, den Bau und die Einrichtung von Kliniken zur Gesundheitsfürsorge hat sich BPS Medical OOO niedergelassen. Softwareprogramme für die Bau- und Immobilienwirtschaft stellt die Firma conject OOO zur Verfügung. Zu den Lieferanten von Bauteilen, Baustoffen, Bauchemie und Baumaterialien mit Niederlassungen in Russland gehören quick-mix ZAO, Schöck OOO, STREIF Baulogistik Russland OOO, REHAU OOO, Knauf Gips OOO, HeidelbergCement Rus OOO, Henkel und BASF.

Im Tiefbausektor arbeiten in Russland folgende deutsche Bauunternehmen, Zulieferer und Planer: BAUER Technologie OOO, Bilfinger OOO, conject OOO, HAUSMANN & PARTNERS OOO, Heitkamp Rus OOO, HOCHTIEF Development Russland OOO, KKM Knape/Kirchner ZAO, KVL Consult OOO, Lafrentz Achte Baugesellschaft mbH, Lindab Buildings OOO, OBERMEYER Rus OOO, Rizalit OOO, Schöck OOO, STREIF Baulogistik Rus OOO, THOST Rus Projektmanagement OOO, Unger Steel OOO, Armacell OOO, Deutsche Werkstätten Rus OOO, Hörmann Rus OOO, Imtech Rus, IRT GmbH, Lindner OOO, Modul Engineering Anlagentechnik GmbH, OBERMEYER Rus OOO, Streif Baulogistik Rus OOO und YIT Lentek ZAO.

Neben den Niederlassungen deutscher Spezialfirmen sind folgende Unternehmen aus Europa und Übersee in Russland aktiv: Ariston Therma Rus, Arkema France, Atron – Lindab Buildings LLC, Bekaert N.V., Caverion Elmek OOO, CRH, Dow Corning LLC, DuPoint Science and Technologies, Freudenberg Group, Interface Russia LLC, Legrand Group, Rautaruukki OYJ, Roca, Rockwool, Saint-Gobain CIS, Ursa Aurasia LLC, Wienerberger Kirpitsch LLC, Atlas Copco, Bell Equipment Rus OOO, Caterpillar Eurasia LLC, CNH Industrial Rus, Doosan Infracore Co, Hitachi Construction Machinery Eurasia, Hyundai Heavy Industry Co., JCB, John Deere Rus LLC, Komatsu CIS, Liebherr Rus, Volvo Vostok ZAO und YIT Rakennus.

Auslandsinvestoren weiterhin willkommen

Die russische Regierung will europäische Unternehmen an der weiteren Wirtschaftsentwicklung unverändert teilnehmen lassen. Eigens sei ein Gesetz über Industriepolitik in Vorbereitung, auf dessen Grundlage die Investitionsbedingungen verbessert werden. Dazu gehören Steuervorteile, die künftig die Verwaltungen der russischen Regionen ansiedlungswilligen Firmen zusagen können, selbst auf den föderalen Teil von Steuern.

Das Netz an Industrieparks, die über eine geeignete Infrastruktur für Firmenansiedlungen verfügen, wird von derzeit 49 langfristig auf 200 ausgebaut. Aktuell seien 30 neue Industrieparks in Vorbereitung. In Anbetracht weiterer Sanktionen unterstrich Industrie- und Handelsminister Denis Manturow, dass Gebietsverwaltungen und die föderale Regierung von einmal gegebenen Zusagen für Investoren während der Vertragslaufzeit nicht abrücken. Damit würde nach seinen  Worten volle Planungssicherheit garantiert.

Industriefonds zur Zinssubvention in Vorbereitung

Die Regierung habe im Rahmen des geplanten Gesetzes über Industriepolitik einen Industriefonds aufgelegt, sagte Manturow. Dieser solle dazu dienen, die finanziellen Nachteile auszugleichen, die den russischen Unternehmen durch den Kursverfall des Rubels und die Anhebung des Basiszinssatzes der Zentralbank, die zu einer Verteuerung der Kredite führte, entstehen. Aus dem Fonds könnten dann Mittel zur Zinssubvention für Industrieprojekte fließen.

„Die derzeit fallenden Rubelkurse haben auch eine positive Seite“, erklärte Manturow, „und zwar für Exporteure von Gütern und Dienstleistungen. Importe verteuern sich, was einmal mehr für die Errichtung von Produktionsniederlassungen in Russland spricht. Doch kann die Regierung die Wechselkurse nicht direkt beeinflussen. Die Zentralbank interveniert, kann aber auch keine Wunder bewirken. Der Rubelkurs bildet sich auf natürliche Weise“, so der Minister. In Bezug auf nationale Lieferklauseln bei öffentlichen Ausschreibungen wird die Regierung ihren Kurs beibehalten. Manturow argumentierte, dass Russland damit gegen keine einzige internationale Abmachung verstoße. Sein Land habe entsprechende Zusatzprotokolle zum WTOBeitritt nicht unterschrieben. Auch würde bei öffentlichen Ausschreibungen auf Geld des Steuerzahlers zurückgegriffen, weshalb eine gewisse Verpflichtung zur Unterstützung russischer Unternehmen bestünde.

Planungsaufträge durchlaufen Modetrends

Die Vergabe von Planungsaufträgen in der Bauwirtschaft durchläuft inhaltliche Modetrends bezüglich der Architektur, teilweise auch des zu verwendenden Materials und der Bautechnologie. Stellten zu Anfang der 1990er Jahre Planer und Architekten in den Augen der Auftraggeber einen Kostenfaktor dar, den es zu minimieren galt, wurden nur wenige Jahre später unter recht hohem finanziellen Aufwand international renommierte Büros beauftragt, westliche Architektur in die Stadtbilder zu integrieren.

Inzwischen ist erneut eine Bevorzugung russischer Planer und Architekten zu beobachten, die in den vergangenen Jahren internationale Erfahrungen sammeln konnten. Zudem ist eine neue Generation von Projektanten mit frischen Ideen herangewachsen.

Generalauftragnehmer sind in der Regel russische Firmen

In der Bauausführung kommen in der Regel von vornherein russische Firmen zum Zuge. Ausnahmen gelten bei technisch schwer zu bewerkstelligenden Projekten, für die Erfahrungen und besonderes Know-how benötigt werden. Oder ein ausländischer Investor beauftragt Unternehmen, die er aus seinem Heimatland kennt oder von dort mitbringt.

Teilweise liegt die Bevorzugung heimischer Fachleute aber einfach auch an den zuweilen eigentümlichen Geschmacksvorstellungen der Bauherren, mit denen örtliche Planer, Architekten und Projektsteuerer eventuell in der Tat etwas besser zurechtkommen. Es liegt nun an den ausländischen Büros, der Meinung mit Taten entgegenzuwirken, sie wären lediglich zur Projektierung von Sonder- oder Prestigeobjekten in der Lage.

Keine offenen Ausschreibungen im Wohnungsbau

Projekte im Wohnungsbau haben sich auf Grund des latenten Wohnungsmangels fast von selbst verkauft, was sich derzeit aber ändert. Vor allem aus sozialpolitischen Gründen bezog sich ein erheblicher Teil der öffentlichen Ausschreibungen auf diesen Bereich. Der private Wohnungsbau wird dagegen nur in den seltensten Fällen offen ausgeschrieben. Vielmehr laden Projektentwickler  und -steuerer in geschlossenen Tendern gezielt dazu ein, Konzepte zu unterbreiten.

Als besonders lukrativ für private Bauherren erweisen sich Hochpreiswohnungen in hauptstädtischer Lage. Übergeben werden die Wohnungen im Rohbau, ausgestattet mit allen Anschlüssen, Fenstern und Türen. Um den Innenausbau kümmern sich spezialisierte Innenarchitekten unter Berücksichtigung des Geschmacks des Wohnungskäufers.

Örtliche Holdings dominieren sozialen Wohnungsbau

Der öffentliche Wohnungsbau wird vor allem durch große Holdings betrieben, sowohl in der Planung als auch in der Durchführung. Wie die Statistik zeigt, gehen diese Holdings regelmäßig aus öffentlichen Ausschreibungen als Gewinner hervor, auf welche Art und Weise auch immer. Plattenbauten, die weiterhin in Masse errichtet werden, erhalten eine leichte Aufwertung durch Schmuckelemente, Simse und Säulen. Dem Massengeschmack scheint es jedenfalls zu gefallen.  Geringe bis moderate Baukosten und im Ergebnis auch Verkaufskosten spielen eine wichtige Rolle, besonders bei Käufern, die nicht zu den oberen Zehntausend der Gesellschaft gehören.

Ausländische Planer mit Chancen bei Prestigeprojekten

Ausländische Planer und Architekten bekommen in der Regel Aufträge für Projekte im besonders repräsentativen Bereich, einschließlich der Innenarchitektur. Hier werden Materialien der gehobenen Preisklasse nachgefragt und es zählen andere Aspekte als bei Bauten im mittleren Segment. Für die Sanierung von Plattensiedlungen, bei der deutsche Architekten ihre Erfahrungen aus der Heimat einbringen könnten, scheint es dagegen weniger Chancen zu geben. In diesem Bereich spielen erstklassige Beziehungen zu den Wohnungs- und Stadtverwaltungen eine ausschlaggebende Rolle, sowie die sich erst etablierenden neuen Normen, die der Reihe EN angelehnt sind.

Nicht jedem Bauunternehmen gelingt die Anpassung an die derzeit enger werden Zahlungsströme aus öffentlichen Kassen. Selbst große Firmen wie die Moskauer Mosinschstroj melden Konkurs an. Die Verschuldung des Unternehmens gegenüber den Banken liegt bei 7,5 Mrd. Rubel. In der Periode 2011 bis 2013 hatte Mosinschstroj Aufträge im Volumen von 13,1 Mrd. Rubel in den Büchern. Im Gegenzug mussten aber Kosten in Höhe von 14,4 Mrd. Rubel gestemmt werden. Im Frühjahr 2014 wurde dieses Rennen aufgegeben.