Bankrotterklärung eines Journalistenpreises

Eine Schmährede zur Ehrung von Golineh Atai (ARD) mit dem Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis

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Wie kann sich ein Journalistenpreis am besten selbst schaden? Indem seine Jury sich bei einem Preisträger völligst daneben entscheidet, am besten genau entgegen den Maximen des Preisstifters, wie beim Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis für die ARD-Frontberichterstatterin vom Dienst Golineh Atai.

Neutralitätspreis für Meinungsmacherin?

Schon fast zynisch mutet es da an, wenn Berichterstatter über die Preisverleihung das Zitat des Namensgebers anbringen, der so schön meinte, einen guten Journalisten erkenne man daran, dass er sich mit keiner Sache gemein mache, nicht einmal mit einer guten. Denn wenn es eine Maxime gibt, der Frau Atai garantiert nicht folgt dann dieser. Gerade Atai ist die klassische Vertreterin des neuen deutschen Mainstream-Journalismus, die (1) weiß, wer richtig und wer falsch liegt und (2) sich dabei völlig im Recht sieht, die mit dem „richtigen“ übereinstimmende News zu berichten und die Kleinigkeiten, die dem „falschen“ helfen könnten wegzulassen. Zuletzt geschehen übrigens vorgestern auf Atais Twitter-Feed mit Repost der Tagesschau am vorgestrigen Tag, als sie (1) verkündete, die Donbass-Rebellen hätten den Waffenstillstand für beendet erklärt und (2) verschwieg, dass sie dies aufgrund eines besonders schweren Bruchs der Feuerpause durch einen Beschuss der Regierungstruppen taten.

Die Wahrheit der Golineh Atai

In früheren Fällen ging sie durchaus noch weiter, um für die Unterstützung „ihrer“ Wahrheit unabhängig von solch Nebensächlichkeiten wie unliebsamen Fakten zu sorgen. Wie bei ihrem Aufenthalt in Donezk im August, wo sie tote Zivilisten durch Militärbeschuss irgendwie erst bemerkte, als es endlich einmal die Rebellen waren, die mutmaßlich am Abzug saßen und nicht die Nationalgarde (oder heißen die im ARD-Jargon noch „Freiwilligeneinheiten“?). Oder beim Blutfreitag von Odessa, den Atai von „vor Ort“ ebenso aus Donezk kommentierte (Distanz 700 km), in ihrem Bericht aus zu gereisten, gewaltbereiten Euromaidanern zugereiste „Prorussen“ und gewaltfreie Euromaidaner wurden und aus einer gewollten Provokation von Atais „guter Seite“, die mit 46 Toten endete (mehrheitlich leider ebenfalls  durch „gute“ Hände)  in ihrem Bericht so etwas wie ein Unglücksfall von „krimineller Brandstiftung“ unbekannter Täterschaft.

Mein Gott, wie kann man eine solche Journalistin mit einem Preis ehren, der nach jemandem benannt wurde, dem offenbar Neutralität in einer Berichterstattung über alles ging? Mag man sie ehren, mag Poroschenko ihr einen Orden für ihre Verdienste um die euromaidanische Befreiung anheften, mögen ihr grüne Euromaidan-Verehrer irgendwelche Bundestags-Medaillen hinterher werfen, aber bitte, man kann doch nicht ernsthaft einer offen in redaktionellen Beiträgen Partei ergreifenden Journalistin einen Neutralitätspreis geben?

Heldenpathos bei der Preisverleihung

Um dem Fass den Boden auszuschlagen, glänzt Moskau-Korrespondentin Atai dann auch gleich bei der Ehrung noch mit diesem unsäglichen Helden-Pathos, wie man es von deutschen Osteuropa-Berichterstattern der großen Medien gewöhnt ist. „Keine Angst zu haben macht mir Angst“ zitiert sie das Hamburger Abendblatt, denn die arme Frau hat in der Tat „wild gewordene Separatisten-Anhänger“ (O-Ton!) erlebt. Da war sie wieder, die Neutralität, für die man Atai ehrt. Und sie muss ja sogar noch Jahre ihres Lebens in Moskau (!) verbringen, gewissermaßen mitten im „Reich des Bösen“, wie unangenehm und zugleich heldenhaft. In – stellen Sie es sich vor – RUSSLAND. Die danach von ihr aufgezählten Belanglosigkeiten vom Spanischen Bürgerkrieg bis hin zu Sibirienträumen möchten wir nicht mehr kommentieren, da der Autor dieser Zeilen ansonsten wirklich die Tastatur vor Wut über diesen unsäglichen Blödsinn an die Wand werfen könnte. Und die war teuer.

Was Frau Atai von Leuten hält, die sie kritisieren, hat sie dem Hamburger Abendblatt sowieso verraten. So erwarten wir nicht, dass ihrer Selbstgerechtigkeit diese bekennende Schmährede in irgend einer Weise „kratzt“. Zur Erwiderung hat sie ihre Jünger. Als „Meinungsmüll“ hat ihr Interviewer Joachim Mischke, Teil des gleichen „Rennstalls“ wie die von ihm angebetete, alle Kritik an der neuen Heldin des deutschen Journalismus mit einem Wort abqualifiziert. Diese Reaktion zeigt leider sehr deutlich, auf welchem Niveau der deutsche Mainstream-Journalismus angekommen ist, wenn er sich mit andersartigen Meinungen aufgrund deren Vielzahl beschäftigen muss. Vielleicht ist das wirklich ein Journalismus, der Flaggschiffe wie Atai braucht, denn jedes Fußvolk wählt sich nunmal die Anführer, die zu ihm passen. Deshalb natürlich auch von uns: Herzlichen Glückwunsch, Frau Atai – bei uns mit einem kleinen Fundstück aus dem Netz (eingebettet von YouTube)

Und auch wir können, wie unsere hochdotierten Kollegen bei der Printpresse, bei all der Ehrerei am Ende mal ein passendes Zitat werfen: „Wenn die Journalisten im Kapitalismus feierlich werden, muss man sich nach der Gewinnspanne erkundigen.“ (Ernst Alexander Rauter)

Foto: Superbass, Creative Commons