Automobilindustrie in Russland im Rückwärtsgang

Russland ist als Markt für Automobilhersteller nach wie vor interessant, wird aber die früheren optimistischen Erwartungen der Branche wohl nicht erfüllen können. Im Gegenteil: Die Automotive-Experten von Roland Berger Strategy Consultants prognostizieren in ihrer neuen Marktanalyse „Russia at the crossroads“, dass die Zahl der in Russland pro Jahr verkauften Fahrzeuge bis 2020 lediglich auf 3,3 Millionen steigen und somit deutlich unter den früher erwarteten vier Millionen bleiben wird. Diese gedämpfte Erwartung ist nicht nur der aktuellen politischen Krise geschuldet, sondern hat vielmehr tiefere makroökonomische und strukturelle Ursachen, wie mangelnde Diversifizierung der Wirtschaft, schwaches Wirtschaftswachstum und fehlende Impulse für den Markt.

„Vor diesem Hintergrund erwarten wir dieses Jahr einen erneuten Rückgang des Marktes um rund sieben Prozent und erst in den nächsten zwei bis drei Jahren eine Erholung auf das Niveau von 2012“, sagt Uwe Kumm, Managing Partner des Moskauer Büros von Roland Berger. „Kurzfristig ist die weitere Entwicklung der politischen Lage ausschlaggebend. Langfristig wird der Markt aller Voraussicht nach wieder stetig wachsen können, allerdings auch dann deutlich langsamer als frühere Marktstudien prognostiziert haben.“ Kumm und seine Kollegen rechnen für die Jahre 2014 bis 2016 mit einem Wachstum des Automobilabsatzes in Russland um jährlich rund sechs Prozent, was einem Nachholeffekt geschuldet ist, und 2016-2020 um jährlich 3,5 Prozent. „Das ist nach wie vor attraktiv, aber die bisherige Vorhersage von über vier Millionen verkauften Fahrzeugen im Jahr 2020 ist selbst im optimistischen Szenario nicht länger zu halten“, sagt Kumm. Er erwartet deswegen eher einen Markt von 3,3 Millionen Fahrzeugen in 2020 und auch das sei angesichts der politischen und makroökonomischen Unsicherheiten mit Fragezeichen zu versehen.

Importanteil wird steigen, lokale Produktion abnehmen

Dennoch betonen die Experten von Roland Berger die Wichtigkeit des russischen Automobilmarkts: „Russland ist und bleibt einer der Top-10-Märkte mit erheblichem Potenzial“, sagt Jürgen Reers, Partner im Automotive Competence Center von Roland Berger. „Es wird aber in den nächsten Jahren erheblich hinter den bisherigen Erwartungen zurückbleiben und als Produktionsstandort mit angezogener Handbremse, wenn nicht im Rückwärtsgang unterwegs sein.“

Nach den Erkenntnissen der Roland Berger-Experten ändert sich neben dem verlangsamten Wachstum auch die Struktur des Markts: Denn im Rahmen von Russlands WTO-Beitritt laufen im Jahr 2018 die Abkommen zur Unterstützung lokaler Produktion aus. „Dann werden die Vorteile einer Herstellung in Russland verschwinden“, sagt Berger-Partner Reers. Hinzu kommen sinkende Importzölle auf Komplettfahrzeuge und eine grundsätzlich schlechte Kostenstruktur der russischen Produktionsstätten. Der Autoexport aus Russland wird weiterhin eine sehr geringe Rolle spielen, und aufgrund der Spannungen mit der Ukraine wird sogar ein wichtiger Exportmarkt wegbrechen. „Selbst unter der Annahme gleichbleibender Subventionierung lokaler Produktion würde so der Importanteil im russischen Automarkt von heute etwa 30 Prozent auf 50 Prozent oder mehr ansteigen“, sagt Reers. Von den momentan noch vor Ort hergestellten Fahrzeugmodellen ausländischer Autobauer könnten in Zukunft über 40 Prozent nach Russland importiert werden. Besonders Modelle mit jährlichen Stückzahlen unter 25.000 seien demnach langfristig in Russland nicht mehr wettbewerbsfähig zu produzieren. „Deshalb müssen Automobilhersteller und -zulieferer kurzfristig gegensteuern und ihre Strategie neu ausrichten“, sagt Reers.

Negative Folgen für die gesamte russische Autoindustrie

„Die Mehrheit der russischen Produktionsstätten internationaler Autohersteller wird mit europäischen Standorten nicht mithalten können“, sagt Juri Wagenleitner, Automotive-Experte bei Roland Berger und Autor der Studie. „Sie sind zu klein, zu unproduktiv und müssen zu viel Wertschöpfung über lange Distanzen transportieren. Angesichts der vorhandenen Überkapazitäten konkurrieren sie zudem gegen variable Kosten der Stammwerke, die in der Regel gleiche Modelle in höheren Stückzahlen herstellen.“ Die Roland Berger-Experten sehen daher ein erhebliches Risiko, dass bis 2020 viele internationale Hersteller ihre Produktion und lokale Wertschöpfung in Russland gegenüber ursprünglichen Planungen deutlich reduzieren könnten. Dann müsste die gesamte dortige Automobilindustrie mit Einschnitten rechnen: Insbesondere trifft es die Auftragsfertiger, die heute in der Regel Modelle mit kleineren Stückzahlen herstellen, aber ebenso russische Hersteller, die auf eine schlagkräftige Zulieferindustrie angewiesen sind. Abbau von Arbeitsplätzen, geringere Steuereinnahmen und negativer Einfluss auf eine sowieso angespannte wirtschaftliche Situation wären die Folgen.

„Der russische Staat ist gefordert, die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen so zu verbessern, dass sich die Produktion in Russland auch künftig lohnt“, sagt Studienautor Wagenleitner. „Es braucht vor allem eine klare und langfristige Strategie für die Automobilindustrie, die Herstellern und Zulieferern wieder finanzielle Anreize zur lokalen Produktion bietet.“ Die Roland Berger-Experten sehen die russischen Hersteller in der Pflicht, den Staat hierbei zu unterstützen und die Aktivitäten mit allen anderen Beteiligten zu koordinieren. Bis es so weit ist, sei jeder Marktteilnehmer gut beraten, die eigene Situation zu optimieren und Risiken abzubauen – zumal, wenn sich die politischen Rahmenbedingungen nicht oder nicht rechtzeitig besserten.

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