Aus der russischen Hexenküche – H2O2 kann mehr als nur Haare bleichen

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Eine der Stereotypen über Russland lautet, Russen seien pragmatisch. Gut, das mag stimmen. Jedoch, wer im hintersten Sibirien einen LKW mittels Hammer und Schraubenzieher wieder flott kriegt, kann so unrecht gar nicht haben. Wir finden das gut, denn es erleichtert einfach vieles. Genauso gut kennen sich die Russen mit altbewährten Hausmitteln aus.

Der Autor dieser Zeilen kann sich noch genau erinnern. Ein Spaziergang mit dem Hund, eine Rauferei mit einem anderen Rüden, geschenkt haben sie sich beide nichts. Dementsprechend sah des Autors Hund danach aus, der Andere übrigens auch. Im Gesicht stolz, am Körper leidlich zerfleddert. Der Gang zum Tierarzt war unvermeidlich, nachdem die größte Wunde aufging wie ein Hefeknödel. Es herrschte eine brütende Hitze und der erste Gedanke galt einer Spritze und Antibiotika. Was der Tierarzt mitgab, war eine kleine Flasche Wasserstoffperoxid, chemisch abgekürzt H2O2.

Keine überteuerten Tabletten, keine Injektion, nichts. Einfach nur ein kleine Fläschchen mit Wasserstoffperoxid. Eine Einwegspritze ohne Kanüle dazu, mit dem Ratschlag damit 3 mal am Tag die Wunde auszuspülen. Gut, ein wenig eklig wegen des ganzen Eiters der sich absonderte, aber effizient. Eine Woche später war der Crash behoben. Wasserstoffperoxid – was verbirgt sich eigentlich hinter dem nebulösen Namen dieser vermeintlichen Wunderwaffe?

Der atomare Sturm im Wasserglas

Richtig, in erster Linie Wasser. Wasser, welches atomar angereichert ist. So erklärt es zumindest das Lexikon. Atom hört sich jetzt zwar fürchterlich an, ist es aber in dem Fall gar nicht mal. Es geht um nichts anderes als um ein Gemisch aus Wasserstoff und atomarem Sauerstoff, da dieser besser, im Gegensatz zu atmosphärischem Sauerstoff, direkt in die Zellen des Organismus eindringt. Dieser Prozess lässt sich auch zu Hause bewerkstelligen, so ganz ohne Labor. Schütteln Sie eine Flasche Wasser und schon haben Sie quasi den Sturm im Wasserglas. Der Effekt ist einfach erklärt: Das Wasser sättigt sich mit Sauerstoff und Sie haben nichts anderes bewirkt, als Wasser, wenn auch nur geringfügig, das sich mit atmosphärischen Sauerstoff gesättigt hat und dadurch atomar geworden ist.

Dieser Prozess geschieht übrigens auch in Regenwasser und im Schnee. Wasserstoffperoxid ist zudem auch in frischem Obst und Gemüse enthalten. Dasselbe gilt selbstverständlich auch für frisch gepresste Fruchtsäfte, deswegen sind die ja auch so gesund. Sie sehen, so kompliziert ist das alles gar nicht. Nur die Pharma-Industrie ist außen vor. Da hängt natürlich der Lobby-Haken. Immerhin bringen es Friseursalons auf den Punkt. Schauen Sie sich auf Russlands Straßen um, blondierte Frauen, Wasserstoffblond – Wasserstoffperoxid blond. Richtig, Wasserstoffperoxid dient auch als Bleichmittel.

Gesundheitstipps von „Russlands bestem Heiler“

Aber zudem weit mehr, wie wiederum die Russen wissen. Als Begründer der wieder entdeckten inneren Anwendung von H2O2 gilt, zumindest in Russland, Professor Iwan Neumiwakin. Seit 1966 ist er der Heilkraft von Wasserstoffperoxid auf der Spur, obwohl dessen Wirkungsvielfalt bereits seit über 200 Jahren bekannt ist. Er machte seine Beobachtungen, nein nicht an der russischen Wolga, sondern am afrikanischen Nil. Dort machte er sich um die medizinisch-biologischen Probleme von bemannten Raumflügen Gedanken. Die Bibliotheken sind seitdem um gut 6.000 Artikel zu diesem Thema reicher geworden. Professor Neuwimakin brachte durch seine Untersuchungen Interessantes ans Tageslicht.

Demnach kann man mit Wasserstoffperoxid etlichen Krankheiten zu Leibe rücken. Herz- und Gefäßerkrankungen, Alzheimer, Angina, Asthma, Emphyseme, Diabetes, Multiple Sklerose, rheumatoide Arthritis, Morbus Parkinson und sogar Migräne. Der Professor lässt nichts aus. Es sei an dieser Stelle auf ein Zitat von Iwan Neuwimakin verwiesen, in dem er seine Erkenntnisse auf den Punkt brachte: „Ich empfehle jedem, den Kranken, wie auch den Gesunden, es sich zur Regel zu machen: Wasserstoffperoxid täglich einzunehmen – vom morgigen Tag an, bis zum Lebensende.“

Und der Herr Professor muss es schließlich wissen. Immerhin trägt Neuwimakin den Titel „Russlands bester Heiler“. In der Tat ist Wasserperoxid ein wirksames Mittel gegen Viren, Bakterien und Pilze und dadurch in der Lage, Infektionen und Krankheiten ihren Spaß in Ihrem Körper zu verhageln. Nie mehr graue Haare möchte man also sagen. Und das meinen wir jetzt geradezu wörtlich, denn auch diesem Phänomen kann per Wasserstoffperoxid durch dessen chemische Reaktionsfähigkeit entgegen wirken. Selbst Krebszellen könne Wasserstoffperoxid abtöten, heißt es.

Aber Vorsicht! Denn, wie so üblich, die Dosis macht das Gift.Wasserstoffperoxid ist darüber hinaus auch ätzend. Neuwimakin empfiehlt daher eine 3-Prozentige Lösung. Bevor Sie jetzt also euphorisch zur Tat schreiten, sollten Sie die Medikation vielleicht doch besser mit Ihrem Arzt oder Apotheker absprechen. Dass man nun mit Wasserstoffperoxid auch Sprengstoff basteln kann, verraten wir Ihnen jetzt aber besser nicht.

[mb/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.