Auf der Suche nach Europa – (K)ein Science Fiction

Kiew/Brüssel – Wir schreiben das XXI. Jahrhundert. Das Raumschiff „Ukraina“ trudelt schwer angeschlagen durch Raum und Zeit und versucht durch Hilflosigkeit Boden gut zu machen und dabei zufällig noch das sagenhafte Europa zu finden. Dieses sagenumwobene Europa, von dem es schon immer hieß, es fließe Milch und Honig in den Bächen. Und nach den Sternen brauche man nur zu greifen und schon könne man sie pflücken.

Nach dem Traum des Rausches kommt die nüchterne Wahrheit des Erwachens. Brüssel droht und Kiew brennt. Der große Onkel steht unmittelbar dahinter und diktiert die Richtung der Flammen. Das dachte sich der große Onkel zumindest. Jetzt zündelt die Flamme zurück. Es wird heiß. Da erscheint auf dem flammenden Bildschirm das Gelobte Land. „Oh scheinheiliger Bama, auf dass du uns erlässt unsere Schulden und all unsere Schuld, die wir uns mit diesem Schlamassel aufgehalst haben. Vergib uns in alle EUwigkeit. Amen…“

Jetzt zeigte sich der Oh scheinheilige Bama gnädig und wie immer milde in seinem Amt zugange, wies er der „Ukraina“ Reparaturlösungen für ihr angeknackstes Schiff. Es sei nicht weiter kompliziert, meinte er. „Business as usual“, so nennt man das in seiner Sprache. Es wurde flugs ein Mechaniker-Team ausgesandt, mit schwerem Gerät bestückt, um den Karren wieder flott zu machen. Dumm nur, dass den Handwerkern ihr Gerät auskam. Vielleicht auch dem Gerät die Handwerker. Müßig, jetzt noch darüber zu sinnieren. Noch viel dümmer allerdings, dass die ganze Welt dabei zusah.

Der Steinerne Meier, dereinst als Gesandter ausgesandt, so wie es sich für Gesandte gehört, kapitulierte schnell und sah ein, dass ihm die Rolle des Kapo auf der Baustelle nicht liegen würde. Aber ungerecht wie die Welt nun mal ist, wirft man ihm jetzt Vertragsbruch vor. Er hat beschlossen, ab jetzt seinen Mund zu halten. Der butterzarte persönliche Gesandte des großen Onkels, John Kerry-Gold, blitzte dagegen mit seinem strahlenden Gebiss und sprach Prophezeiungen von Elend, Tod und Niedergang und wies pro forma auch gleich auf das Jüngste Gericht hin. Beiläufig erwähnte er noch, dass es nie mehr Buletten und Cola geben würde, wenn das hier so weiter ginge.

Da erwachte schließlich der Zar, mittlerweile als Bär verkleidet, aus seinem Winterschlaf und wetzte seine Krallen. Sah noch schnell in den Spiegel, um zu prüfen, ob die Zähne wirken und trabte los. Da entfuhr der Jungfrau Geli, die die schwere Bürde der Bundeslade drückt: „Oh großer scheinheiliger Bama, erbarme dich unser.“ Dem Bären war das egal. Er trachtete nach dem Honigtopf, der schon immer seiner war. Bestürzt musste er sehen, wie sich die Handwerker darüber hermachten. Über seinen Topf wohlgemerkt. Da wurde der Bär brummig. Ein silbern Schifflein, das auf der See dahergeschwommen kam, hatte Verständnis für des Bären Gram und versprach ihm, ab jetzt nur noch für ihn auf hohe See zu gehen. Viele Fischlein stimmten zu. Das stimmte den verkleideten Zaren wieder gnädig. Vorerst zumindest.

Die Handwerker, die jetzt versuchten den Süd-Flügel der lädierten „Ukraina“ wieder flott zu machen, fluchten: „Oh scheinheiliger Bama, Oh Steinerner Meier, Oh Geli mit der Bundeslade, bringt uns doch bitte aus dieser heiligen Kacke wieder heraus. Am besten in das legendäre Europa.“ Sie, die Angebeteten, klopften sich vor Lachen auf die Schenkel. „Ach weißt du“, sagten sie zu dem Kommandanten der „Ukraina“, von dem niemand so richtig wusste, wer das überhaupt gerade war, „Weißt du, eigentlich ist es ja dein eigenes Ding“. Den Honigtopf hätten sie ja dann schon recht gerne selber gehabt. Mitsamt dem Bären natürlich, dessen Fell aber noch nicht zu verteilen ist. Doch der Bär war nun wachsam und gereizt, wie da hinterrücks über ihn geredet wurde.

Beflissen dachten sie nach, die Heiligen aus dem Abendland. Es musste doch irgendeinen Weg geben den Bären aus der Reserve und dadurch in eine Falle zu locken. Da vertrauten sie ihren Priestern in Gnaden von Wort und Bild. Die wurden nicht müßig die gelobten Lande zu preisen, ein Hosianna nach dem anderen zu zelebrieren und der irdischen Bevölkerung die Mär vom bösen Ungetüm zu unterbreiten und dass der Honigtopf doch für alle da sei. Nur sie wussten, dass davon nur die Heiligsten der Heiligen naschen dürfen. Das musste man aber nun auch nicht jedem auf die Nase binden. Der Bär indes spielte gelangweilt mit seinen scharfen Krallen.

Der Besatzung des entglittenen Raumkreuzers „Ukraina“ wurde das ganze Theater langsam zu blöd. Nachdem sich der eigentliche Kommandant Jan U. Kowitsch schon längst in die Weiten des Weltalls abgesetzt hat, folgten nach und nach immer mehr seiner Schäflein seiner Spur. Wohin genau weiß vermutlich nur der amtliche Rückenkratzer des Bären, Law Rough. Aber der verrät nix. Soviel ist er dem Bären schuldig. Immerhin hat sich Law Rough schon einen tollen Namen in den Verhandlungen um den Kampfstern „Syria“ geschaffen. Da konnte er das Gröbste gerade noch so abwenden. Zwar trudelt der „Syria“ immer noch im Off zwischen Gut und Böse, aber es gab zumindest noch keinen Flächenbrand.

Das erinnerte den Bären, der inzwischen hellwach war, an einen Vorfall, als schon einmal einer an einen seiner Honigtöpfe zu gelangen versuchte. Damals war es da das kleine und unbedeutende Raumschiff „Georg I. N.“ Auch damals hatte der führende Kommandant Willi Sacka’sch nach dem Töpflein gegriffen, weil er auf die Aufmunterung des Oh scheinheiligen Bamas Vorgänger Schorsch Imbuschschlüssel gehört hatte und Unterstützung erhoffte. Aber wie sich die Geschichte wiederholt, klopfte sich der Schorsch Imbuschschlüssel auch dereinst vor Lachen auf die Schenkel und wollte hinterher von nichts mehr wissen. So spielt das Leben, so geht das Universum seinen Gang. Den Willi Sacka’sch haben hinterher alle ausgelacht. Bis auf die, die wegen ihm auf der Strecke blieben natürlich.

Ihr merkt liebe Kinder, es ist eine Geschichte mit der „Ukraina“, die langsam aus dem Ruder läuft. Der Einzige der derzeit davon profitieren mag, wird der Gerd Gas sein. Irgendjemand wird die Schulden der noch offenen Gasrechnung schon bezahlen. Ihr habt das bestimmt schon mal von Peter Lustig gehört. Erst klingelt der Gasmann, dann mahnt er mit erhobenem Zeigefinger und irgendwann fängt der Gasmann an, fürchterlich zu schimpfen. Wenn eure Eltern das nicht hören wollen, habt ihr nächsten Winter ein kaltes Zuhause. Fast so kalt wie in Sibirien. Der Gasmann dreht dann nämlich unbarmherzig den Hahn zu. So einfach ist das für den Gasmann.

So, nun aber ab ins Bett ihr kleinen Racker und fragt euch bitte nicht, was an dieser kleinen Gute Nacht Geschichte Ehrliches dran ist, die Wahrheit würde euch den Morgen versauen. Eben alles…

[mb.russland.RU]

Foto: M. Barth

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.