Auch die Russen haben ihren Karneval [Mit Video-Classic]

Vom 16. bis zum 22. Februar feiern die Russen Masleniza

Am Aschemittwoch ist bekanntlich „alles vorbei“. Doch nicht in Russland. Wenn im Rheinland der Karneval zu Ende geht, fangen die Russen grade erst an zu feiern. Eine Entsprechung des Karnevals heißt im Russischen Masleniza („Масленница), was vom Wort „maslo“ (масло) stammt und ins Deutsch als Butterwoche übersetzt werden kann. Das ist ein sehr ausgelassenes Fest, bei dem es vor allem um deftiges Essen geht. Man haut  so zu sagen noch richtig rein, bevor die Zeit des Verzichts kommt. Denn nach dieser  Woche beginnt die strenge Fastenzeit vor dem Osterfest. Aber die ganze Woche, die Masleniza gefeiert wird, darf man Milchprodukte, Eier und Käse essen (jedoch kein Fleisch).

Die  Masleniza dauert sieben Tag, dabei hat jeder Tag seinen Namen. So lädt z.B. am Mittwoche die Schwiegermutter ihren Schwiegersohn zum Blinys-Essen ein.  Am Freitag  am „Schwiegermutterabend“ – ist dann der Schwiegersohn dran und muss seine Schwiegereltern bewirten. Denn eigentlich dreht sich alles nur um ein typisch russisches Gericht – die Blinys.

Viele Russinnen kennen ihr eigenes Rezept für Blinys – diese mächtigen runden Pfannkuchen aus Hefeteig, die in ihrer Form an die Sonne erinnern sollen. Sie werden aus Hirse- Buchweizen- oder Weizenmehl gebacken. Die Blinys begleiten die ganze Woche dauernde Volksfeste. Ob mit Schmand, Kaviar, eingesalzenem Fisch, mit Marmeladen, Honig oder nur pur – einen dampfenden Blin „vom Feuer aus der Glut“, wie die Russen zu sagen pflegen, draußen zu essen ist  Genuss pur für den Gaumen!

Der russische Dichter Anton Tschechow hat sie mit einem molligen „Oberarm einer Kaufmannstochter“ verglichen. In seiner Erzählung  „Über die Vergänglichkeit“  freut sich  der Held auf seine Blinys-Mahlzeit so: „ Um die Getränke drängten sich in kunstvoller Anordnung  Heringe in Senfsoße,  Sprotten, saure Sahne, schwarzer Kaviar, frischer Lacks und mehr.  Runterstopf  lächelte wohlgefällig und übergoss  die Blinys mit heißer Butter. Dann, als wollte er seinen Appetit schüren und sich am Vorgeschmack ergötzen, bestrich er sie, langsam und hin und wieder innehaltend, mit Kaviar.  Die Stellen, auf die kein Kaviar gekommen warm begoss er mit Sahne“.

Das Feiern von Masleniza zu Sowjetzeit war genauso verboten,  wie Weihnachten oder Ostern. Doch obwohl es keine öffentlichen Feierlichkeiten stattfanden, feierten die meisten Russen ihre Masleniza privat. Zumindest das Blinys Backen konnte man den Menschen nicht verbieten.

Heute  ist das Masleniza-Fest wieder ganz „in“. Überall werden zu dieser Zeit Schneeballschlachten und Konzerte unter dem freien Himmel veranstaltet, mitten in Moskau baut man riesige Eisrutschen. Vor allem aber kann man überall die leckeren Blinys genießen.

Weil die Butterwoche mit der anderen Errechnung der Ostern bei den Orthodoxen Christen zusammenhängt, wird sie oft später als der Karneval im katholischen Europa gefeiert. 2015 begann die Butterwoche am 16. Februar, wenn in Rheinland der Rosenmontag tobte.  Genau wie der rheinische Karneval, hat das Masleniza-Fest einen heidnischen Ursprung: die Ost-Slawen feierten den Abschied vom Winter und freuten sich auf den Frühling. Doch seit Christianisierung Russlands wurde Masleniza ein Teil der christlichen Tradition.

Am 22. Februar wird alles vorbei sein. An sogenanntem Vergebungssonntag  bitten die gläubigen Russen einander um Vergebung. Wie der Nubbel am Aschemittwoch des Kölner Karnevals, wird die Strohpuppe von Masleniza in einem rituellen Feuer verbrannt: man verabschieden sich von der Butterwoche. Aber natürlich nicht von den  Blinys. Diese runden Pfannkuchen haben in der russischen Kultur einen Kultstatus und werden zu allen wichtigen Ereignissen des Lebens zubereitet und gegessen. Sie sind auch ein nicht wegzudenkenden Bestandteil des Leichenschmauses. Mit ihnen sind viele Volksglauben, Überlieferungen und Sprichwörter verbunden. „Der erste Blyn wird zum Klumpen“, sagen die Russen, wenn etwas nicht klappt: „Aller Anfang ist schwer“. Aber bei der nächsten Masleniza wird es garantiert gelingen.

Daria Boll-Palievskaya/russland.RU

Masleniza [Video-Classic]

Masleniza in Deutschland [Video-Classic]

Über den Autor

Dr. Daria Boll-Palievskaya
Selbstständige interkutlurelle Trainerin und Coach mit Schwerpunkt Russland. Berät deutsche Unternehmen bei ihrem Engagement in Russland. Freiberufliche Journalistin und Publizistin