Anton Pavlovič Čechov (Tschechow) – Versuch eines Porträts

Anton Pavlovič Čechov (Tschechow) 1889 und 1903
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Literaturessay von Hanns-Martin Wietek (weitere Literaturessays finden Sie hier)

Dies Dichtertum hat es mir angetan. Seine Ironie gegen den Ruhm, seine Zweifel am Sinn und Wert seines Tuns, der Unglaube an seine Größe hat von stiller, bescheidener Größe so viel. Thomas Mann

Über Anton Pavlovič Čechov, einen der größten russischen Schriftsteller, dessen Werke bis in die heutige Zeit hinein wirken, ist viel geschrieben worden. Es gibt viele ausführliche und detaillierte Beschreibungen seines Lebens und seines Schaffens (siehe Literaturangaben), nicht zuletzt Peter Urbans Čechov Chronik und der im Internet erschienene exzellente Artikel von Alexander Savin et. al. (http://de.wikipedia.org/wiki/Anton_Pavlovič _Čechov).
Die wohl treffendste Besprechung Čechovs, seiner literarischen Entwicklung und seiner Zeit ist bei einem Zeitgenossen, dem Anarchisten Fürst Pëtr Alekseevič Kropotkin (*1842, †1921), in einem kurzen Kapitel seiner russischen Literaturgeschichte Ideale und Wirklichkeit in der russischen Literatur nachzulesen.

Hier soll versucht werden zu ergründen, was Čechov geprägt hat. Darüber hinaus werden einige wichtige Züge seines facettenreichen Wesens und ihre Auswirkungen auf sein Werk im Mittelpunkt der Betrachtung stehen; vor allem aber sollen er selbst und seine Zeitgenossen zu Wort kommen.

Zwei autobiografische Kurzlebensläufe gibt es von ihm, aus denen u. a. deutlich hervorgeht, dass er es keineswegs liebte, wenn um seine Person viel Aufhebens gemacht wurde:

Sie brauchen meine Biografie? Da ist sie. Geboren wurde ich 1860 in Taganrog. 1879 beendete ich das Gymnasium in Taganrog. 1884 beendete ich das Studium an der Medizinischen Fakultät der Universität Moskau. 1888 bekam ich den Puškinpreis. 1890 unternahm ich eine Reise nach Sachalin durch Sibirien und zurück übers Meer. 1891 unternahm ich eine Tournee durch Europa, wo ich sehr guten Wein getrunken und Austern gegessen habe. 1892 habe ich mich mit V.A. Tichonov auf einem Namenstag amüsiert. Zu schreiben begann ich 1879 in der Strekoza. Meine Erzählungsbände sind: ›Bunte Erzählungen‹, ›In der Dämmerung‹, ›Erzählungen‹, ›Mürrische Menschen‹ und die Novelle ›Das Duell‹. Ich habe auch im dramatischen Fach gesündigt, wenn auch mit Maßen. Bin in sämtliche Sprachen übersetzt, ausgenommen Fremdsprachen. Übrigens, die Deutschen haben mich schon längst übersetzt. Die Serben und Čechen finden mich ebenfalls gut. Auch die Franzosen sind dem Austausch nicht abgeneigt. In die Mysterien der Liebe eingeweiht wurde ich, als ich 13 Jahre alt war. Mit meinen Kollegen – Medizinern wie Literaten – pflege ich ausgezeichnete Beziehungen. Junggeselle. Möchte eine Pension bekommen. Praktiziere als Arzt, und zwar so weit, dass ich im Sommer manchmal gerichtsmedizinische Obduktionen vornehme, die ich schon 2-3 Jahre nicht mehr durchgeführt habe. Unter den Schriftstellern bevorzuge ich Tolstoj, unter den Ärzten – Zacharjin.
Aber das ist alles Unfug. Schreiben Sie, was Sie wollen. Wo keine Fakten sind, ersetzen Sie sie durch Lyrik.
22. Februar 1892 Anton Čechov an seinen Schriftstellerkollegen V. A. Tichonov (1)

Am 11. Oktober 1899 schickte er an G. I. Rossolimo für einen Ärztealmanach folgende autobiografische Notiz:
Ich, A. P. Čechov, wurde am 17. Januar 1860 [julianischer Kalender = 29. Januar 1860 des heute gültigen gregorianischen Kalenders, hmw] in Taganrog geboren. Ich besuchte zuerst die griechische Schule an der Kirche des Kaisers Konstantin, danach das Gymnasium von Taganrog. 1879 immatrikulierte ich mich an der Medizinischen Fakultät der Universität Moskau. Von den Fakultäten hatte ich damals nur eine schwache Vorstellung, und aus welchen Gründen ich die Medizinische Fakultät wählte, weiß ich nicht mehr, aber ich habe diese Wahl später nie bereut. Bereits im ersten Studienjahr begann ich, in Wochenzeitschriften und Zeitungen zu veröffentlichen, und diese Beschäftigung mit der Literatur nahm bereits Anfang der achtziger Jahre festen, professionellen Charakter an, 1888 erhielt ich den Puškin-Preis. 1890 bereiste ich die Insel Sachalin, um danach ein Buch über unsere Strafkolonie und die Katorga zu schreiben. Die gerichtsmedizinischen Berichte, Rezensionen, Feuilletons und Notizen nicht eingerechnet, umfasst alles, was ich tagaus, tagein für Zeitungen im Verlauf von 20 Jahren literarischer Tätigkeit geschrieben und veröffentlicht habe und was jetzt schwierig wäre, herauszusuchen und zu sammeln, mehr als 300 Druckbogen [1 Druckbogen = 16 Seiten, hmw] an Novellen und Erzählungen. Ich habe auch Theaterstücke geschrieben.
Ich bezweifle nicht, dass meine Beschäftigung mit den medizinischen Wissenschaften großen Einfluss auf meine literarische Tätigkeit gehabt hat, sie hat den Horizont meiner Beobachtungen beträchtlich erweitert, hat mich um Kenntnisse bereichert, deren wahren Wert für mich als Schriftsteller nur der ermessen kann, der selbst Arzt ist; sie besaß auch richtungsweisenden Einfluss, und wahrscheinlich ist es mir, dank meiner Nähe zur Medizin, gelungen, viele Fehler zu vermeiden. Die Bekanntschaft mit den Naturwissenschaften, mit der wissenschaftlichen Methode hat mich immer wachsam bleiben lassen, und ich habe mich bemüht, mein Schreiben dort, wo es möglich war, mit den wissenschaftlichen Gegebenheiten in Einklang zu bringen, wo dies hingegen unmöglich war, zog ich es vor, gar nicht zu schreiben. Nebenbei merke ich an, dass die Bedingungen des künstlerischen Schaffens völlige Übereinstimmung mit den wissenschaftlichen Gegebenheiten nicht immer zulassen; es ist unmöglich, auf der Bühne den Tod durch Gift so darzustellen, wie er sich in Wirklichkeit abspielt. Aber die Übereinstimmung mit den wissenschaftlichen Gegebenheiten sollte man auch in dieser Bedingtheit spüren, d .h. dem Leser oder Zuschauer soll klar werden, dass es sich nur um eine Bedingtheit handelt und dass er es mit einem Schriftsteller zu tun hat, der sich dessen bewusst ist. Ich gehöre nicht zu den Schriftstellern, die sich der Wissenschaft gegenüber negativ verhalten; und zu denjenigen, die alles aus ihrem eigenen Verstande schöpfen, möchte ich nicht gehören.
Was die prakt. Medizin betrifft, so habe ich noch als Student am Zemstvokrankenhaus von Voskresensk (bei Novyj Ierusalim) bei dem berühmten Zemstvo-Arzt P. A. Archangelskij gearbeitet, danach für kurze Zeit als Arzt am Krankenhaus von Zvenigorod. In den Cholerajahren (92, 93) leitete ich das Revier Melichovo, Kreis Serpuchov.

Möge das an dieser Stelle – ganz im Sinne Čechovs – genügen. Ausführlichere Beschreibungen seines Lebens siehe oben und in den Literaturangaben.

Puškin und Čechov werden häufig in einem Atemzug genannt. Tolstoj sagte 1903 in einem Gespräch mit dem Schriftsteller Lazarevskij über Čechov:
Čechov! … Čechov ist der Puškin der Prosa. So wie in den Gedichten Puškins jeder etwas findet, das er selbst erlebt hat, so erblickt der Leser auch in Čechovs Erzählungen sich selbst und seine Gedanken.

Sowohl Puškin  als auch Čechov standen an der Schwelle zu einem neuen literarischen Zeitalter, das sie maßgeblich beeinflussten, wobei Čechovs Einfluss – nicht zuletzt aufgrund der politischen Ereignisse – erst viele Jahre später richtig offenbar wurde. Mit seiner knappen, das Wesentliche auf den Punkt bringenden Sprache war er der Vater der heutigen modernen Literatur, die mit ihrer Betonung des „Plots“ und der Spannungsbögen einer lyrischen Sprache nur noch wenig Raum lässt. In den Briefen an seinen Bruder Alexander finden sich markante Sätze wie „Die Kunst des Schreibens ist die Kunst des Kürzens“ oder „Kürze ist die Schwester des Talents“; in einem der Briefe formuliert er auch „Die Bedingungen eines Kunstwerks“:

[ ] ein großartiges Thema – wird zu einem Kunstwerk nur unter folgenden Bedingungen: 1.) Abwesenheit lang gezogener Wortergüsse politisch sozialökonomischen Charakters; 2.) absolute Objektivität; 3.) Wahrhaftigkeit in der Beschreibung der handelnden Personen und Gegenstände; 4.) äußerste Kürze; 5.) Kühnheit und Originalität; meide das Klischee; 6.) Herzlichkeit.

In einem Brief an M. V. Kiselëva wird Čechovs naturwissenschaftliches Verständnis von Literatur deutlich – in dieser Beziehung ist er ganz ein naturalistischer Schriftsteller, wie es seine Kollegen Boborykin und Mamin-Sibirjak waren: Für Chemiker gibt es auf der Erde nichts Unreines. Der Schriftsteller muss genauso objektiv sein wie ein Chemiker; er muss sich frei machen von der Subjektivität seines Alltags und wissen, dass die Misthaufen in der Landschaft eine sehr beachtliche Rolle spielen und böse Leidenschaften dem Leben ebenso eigen sind wie gute … Kläglich wäre das Schicksal der Literatur (der großen wie der kleinen), wenn man sie der Willkür persönlicher Ansichten preisgäbe. (Mit dieser letzten Ansicht ist er wohl auch der heutigen Zeit noch voraus.)
Dieses rationale, naturwissenschaftliche Verständnis vom Schreiben heißt jedoch nicht, dass man bei Čechov keine oder nur trockene Landschaftsbeschreibungen fände. Im Gegenteil: In seiner Erzählung Die Steppe beispielsweise oder in der Beschreibung seiner Reise zur Insel Sachalin finden sich Landschaftsschilderungen, bei denen man glaubt, er hätte Farben statt Worte verwendet.

Čechov war ohne Frage der geborene Schriftsteller. Er schrieb jedoch anfangs – aber auch später noch oft – um des Brotes Willen; selbst achtete er sein „Geschreibsel“ wenig. Einer Autorität unter den Literaten, dem Schriftsteller Dimitrij Wassiljewitsch Grigorowitsch, der ihn als großes Talent bezeichnete und ihn aufforderte, ernsthaft zu schreiben, antwortet er im März 1886:

[ … ] wenn ich eine Gabe besitze, die ich achten sollte, so bereue ich vor der Reinheit Ihres Herzens, dass ich sie bisher nicht geachtet habe. Bisher habe ich mich gegenüber meiner literarischen Arbeit überaus leichtsinnig, sorglos, unbesonnen verhalten. Ich erinnere mich keiner Erzählung, an der ich länger als vierundzwanzig Stunden gearbeitet hätte, und den »Jäger«, der Ihnen gefiel, habe ich im Bad geschrieben! Wie Reporter ihre Berichte über Feuersbrünste schreiben, so schrieb ich meine Erzählungen mechanisch, halb unbewusst, ohne an den Leser zu denken oder an mich selbst …

Und im Dezember 1886 schreibt er an M. V. Kiselëva

In Piter … bin ich zur Mode geworden, wie »Nana«. Während Korolenko, den ernsthaften, kaum die Redakteure kennen, liest ganz Piter meinen Krimskrams … Das schmeichelt mir, beleidigt aber mein Gefühl für Literatur … Es ist mir für das Publikum peinlich, das literarische Bologneserhündchen hofiert, nur weil es die Elefanten nicht sehen kann, und ich bin überzeugt, dass mich kein Hund mehr kennen wird, wenn ich einmal anfangen werde, ernsthaft zu arbeiten.

Aus diesen Worten spricht einmal mehr die Ironie, mit der sich Čechov seines Lebens selbst begegnete. Kropotkin schreibt in seinen Ideale und Wirklichkeit in der russischen Literatur aus einer anderen und sicher wesentlich objektiveren Perspektive:

Niemandem gelang es so wie Čechov, die Fehler der menschlichen Natur in unserer gegenwärtigen Zivilisation und besonders die Verderbtheit, den Bankrott der Gebildeten angesichts der alles infizierenden Niedrigkeit des Alltagslebens darzustellen. Diese Vernichtung des »Intellektuellen« hat er mit Kraft, Vielseitigkeit und Eindrucksfähigkeit wiedergegeben. Und hierin liegt der Wesenszug seines Talentes.
Wenn man Čechovs Geschichten und Skizzen in chronologischer Reihenfolge liest, so sieht man in ihm zuerst einen Autor voll überschäumender Lebenskraft und jugendlichem Humor. Die Geschichten sind in der Regel sehr kurz, viele von ihnen nicht länger als drei bis vier Seiten, aber sie sind von ansteckender Heiterkeit. Einige von ihnen sind nur Possen, aber man kann sich des herzlichsten Lachens nicht enthalten, weil sogar die albernsten und unmöglichsten Dinge mit einem unnachahmlichen Reiz geschrieben sind. Und dann allmählich, mitten in jenem Scherz, findet sich ein Ton herzloser Niedrigkeit von Seiten einiger der handelnden Personen in der Erzählung, und man fühlt des Autors Herz schmerzvoll zucken. Langsam, allmählich wird die Note häufiger, sie tritt immer deutlicher hervor, sie hört auf, zufällig zu sein, und wird organisch – bis sie zuletzt in jeder Geschichte, in jeder Novelle alles andere erstickt. Sei es die rücksichtslose Herzlosigkeit eines jungen Mannes, der im Scherze einem Mädchen einreden will, dass er sie liebe, sei es die Herzlosigkeit und der Mangel des allergewöhnlichsten menschlichen Gefühles in der Familie eines alten Professors – immer kehrt dieselbe Note der Herzlosigkeit und Niedrigkeit, derselbe Mangel verfeinerter menschlicher Gefühle wieder oder – mehr als das – der vollständige intellektuelle und moralische Bankrott des »Intellektuellen«. (2)

Noch etwas anderes wird aber schon in Čechovs ersten kurzen Humoresken und Erzählungen deutlich: Da ihm der Verleger für seine Arbeiten nicht mehr als 100 Zeilen zugestand, war er gezwungen, sehr knapp und auf den Punkt kommend zu schreiben („Die Kunst des Schreibens ist die Kunst des Kürzens“) und daher lesen sich viele seiner Erzählungen schon wie kleine Theaterstücke, bei denen das Umfeld der Handlung in Regieanweisungen beschrieben wird – ein Stil, der schon den zukünftigen Dramatiker erahnen lässt.

Als 13jähriger kam Anton über das Theater zum ersten Mal mit der Literatur in Kontakt und war entflammt; als 14jähriger veranstaltete er mit seinen Geschwistern Liebhaberaufführungen (er spielte den Revisor in Gogols gleichnamigem Stück). Mit 17 Jahren schrieb er Gedichte, die vom humoristischen Wochenblatt Budilnik (Der Wecker) zurückgewiesen wurden; mit 19 Jahren schickte er eine Erzählung an die Petersburger Wochenzeitschrift Strekoza (Die Libelle) und im folgenden Jahr 1880 wurden von ihm in eben dieser Strekoza zwölf Erzählungen veröffentlicht, was er selbst als den Beginn seiner schriftstellerischen Laufbahn betrachtete. Vorbild und Anreiz war ihm in diesen wenigen Anfangsjahren sein fünf Jahre älterer Bruder Alexander, der kleinere Erzählungen in Petersburger Zeitschriften veröffentlichte, den er dann aber sehr schnell überflügelte und zu dessen Mentor dann umgekehrt er wurde.

Als Anton Čechov 16 Jahre alt war zerfiel die Familie. Seine beiden älteren Brüder Alexander und Nicolai (der später Maler wurde) waren der Ausbildung wegen nach Moskau gezogen; kurz danach machte der Vater in Taganrog mit seinem Gemischtwarenlädchen pleite und flüchtete vor dem drohenden Schuldturm zu seinen Söhnen. Die Mutter folgte mit den beiden jüngsten Kindern Marja und Michael, nur Anton und sein Bruder Iwan blieben in Taganrog: Anton, um das Gymnasium zu beenden (1879). Ab jetzt galt es für alle Familienmitglieder, sich selbst zu versorgen, und Geldsorgen waren für viele, viele Jahre das beherrschende Thema. Im Dezember 1876 schrieb z. B. Antons Mutter an ihren Sohn:

[ … ] während wir nur 4 Kop. für Brot [reicht für etwa ein Kilo Roggenbrot, hmw] und für Licht hatten. Wir warteten, ob du nicht Geld schickst, es war sehr bitter, offenbar glaubt ihr uns nicht, Maša hat keinen Pelz, ich keine warmen Schuhe, wir sitzen zu Hause, keine Maschine, um etwas zu verdienen, und du hast noch nicht geschrieben, ob du bald unsere Sachen schickst, es ist schlimm und weiter nichts, schreibt um Gottes willen bald, schickt das Geld an mich. Verkauf die Kommode und die Sachen, nur schnell, lass uns nicht vor Kummer sterben…

Antons Vater verdiente 30 Rubel pro Monat bei freier Kost und Logis. Ein Rubel entsprach damals der heutigen Kaufkraft von ca. 17,50 €. Sofort nach seinem Abitur kam Anton mit einem Stipendium der Stadt Taganrog von 33 Rubel pro Monat (ausgezahlt vierteljährlich) nach Moskau, um Medizin zu studieren. Das Geld verschwand in der Familienkasse und er verdiente durch sein Schreiben hinzu. Fünf Kopeken (100 Kopeken = ein Rubel) bekam er pro Zeile und seine Abrechnung für das zweite Halbjahr 1880 lautete: 645 Zeilen [6 Artikel] à 5 Kopeken = 32 R. 25 K. [also ca. 565 €]. Im Laufe der Jahre steigerte sich das Zeilenhonorar zwar auf bis zu 20 Kopeken, aber er war weiterhin gezwungen, irgendetwas um des Broterwerbs Willen zu schreiben, worüber er immer wieder klagte – das änderte sich erst als 1895 sein Bericht Die Insel Sachalin in Buchform erschien, er die Gesamtrechte an seinen Werken an den Verleger Marks verkauft hatte (1899) und seine Theaterstücke Die Möve (1895), Onkel Wanja (1896), Drei Schwestern (1901) und Der Kirschgarten (1903) auf den Bühnen Erfolg hatten – das heißt: gegen Ende seines Lebens.

Čechov, Tolstoj und die Religion

Lev Nikolaevič Tolstoj (*1828, †1910) war besonders von Čechovs Krankenzimmer Nr. 6 (1892) angetan. In einem Brief an I. I. Gorbunov-Posadov schreibt er im Dezember 1892: „Was für eine gute Sache ist Čechovs ›Krankensaal Nr. 6‹. Sie haben sie sicher gelesen“. Auch von der Insel Sachalin war er begeistert, doch Die Bauern (1897) fand er fürchterlich und auch Čechovs Theaterstücke erregten seinen Unwillen. Umgekehrt sah Čechov zwar in Tolstoj den literarischen Übervater, mit dem sich niemand messen konnte, von dessen Philosophie aber hielt er wenig. In einem Brief an seinen Verleger Suworin schreibt er im März 1894:

[….] Die Tolstojsche Philosophie hat mich stark berührt, hat mich 6-7 Jahre lang beherrscht, und beeindruckt haben mich nicht die Grundthesen, die mir früher schon bekannt waren, sondern Tolstojs Art, sich auszudrücken, seine Bedachtsamkeit und, wahrscheinlich, eine besondere Art von Hypnose. Jetzt dagegen protestiert etwas in mir; Überlegung und Gerechtigkeitssinn sagen mir, dass in Elektrizität und Dampfkraft mehr Menschenliebe liegt als in Keuschheit und Verweigerung des Fleischgenusses. Der Krieg ist ein Übel, Gerichtsverhandlungen sind ein Übel, aber daraus folgt nicht, dass ich in Bastschuhen gehen und neben dem Arbeiter und seiner Frau auf dem Ofen schlafen müsste usw. usw. Aber darum geht es ja nicht, nicht um das »für und wider«, sondern darum, dass es so oder anders sein mag, nur dass Tolstoj für mich bereits dahin ist, er ist nicht mehr in meinem Herzen, er ist von mir gegangen mit den Worten: »Siehe, ich verlasse euer leeres Haus.« Ich bin von Einquartierung frei.

1895 trafen sich Čechov und Tolstoj zum ersten Mal auf Tolstojs Landgut Jasnaja Poljana. Von da an waren sie ungeachtet aller sachlichen Differenzen freundschaftlich eng miteinander verbunden. Die Religion war allerdings immer ein Punkt, in dem sie sich nicht verstanden. Als z. B. Čechov im März 1897 schwer krank im Krankenhaus lag, besuchte ihn Tolstoj – der ihn schon im Sterben vermutete – und sprach über die Unsterblichkeit, was Čechov nach einer Weile recht ungehalten werden ließ. Im April schrieb er über diesen Besuch an den Publizisten M. O. Menšikov (*1895, †1918):

Besuch von Lev Nikolaevič, mit dem ich ein sehr interessantes Gespräch hatte, sehr interessant für mich, weil ich mehr zugehört als gesprochen habe. Wir sprachen über die Unsterblichkeit. Er erkennt die Unsterblichkeit im Kantschen Sinne an; er ist der Meinung, dass wir alle (Menschen und Tiere) in einem Prinzip leben werden, dessen Wesen und Ziel ein Geheimnis für uns darstellt. Mir dagegen erscheint dieses Prinzip der Kraft in Gestalt einer formlosen, gallertartigen Masse, mein Ich – meine Individualität, mein Bewusstsein werden mit dieser Masse verfließen – eine solche Unsterblichkeit brauche ich nicht, ich begreife sie nicht, und Lev Nikolaevič wundert sich, dass ich sie nicht begreife.

Religiös im kirchlichen Sinn war Čechov sicher nicht, was aber nicht heißt, dass er ein Atheist gewesen wäre, wie es später die Sowjetliteraturkritiker gern gesehen hätten. So widersprüchlich seine Aussagen teilweise waren, so suchte er doch mit zunehmendem Alter den Sinn in seinem Schreiben und damit den Sinn des Lebens. Ohne diesen Sinn musste das ganze Leben „langweilig“, nutzlos sein, wie es in seiner Erzählung Eine langweilige Geschichte (1889) deutlich zum Ausdruck kommt. Darin sitzt der „verdiente Professor Nikolaj Stepanovič Soundso“ in seinem Bett und denkt:

Und so prüfe ich mich nun selber: Was will ich?
Ich will, dass unsere Frauen, Kinder, Freunde und Schüler in uns nicht den Namen lieben, nicht die Firma und nicht das Etikett, sondern den gewöhnlichen Menschen. Was noch? Ich möchte Gehilfen und Nachfolger haben. Was noch? Ich möchte nach hundert Jahren wieder aufwachen, um zu sehen, und sei es auch nur mit einem Blick, was aus der Wissenschaft geworden ist. Ich möchte noch zehn Jahre leben … Was weiter?
Weiter nichts. Ich denke, denke lange nach, und mir fällt nichts mehr ein. Und soviel ich auch nachdenke, und wohin auch meine Gedanken schweifen mögen, für mich ist es klar, meinen Wünschen fehlt etwas Wesentliches, etwas sehr Wichtiges. Meiner leidenschaftlichen Hingabe an die Wissenschaft, meinem Wunsch zu leben, dem Hocken auf einem fremden Bett und dem Bestreben, mich selbst zu erkennen, allen Gedanken, Gefühlen und den Begriffen, die ich mir über alles gebildet habe, fehlt etwas Gemeinsames, was dies alles zu einem Ganzen verbinden würde. Jedes Gefühl und jeder Gedanke existiert gesondert in mir, und in allen meinen Urteilen über Wissenschaft, Theater, Literatur und Schüler und in all den Bildern, die meine Fantasie sich ausmalt, würde selbst der geschickteste Analytiker nichts von dem finden, was man eine allgemeine Idee oder den Gott des lebendigen Menschen nennt.
Und wenn das nicht vorhanden ist, so ist überhaupt nichts vorhanden.
[….]
Ich bin besiegt. Wenn dem so ist, dann gibt es nichts weiter zu überlegen und nichts zu sagen. Ich werde dasitzen und schweigend abwarten, was wird. (3)

In Bezug auf eine metaphysische Kraft, sprich Gott, konnte er mit sich selbst nie überein kommen – zumindest ist in seinen Briefen und Aufzeichnungen davon nicht die Rede. Dabei schätzte er das religiöse Brauchtum (ohne metaphysischen „Hintergedanken“) durchaus: Er hatte Ikonen in seinem Zimmer, liebte das Glockenläuten usw.; und er akzeptierte– was sich in zahlreichen Erzählungen und Stücken niederschlägt – den Glauben als Notwendigkeit für die Menschen.

Eines aber spricht Čechov explizit an, und das ist der – man muss schon sagen: – Hass, der auf seine persönlichen Kindheitserfahrungen mit der Kirche zurückgeht. Antons Vater war nicht nur über alle Maßen despotisch – Anton und sein Bruder mussten, wenn sie nicht in der Schule waren, den ganzen Tag von früh morgens bis spät in die Nacht „das Geschäft führen“, was bedeutete, in dem kümmerlichen Kramladen zu hocken und hin und wieder irgendeine Kleinigkeit zu verkaufen; für die Schule lernen durften sie nur nachts –, er war auch ein religiös-fanatischer Mensch, dessen Religiosität allerdings an der Oberfläche blieb: Er liebte den Kirchengesang und die Ikonenmalerei und leitete mit Inbrunst den Kirchenchor und auch hier waren seine Kinder zwangsverpflichtet. Am Sonntag mussten sie z. B. schon viele Stunden vor Beginn des Gottesdienstes – also mitten in der Nacht – aufstehen und in der Kirche proben.
Im März 1892 schreibt Čechov an einen Freund, den heute unbekannten  Schriftsteller I. L. Leontjev-Ščeglov (*1856, †1911):

Ich habe als Kind eine religiöse Bildung erhalten und eine ebensolche Erziehung – mit Kirchengesang, Apostelgeschichte und Psalmen in der Kirche, mit regelmäßigem Besuch der Frühmesse, mit der Pflicht, am Altar zu helfen und die Glocken zu läuten. Und? Wenn ich jetzt an meine Kindheit zurückdenke, dann erscheint sie mir ziemlich finster; eine Religion habe ich heute nicht. Wissen Sie, wenn ich manchmal mit meinen beiden Brüdern mitten in der Kirche das Trio »Er richte sich auf« oder »Stimme des Erzengels« sang, dann haben uns alle voller Rührung angesehen und haben meine Eltern beneidet, wir dagegen fühlten uns wie kleine Katorgasträflinge.

Noch als 29jähriger, im März 1889, schreibt er an seinen Bruder in Erinnerung an seinen Vater:
Kinder sind heilig und rein. Selbst bei Räubern und Krokodilen besitzen sie den Rang von Engeln. Wir selbst können in jede beliebige Grube kriechen, aber sie müssen wir mit einer Atmosphäre umgeben, die ihrem Rang gebührt. Man darf in ihrer Gegenwart nicht ungestraft unzüchtige Reden führen, die Dienstboten beleidigen oder voll Bosheit zu Natalja Aleksandrovna sagen: »Scher dich fort zu allen Teufeln! Ich halte dich nicht zurück! « Man darf sie nicht zum Spielzeug seiner Laune machen: sie mal zärtlich abküssen, mal vor Wut mit Füßen treten. Besser gar nicht lieben, als mit der Liebe eines Despoten lieben… Ich bitte Dich, Dich daran zu erinnern, dass Despotismus und Lüge die Jugend deiner Mutter zugrunde gerichtet haben. Despotismus und Lüge haben unsere Kindheit dermaßen vergällt, dass einem schlecht wird und man Angst hat, sich daran zu erinnern. Erinnere Dich an das Entsetzen und den Ekel, den wir empfanden, wenn Vater damals beim Essen einen Aufstand machte wegen einer versalzenen Suppe oder Mutter eine dumme Kuh nannte. Vater kann sich das heute noch nicht verzeihen.

Und zur selben Zeit schreibt er an seinen Schriftstellerkollegen Vladimir Alexeevič Tichonov (*1857, †1914):

Danke für das freundliche Wort und die warme Anteilnahme. Ich bin als Kind so wenig gestreichelt worden, dass ich jetzt, wo ich erwachsen bin, Freundlichkeiten als etwas Ungewohntes, nur selten Erlebtes aufnehme.

Dem scheint zunächst entgegenzustehen, was Čechov als 17jähriger über seine Eltern geschrieben hatte:

Vater und Mutter sind für mich die einzigen Menschen auf dem ganzen Erdball, für die mir nie etwas zu schade ist. Wenn ich einmal hoch stehen werde, so ist dies das Werk ihrer Hände, sie sind prächtige Menschen, und allein ihre grenzenlose Kinderliebe stellt sie über jedes Lob, schließt in sich alle ihre Mängel ein, die sich bei schlechtem Leben einstellen können bereitet ihnen einen sanften und weichen Weg, an den sie glauben und auf den sie so hoffen wie wenige.

Letzteres schrieb er jedoch unter dem Eindruck des Auseinanderfallens der Familie nach dem Bankrott seines Vaters und wohl zum ersten Mal mit dem Gefühl von Einsamkeit, von Alleinsein. Erst nach und nach erkannte er, was die Ereignisse seiner Kindheit mit ihm gemacht hatten, welche Engramme zurückgeblieben und wie prägend sie für sein weiteres Leben waren. Es entspricht ganz seiner Wesensart, dass er seinem Vater nicht zeit seines Lebens gezürnt hat oder gar nichts von ihm wissen hätte wollen – im Gegenteil: Er hat seinen Vater später liebevoll gepflegt, er hat ihm – wiederum die Prägungen seines Vaters erkennend – verziehen und dabei doch die bei sich angerichteten Schäden gesehen. Und im Brief an seinen Bruder 1889 lautet ja auch der letzte Satz: „Vater kann sich das heute noch nicht verzeihen.“ Also hatte sich wohl auch Čechovs Vater geändert.

Als Prägung aus seiner Kinderzeit mitgenommen hat Čechov sicher den Hass gegen jede Gewalt, gegen die Despotie, gegen die Lüge (immer und immer wieder wettert er dagegen!), seine Vorbehalte, seine Ambivalenz gegenüber der Kirche und … die Angst vor der Liebe – vor der Verletzbarkeit in der Liebe. Von Letzterem kommt sicher sein ironisches Verhalten in entsprechenden Situationen; auch in Erzählungen kommt es zum Ausdruck. Denn Verletzungen, die durch die Zurückweisung kindlicher Liebe entstehen, sind – zumal man als Kind nicht weiß, woher die Ablehnung kommt – besonders schmerzlich und prägend fürs Leben; da kann man sich später hundert Mal rational erklären, warum der Vater einst nicht anders konnte.

Die schon oben erwähnte Erzählung Eine langweilige Geschichte – Čechov hat sie 1889, also als 29jähriger geschrieben! – trägt den Untertitel Aus den Aufzeichnungen eines alten Mannes und – was ganz wichtig ist – den Arbeitstitel Mein Name und ich: Es geht darin um einen 62jährigen Professor, eine Koryphäe,

[…] den verdienten Professor Nikolaj Stepanovič Soundso; er ist Geheimrat und Ritter so vieler russischer und ausländischer Orden, dass die Studenten ihn ›Ikonenwand‹ nennen, wenn er die Orden einmal anlegen muss. Sein Bekanntenkreis ist der allervornehmste; zumindest hat es in den letzten fünfundzwanzig bis dreißig Jahren in Russland keinen berühmten Gelehrten gegeben, mit dem er nicht gut bekannt gewesen wäre. Heutzutage ist er mit niemandem mehr befreundet, [ …]

Er weiß, dass er in etwa einem halben Jahr sterben wird, und erkennt, dass sein ganzes Leben nutzlos, sinnlos war. Kalt betrachtet er sein monotones Leben und seine Vergangenheit – so kalt, als ob ein Fremder auf sein Leben blicken würde:

Unglücklicherweise bin ich kein Philosoph und kein Theologe. Ich weiß sehr wohl, dass ich nicht mehr länger als ein halbes Jahr zu leben habe; man sollte meinen, nun müssten mich in erster Linie die Fragen nach dem Dunkel des Jenseits und nach den Erscheinungen beschäftigen, die mich in meinem Todesschlaf heimsuchen werden. Aber meine Seele will von diesen Fragen nichts wissen, obwohl der Verstand ihre Wichtigkeit erkennt. Wie vor zwanzig, dreißig Jahren, so interessiert mich auch jetzt, an der Schwelle des Todes, allein die Wissenschaft. Noch wenn ich meinen letzten Atemzug tue, werde ich glauben, dass die Wissenschaft das Wichtigste, Schönste und Notwendigste im Leben des Menschen ist, dass sie immer die höchste Offenbarung der Liebe war und sein wird und dass nur durch sie allein der Mensch die Natur und sich selbst besiegen kann. Dieser Glaube ist vielleicht naiv und im Grunde ungerecht, aber es ist nicht meine Schuld, dass mein Glaube so und nicht anders ist; ich vermag diesen Glauben nicht zu überwinden.

Die Handlung der Erzählung ist tatsächlich langweilig, sie folgt hauptsächlich dem Denken des Professors, der hin und wieder schon fast lakonisch anmerkt, dass er bald sterben werde; und die Geschichte endet auch trostlos:

Katja [seine schon erwachsene Pflegetochter] steht auf und reicht mir, kalt lächelnd und ohne mich anzusehen, die Hand. Ich möchte sie fragen: Du wirst also nicht auf meiner Beerdigung sein? Aber sie sieht mich nicht an, ihre Hand ist kalt und kommt mir ganz fremd vor. Schweigend begleite ich sie zur Tür … Da ist sie von mir gegangen, sie schreitet durch den langen Korridor und schaut sich nicht um. Sie weiß, dass ich ihr nachblicke, wahrscheinlich wird sie sich an der Ecke umdrehen.
Nein, sie hat sich nicht umgedreht. Ihr schwarzes Kleid leuchtet zum letzten Mal auf, ihre Schritte verhallen … Leb wohl, mein Schatz!

Ruhig und nachdenklich gelesen (also ohne auf den Plot zu warten), ist Eine langweilige Geschichte jedoch von einer solch erschütternden Brisanz, dass man am Ende nur ganz betroffen schweigen kann – vielleicht gar mit Tränen in den Augen. Hier hat der junge Čechov aus der Sicht und mit der Lebensweisheit eines alten, im Sterben liegenden Mannes viele seiner Überzeugungen niedergeschrieben. Der Schriftsteller und spätere Literatur-Nobelpreisträger (1933) Iwan Bunin (*1870, †1953), Čechov ab 1895 freundschaftlich verbunden, wird später verblüfft fragen: „Wie konnte er, noch keine 30, die ›Langweilige Geschichte‹ schreiben?“
Diese Frage wird man sich bei vielem, was Čechov geschrieben hat, stellen müssen.

Natürlich war er ein außergewöhnliches literarisches Talent. Aber das erklärt nicht die Lebensweisheit, die er besaß und die manche Menschen erst besitzen, wenn sie 20 bis 30 Jahre älter sind als er (und viele nie erreichen). Um die Erkenntnisse über den Menschen und seine Welt gewinnen zu können, die Čechov schon so früh gewann, bedarf es der Fähigkeit, Wesentliches vom Vordergründigen zu trennen, was oftmals erst gelingt, wenn man das Leben aus einigem Abstand betrachten kann, also dann, wenn man das Leben eigentlich schon fast hinter sich hat und aus den gewonnen Erfahrungen die Schlüsse ziehen kann – eine lange Phase des Denkens und Erfahrens geht dem voraus (nicht umsonst ist Čechovs Protagonist ein alternder Professor!). Und man muss von der Wichtigkeit dieser Überlegungen überzeugt sein, was im Allgemeinen erst der Fall ist, wenn das Leben gelebt ist und sich die Frage nach dem Danach aufdrängt. Erst dann kann man die Nichtigkeit vieler alltäglicher Geschehnisse erkennen. Wie aber soll ein 30- bis 40jähriger Mensch dazu in der Lage sein? fragt Bunin richtig. Für welchen jungen Menschen können diese „Endzeitgedanken“ wichtig sein?

Mit dieser Frühreife im positiven Sinn des Wortes behandelt Čechov alle seine Themen – ohne dass es immer Endzeitgedanken sein müssen –, damit durchdringt er den Menschen und das Menschsein, um aus seinen Erkenntnissen handelnde Personen in seinen Werken zu machen.

Anton Čechov starb 1904, mit 44 Jahren, an Tuberkulose, im Volksmund auch Schwindsucht genannt. Seine Krankheitsgeschichte begann 1875 mit einer Bauchfellentzündung, in deren Folge er an chronischem Darmkatarrh und Gefäßerweiterung (Hämorrhoiden) litt. Im Dezember 1884 schreibt er zum ersten Mal von Lungenblutungen:

Heute ist bereits der dritte Tag, dass mir – es passt wie die Faust aufs Auge – Blut aus der Kehle fließt. Dieser Blutfluss hindert mich am Schreiben, hindert mich daran, nach Piter zu fahren… Überhaupt – ergebensten Dank, das hatte ich nicht erwartet! Drei Tage habe ich keine weiße Spucke mehr gesehen, und wann mir die Medikamente, mit denen meine Kollegen mich vollstopfen, helfen werden, kann ich nicht sagen. Der Allgemeinzustand ist befriedigend… Die Ursache ist wahrscheinlich ein geplatztes Gefäß.

Von diesem Zeitpunkt an durchlebte Čechov immer wieder Perioden, in denen er Blut hustete – mal in kürzeren, mal in längeren Abständen, ein typisches Symptom der Lungentuberkulose.

Im April 1887 schrieb er zum Beispiel:

Ich habe einige Krankheiten, die überaus unangenehm sind und mir buchstäblich das Dasein vergiften: 1) Hämorrhoiden mit Kratzen und Jucken, 2) Darmkatarrh, der durch nichts zu bezwingen und, wahrscheinlich, durch die Qualität des hiesigen Wassers bedingt ist, 3) Bronchitis mit Husten und, endlich 4) eine Venenentzündung am linken Bein – eine Krankheit, die mich in Taganrog zurückgehalten hat.

Was Čechov hier schildert sind die klassischen Symptome einer Organtuberkulose (Tuberkulosebazillen können nicht nur die Lunge, sie können alle Organe befallen). Und mit denen kämpft er bis zu seinem Lebensende weiter; die Anfälle kommen in immer kürzeren Abständen und werden immer schwerer.
Seit 1884 war Čechov Arzt und behandelte auch Fälle von Schwindsucht, seine Krankheit bagatellisierte er jedoch vor allem gegenüber anderen so lange es ging – was er 1897 seinem Bruder Alexander und dem Arzt M. N. Maslov eingestand. Sicher wollte er die Wahrheit anfangs selbst nicht wahrhaben, aber er war Arzt und die Tuberkulosebazillen waren 1882 von Robert Koch entdeckt und nachgewiesen worden, was er ganz bestimmt gewusst hat. Von seinen Kollegen wollte er sich (vielleicht eben deshalb) besonders am Anfang nicht untersuchen lassen:

Ich habe Angst, mich einer Untersuchung durch meine Kollegen zu unterziehen … Plötzlich entdecken die etwas wie ein verlängertes Aushauchen oder eine Dämpfung! [ … ]

schrieb er im März 1886 an den Schriftsteller N. A. Lejkin (*1841, †1906). Er wusste im Innersten ganz genau, um was es ging. Erst im Jahr 1897 wurde er seinen Nächsten gegenüber offener. Zu seinem Verleger Suworin sagte er im März nach einem heftigen Blutsturz:

Um die Patienten zu beruhigen, sagen wir bei Husten, er komme aus dem Magen, bei Blutfluss, er sei hämorrhoidal. Aber es gibt keinen Husten, der aus dem Magen kommt, und Blutfluss kommt eindeutig aus den Lungen. Bei mir fließt das Blut aus der rechten Lunge, wie bei meinem Bruder und einer anderen Verwandten, die ebenfalls an Schwindsucht gestorben ist.

Und im Januar 1901 sagt er zu einem Bekannten:

Es fällt mir schwer, mich dem Gedanken an eine länger währende Arbeit hinzugeben. Als Arzt weiß ich, dass mein Leben kurz sein wird.

Der Dramatiker Nikolai D. Telešov (*1867, †1957) berichtet von einem Besuch bei Čechov am 2. Juni 1904, wenige Tage bevor er nach Badenweiler zur Kur fuhr:

Und er streckt mir seine schwache, wächserne Hand entgegen, die schrecklich anzusehen war, schaut mich mit seinen liebevollen, aber nicht mehr lächelnden Augen an und sagt: ›Morgen fahre ich. Leben Sie wohl. Ich fahre, um zu sterben.‹ Er sagte ein anderes, nicht dieses Wort, ein grausameres als ›sterben‹, das ich hier nicht wiederholen möchte.

Am 15. Juli greg. 1904 morgens um 3 Uhr starb Anton Čechov mit den Worten Ich sterbe“ in Badenweiler.

Auch zu der Zeit, als er seine Krankheit noch nicht wahrhaben wollte und zu jener, als er die Diagnose sicher schon gestellt hatte, sie aber vor seiner Umgebung bagatellisierte, ließ sich Čechov von seiner Krankheit nicht dominieren – so, wie er sich nie von etwas dominieren hatte lassen. Aber zwangsläufig beschäftigte ihn das Sterben und so ist es auch in vielen seiner Erzählungen ein Thema.
Fragen, die sich normalerweise erst viel ältere Menschen stellen, stellten sich Čechov schon als jungem Mann. Und es zeugt von seiner Größe, dass er sich diesen Fragen gestellt hat.

 

(1) Sofern nicht anders vermerkt, stammen die Übersetzungen aller Zitate in diesem Essay von Peter Urban und sind, angepasst an die neue Rechtschreibung, verschiedenen Titeln (s. u.) – erschienen im Diogenes Verlag – entnommen.
(2) Zitiert in der Übersetzung von B. Ebenstein
(3) Zitiert in der Übersetzung von Gerhard Knipper und Peter Dick

 

Literatur
Auzinger, Helene: Anton Čechov – Rußlands heiter-melancholischer Dichter, Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde (1960)
Eliasberg, Alexander: Russische Literaturgeschichte in Einzelporträts (1922)
Figes, Orlando: Nataschas Tanz – Eine Kulturgeschichte Russlands (2003)
Jermilow, W.: Čechov (1951)
Kropotkin, Pëtr: Ideale und Wirklichkeit in der russischen Literatur (2003)
Lauer, Reinhard: Geschichte der russischen Literatur – von 1700 bis zur Gegenwart, C.H. Beck Verlag 2000
Melchinger, Siegfried: Anton Čechov, Friedrich Verlag, Velber 1968 [Bühnenwerke]
Schmidt, Christoph: Russische Geschichte 1547 – 1917, Oldenbourg Wissenschaftsverlag 2009
Troyat, Henry: Čechov – Leben und Werk, DVA, 1987
Čechova, Maria:  Mein Bruder Anton Čechov, Kindler 2004
Urban, Peter: Čechov – Sein Leben in Bildern, Diogenes Verlag 1987
Urban, Peter: Čechov Chronik – Daten zu Leben und Werk, Diogenes Verlag 1981
von der Ley, Alexander: Anton P. Čechov – Mensch und Dichter,  Dr. Alexander von Neuhoff von der Ley, München 1960

Anton Čechov: Gesammelte Werke in Einzelausgaben, Verlag Rütten & Loening, Berlin
Erzählungen Band 1, Deutsch von Johannes von Guenther, 1956 / Erzählungen Band 2, Deutsch von Johannes von Guenther, 1956 / Kleine Romane Band 1, Deutsch von Johannes von Guenther, 1952 / Kleine Romane Band 2, Deutsch von Johannes von Guenther, 1955 / Dramen, Deutsch von Johannes von Guenther, 1955 / Die Insel Sachalin, Deutsch von Übersetzerkollektiv Lt. Dr. Gerhard Dick 1960

Anton Čechov im Diogenes Verlag übersetzt von Peter Urban und anderen (Auswahl):
Frühe Erzählungen  in zwei Bänden: Er und Sie – Frühe Erzählungen 1880 – 1885 (Urban) / Ende gut – Frühe Erzählungen 1886 – 1887 (Urban)
Rothschilds Geige – Erzählungen 1893 – 1896 (Dick/Knipper/Pfeiffer/von Schulz)
Das Leben in Fragen und Ausrufen – Humoresken und Satiren 1880 – 1884 (Urban)
Aus den Erinnerungen eines Idealisten – Humoresken und Satiren 1885 – 1892 (Urban)
Ein unnötiger Sieg – Frühe Novellen und Kleine Romane (Rausch/Urban)
Eine langweilige Geschichte / Das Duell – Kleine Romane I (Knipper/Dick)
Krankenzimmer Nr. 6 / Erzählungen eines Unbekannten – Kleine Romane II (Knipper/Dick)
Drei Jahre / Mein Leben – Kleine Romane III (Knipper/Dick/Pfeiffer)
Das Drama auf der Jagd – Eine wahre Begebenheit (Urban)
Die Insel Sachalin (Dick)
Gesammelte Stücke, übersetzt und kommentiert von Peter Urban
Čechov – Sein Leben in Bilder, Herausgeber Peter Urban
Čechov Chronik – Daten zu Leben und Werk, Peter Urban

Ich danke dem Diogenes Verlag für seine wohlwollende Unterstützung.

Über den Autor

Hanns-Martin Wietek
Arbeitet als freier Publizist für russische Literatur und Geschichte für verschiedene Medien. Literaturkritiker für buechervielfrass.de und russland.RU. Seit 2003 bei russland.RU zuständig für Kunst und Kultur und stellt russische Künstler vor.