Alle russischen Flugzeugträger im Ärmelkanal

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Eine russische Flotte ist unterwegs nach Syrien. Am Freitag passierten die Schiffe den Ärmelkanal – unter akribischer Beobachtung von Briten und Kontinentaleuropäern. Mit dabei sind sämtliche Flugzeugträger, die Russland aufzubieten hat: nämlich die „Admiral Kusnezow“.

Nach Angaben eines von Reuters zitierten NATO-Diplomaten hat Russland „die gesamte Nordmeerflotte und einen Großteil der Ostseeflotte“ nach Syrien in Marsch gesetzt. Man könne deshalb davon ausgehen, dass es in etwa zwei Wochen zu einem Anwachsen der russischen Luftangriffe auf Aleppo kommen wird, da die Flotte zur Unterstützung des endgültigen Sturmangriffs diene, so die Nato-Quelle.

Russische Militärsprecher präzisierten nicht die Zusammensetzung der am 15. Oktober ausgelaufenen Flottille. Ihren Kern bilden Russlands einziger Flugzeugträger, die „Admiral Kusnezow“ sowie der atomgetriebene schwere Raketenkreuzer „Pjotr Weliki“. Genannt wurden ansonsten nur noch die Zerstörer „Seweromorsk“ und „Vizeadmiral Kulakow“.

Atom-U-Boote wohl ausgenommen

Mit dem Begriff „ganze Nordmeerflotte“ liegt die Reuters-Quelle aber in jedem Fall daneben, denn die im Gebiet Murmansk stationierten Flotteneinheiten bestehen in erster Linie aus Atom-U-Booten mit Interkontinentalraketen – und deren Einsatz würde vor Syriens Küsten auch bei völlig abwegigen Szenarien keinen Sinn machen.

Wie von der BBC verbreitete Fotos zeigen, standen auf dem Flugdeck der Admiral Kusnezow zwei Jagdflugzeuge startbereit. Insgesamt können auf dem Flugzeugträger bis zu 50 Maschinen stationiert werden.

Der britische Sender zitierte einen Kommentar der Moskauer “Komsomolskaja Prawda“, wonach es sich bei der Fahrt durch die Nordsee und den Ärmelkanal um eine bewusste Demonstration der Stärke handele. Schließlich könne Russland, wenn es nur um eine Verstärkung der Luftstreitkräfte in Syrien ginge, auch einfach zusätzliche Maschinen auf seiner Basis bei Latakia stationieren. Doch hier ginge es auch darum zu zeigen, dass “alles was ihr könnt, können wir genauso gut – oder sogar besser“. Im Rahmen der russischen Angriffe auf „terroristische Ziele“ in Syrien sind auch schon von Kriegsschiffen im Mittelmeer abgefeuerte Marschflugkörper zum Einsatz gekommen.

Ein gewichtiger Unterschied sollte allerdings nicht außer Acht gelassen werden: Russlands Flugzeugträger-Flotte besteht nur aus diesem einen Schiff. Die USA haben zehn Carrier im Dienst und noch dazu neun Hubschrauberträger (Russland: null).

Russische Flotte auf Feindfahrt – was 1904 in der Nordsee geschah

Aber immerhin kann man schon jetzt konstatieren, dass die Passage durch Nordsee und Ärmelkanal reibungslos verlief. Es kam zu keinem neuen Doggerbank-Zwischenfall (an den man sich in England noch gut erinnert): Anno 1904 hatte die zum Einsatz im Russisch-Japanischen Krieg aus Kronstadt ausgelaufene russische Flotte in der Nordsee nächtens englische Fischerboote beschossen, weil man glaubte, von japanischen Torpedobooten (ja, in der Nordsee) angegriffen zu werden. Drei Briten kamen dadurch ums Leben, ein Fischkutter sank. Die russische Armada beschoss bei dieser Gelegenheit auch herbeieilende eigene Schiffe, die sie ebenfalls für Japaner hielt.

Auf der damals nagelneuen „Aurora“ (heute als Museumsschiff und Revolutionsikone in St. Petersburg verankert) wurde damals dem Schiffspriester bei einem Granateinschlag ein Arm abgerissen, er starb einige Tage später. Das war definitiv kein gutes Omen: Kaum im Fernen Osten angekommen, wurde die russische Flotte im Mai 1905 von den Japanern in der Seeschlacht von Tsushima gestellt und vernichtend geschlagen.

[ld/russland.NEWS]

Über den Autor

Lothar Deeg
Lothar Deeg geboren 1965 und gebürtig aus Bad Mergentheim. 1991 infizierte ich mich als frisch gebackener Diplom-Journalist auf einer Reise nach Wladiwostok mit dem Russland-Virus. Rudimentär mit VHS-Russischkenntnissen ausgestattet hängte ich 1994 meinen Redakteursposten beim „fliegermagazin“ an den Nagel und siedelte von München nach St. Petersburg um. Dort schreibe ich seitdem als freier Journalist über alles, was mir aus Stadt und Land berichtenswert erscheint – unter anderem als Korrespondent des epd und des Logistik-Fachblatts „Verkehrsrundschau“. Momentan arbeite ich an meinem dritten und vierten Reiseführer über St. Petersburg. Meine Lieblingsjobs sind aber Städte- und Personenporträts für das Bordmagazin der Airline Swiss.