Alexander Sergejewitsch Puschkin, Revolutionär im goldnen Käfig

Alexander Puschkin, Gemälde von Wassili Tropinin 1827

Literaturessay von Hanns-Martin Wietek (weitere Literaturessays finden Sie hier)

Über seine Bedeutung für die Literatur große Worte zu verlieren, hieße „Eulen nach Athen zu tragen“; es wäre, als wollte man lobende Worte über Goethe schreiben.

…. Obwohl: Als ich mich einstens telefonisch in einem Kino erkundigte, welcher Film gegeben werde, bekam ich zur Antwort „Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahre“.
Verdutzt fragte ich „Wie? Von Goethe?“ Die Stimme verstummte, Musik im Hörer, dann „Ja, Goethe heißt der Mann.“
Den Namen Puschkin hätte ich der Dame sicher buchstabieren müssen, und auch dann hätte sie mit ihm nichts anfangen können.

Dennoch, es muss über seine Bedeutung gesprochen werden; das sollen jedoch größere als ich. Die größten der russischen Schriftsteller sollen über diesen Olympier sprechen.

Am 8. Juni 1880 (Julianischer Kalender) hat Fjodor Dostojewskij vor der »Gesellschaft der Freunde der Russischen Literatur« seine – berühmt gewordene – Gedenkrede auf Puschkin gehalten. Er beginnt mit den Worten:
„Puschkin ist eine außergewöhnliche Erscheinung und vielleicht der bisher einzige Ausdruck des russischen Geistes, sagt Gogol. Ich füge von mir aus hinzu: und zwar ein prophetischer Ausdruck. Ja, in Puschkins Erscheinen liegt für uns alle, uns Russen, etwas zweifellos Prophetisches. Puschkin kam uns in einer Zeit, als sich zum ersten mal so etwas wie Selbsterkenntnis in unserer Gesellschaft hervorzuwagen begann, ein ganzes Jahrhundert nach der Reform Peters des Großen, und sein Erscheinen wirkte wie eine Überleuchtung unseres dunklen Weges mit neuem und bahnweisendem Licht. In diesem Sinne ist Puschkin in der Tat eine Prophezeiung und ein Programm zugleich. “
(Übersetzt von Fega Frisch, zitiert aus „Alexander Puschkin, sämtliche Romane und Erzählungen“ in zwei Bänden, München, Buchenau & Reichert-Verlag 1923. Erster Band)

Fast genau 100 Jahre danach, am 17. April 1981, schreibt Lew Kopelew in der ZEIT unter dem Titel „Puschkin erreicht Deutschland“ eine Rezension des damals erschienen Buches »Alexander Puschkin: „Jewgenij Onegin – Roman in Versen“, Deutsche Fassung und Kommentar von Rolf-Dietrich Keil« und beginnt:
„Wenn Ausländer über russische Literatur sprechen, fallen unweigerlich die Namen Tolstoij, Dostojewskij und Tschechow; wer etwas besser Bescheid weiß, nennt darüber hinaus noch Gogol, Turgenjew, Gorkij, Bunin und andere. Nur ganz wenige aber wissen und haben eine Vorstellung davon, was Alexander Puschkin (1799 – 1837) für die russische Dichtung, für die Entwicklung der geistigen Kultur Russlands bedeutet hat.
In seinen Gedichten und Verserzählungen, in seiner künstlerischen und publizistischen Prosa ist jenes lebendige russische Wort (im höheren, geistigen Sinne) geschaffen worden, von dem bis auf den heutigen Tag immer neue Generationen nicht nur literarisch Tätiger, sondern überhaupt aller russischen Menschen zehren. Die grenzenlose Vielgestaltigkeit, die Macht der Musikalität und die Leuchtkraft des Puschkinschen Wortes nehmen wir von frühester Kindheit an in uns auf, ohne uns noch bewusst zu werden, dass wir schon verzaubert sind, ohne zu begreifen, wodurch eigentlich es uns so bestrickt und bezwingt.“

Puschkin selbst schreibt 1834 zur Situation Russlands „Von der Nonexistenz einer russischen Literatur“:
„Russland ist Europa lange fremd geblieben. Nachdem es das Licht des Christentums von Byzanz empfangen hatte, nahm es weder an den politischen Veränderungen noch am geistigen Leben der römisch-katholischen Welt teil. Die große Epoche der Renaissance übte auf Russland nicht den geringsten Einfluss aus; das Rittertum und seine reine Begeisterung blieben unseren Vorfahren unbekannt, und die durch die Kreuzzüge ausgelöste heilsame Erschütterung weckte in den Landstrichen des erstarrten Nordens keinen Widerhall… Russland war Großes vorbestimmt: Seine unübersehbaren Weiten saugten die Kraft der Mongolen auf und brachten ihren Überfall an der Schwelle Europas zum Stehen; die Barbaren wagten es nicht, mit dem unterjochten Russland im Rücken weiter vorzudringen, und kehrten in die Steppen ihres Ostens zurück. Die künftige Aufklärung wurde von einem zerfleischten und verendenden Russland gerettet…
Allein die Geistlichkeit, die die Tataren mit erstaunlichem Weitblick geschont hatten, erhielt zwei finstere Jahrhunderte hindurch den schwachen Funken byzantinischer Kultur am Leben. In der Stille der Klöster schrieben die Mönche unablässig an ihren Annalen. Die Bischöfe sprachen durch ihre Sendschreiben zu den Fürsten und Bojaren und trösteten die Herzen in den schweren Zeiten der Versuchung und Verzagtheit. Aber das innere Leben des unterjochten Volkes konnte sich nicht entwickeln. Die Tataren waren anders als die Araber. Sie schenkten dem besetzten Russland weder die Algebra noch den Aristoteles. Das Abschütteln des fremden Jochs, der Kampf zwischen dem Großfürsten und den Teilfürsten, der Selbstherrschaft und den Freien Städten, der Monarchie und den Bojaren und zwischen Eroberungsdrang und nationaler Eigenständigkeit waren der freien Entwicklung einer Aufklärung keineswegs förderlich. Europa war inzwischen von einer unglaublichen Fülle von Poemen, Legenden, Satiren, Romanen, Mysterien usw. überschwemmt – [aber] unsere historischen Archive und Bibliotheken können der Wissbegier des Forschers außer Chroniken kaum etwas bieten. Einige wenige Märchen und Lieder, die in mündlicher Überlieferung ständig mit Neuem angereichert wurden, weisen eine noch kaum erkennbare Ursprünglichkeit auf, und nur das Igor-Lied ragt als einsames Denkmal in der Wüste unserer alten Literatur.
…. Und dann erschien Peter.“
(Übersetzt von Swetlana Geier, aus „Statt einer russischen Literaturgeschichte. Puschkin zu Ehren, Teil der Sammlung »Russland lesen« Fischer Verlag 1999)

Mit Peter dem Großen und anschließend Katharina der Großen hielt die französische und danach die deutsche Literatur in Russland Einzug. Nur wenige russische Namen sind erwähnenswert.
….Und dann erschien Puschkin.

Am 26. Mai jul. (Julianischer Kalender) 1799 kommt Alexander Sergejewitsch Puschkin in Moskau zur Welt. Väterlicherseits entstammt er altem Bojarenadel, sein Urgroßvater mütterlicherseits war der Mohr des Zaren Peters I. Abraham Petrowitsch Hannibal, Prinz von Eritrea, Patenkind Peters des Großen, russischer Generalmajor und Gouverneur von Reval, ursprünglich ein äthiopischer Sklave, den Graf Tolstoi dem Zaren geschenkt hatte. – Das schwarze Kraushaar Puschkins geht sicher auf ihn zurück. – Im Lyzeum von Zarskoe Selo wird er als aristokratischer Nachwuchs für den Staatsdienst ausgebildet und beherrscht mehrere europäische Sprachen fließend; seine Umgangssprache ist – wie damals üblich – Französisch, in der er auch 1814 sein erstes Gedicht veröffentlicht; bald danach bedient er sich hauptsächlich des Russischen. 1820 lernt er den späteren Dekabristen Rylejew kennen und wird wegen politischer und satirischer Gedichte aus Petersburg ausgewiesen und nach Bessarabien strafversetzt. 1824 wird er vom Dienst suspendiert, auf das elterliche Gut verbannt und unter Polizeiaufsicht gestellt. Am 19. November stirbt unerwartet Zar Alexander I. Am 14. Dezember 1825 kommt es zu einer Militärrevolte in St. Petersburg (Dekabristenaufstand) in den zahlreiche Freunde Puschkins verwickelt sind. 121 Dekabristen werden als Staatsverbrecher verurteilt, 36 Todesurteile gefällt.
Zu diesem Zeitpunkt ist Puschkin schon ein bekannter Dichter und hat zahlreiche Gedichte und Poeme veröffentlicht: „Rußlan und Ludmila“ (1820), „Der Gefangene im Kaukasus“ (1821), „Die Räuberbrüder“ (1822), „Die Fontäne von Bachtschisaraj“ (1822), „Die Zigeuner“ (1824). Auch der erste Gesang von „Eugen Onegin“ war 1823 bereits fertig geschrieben. Die Dichtung „Graf Nulin“ und das durch die Lektüre des Tacitus angeregte Gedicht des Improvisators aus den Fragment gebliebenen „Ägyptischen Nächten“ waren entstanden.
Anlässlich der Krönung Zar Nikolaus‘ I. werden alle Dekabristenurteile abgemildert, bis auf die fünf Hauptschuldigen, die gehängt werden, werden alle nach Sibirien verbannt.
Am 8. September 1826 wird Puschkin von einem kaiserlichen Feldjäger aus Michailowskoje, dem elterlichen Gut, abgeholt und in schnellster Fahrt nach Moskau gebracht, wo der Kaiser gerade zu den Krönungsfeierlichkeiten weilt.

„Der Feldjäger“, erzählt der Dichter, „entriss mich der erzwungenen Vereinsamung, brachte mich express nach Moskau, geradewegs in den Kreml; staubbedeckt von der Reise, wie ich war, wurde ich in das Kabinett des Kaisers geführt.
Guten Tag, Puschkin, rief mir der Kaiser entgegen, bist du mit deiner Rückkehr zufrieden?
Ich antwortete geziemend. Er sprach lange mit mir; dann fragte er:
Puschkin, hättest du am 14. Dezember teilgenommen, wenn du in Petersburg gewesen wärst?
Ganz gewiss, Majestät, antwortete ich, alle meine Freunde waren an der Verschwörung beteiligt, ich hätte es nicht vermeiden können, dabei zu sein. Nur meine Abwesenheit hat mich davor gerettet, wofür ich Gott danke.
Du hast genug Dummheiten gemacht, erwiderte der Kaiser, ich hoffe, du wirst nun vernünftig sein, und wir werden uns nicht mehr zanken. Du wirst mir alles schicken, was du schreibst, von heute ab bin ich selbst dein Zensor. (Übersetzt von Fega Frisch)

Damit ist Puschkin vollständig der Gnade des Zaren ausgeliefert, er ist ein Gefangener im goldenen Käfig. Zusätzlich ist er den Intrigen bei Hofe ausgeliefert, wo er in Graf Benckendorff einen heftigen und einflussreichen Widersacher hat.
1834, mit 35 Jahren, wird seine Lage besonders peinlich und drückend, er wird zum Kammerjunker ernannt, eine Hofcharge, die achtzehnjährigen Junkern anstand (11. Rang von 14 auf der Rangtabelle – unterste Gruppe). Als einer der Großfürsten ihm zu dieser Ernennung gratuliert, antwortet Puschkin: „Ich danke untertänigst, Hoheit, bis jetzt haben alle über mich nur gelacht, Sie sind der erste, der mich beglückwünscht.“
1837 wird er durch eine Intrige in einen Ehrenhandel mit dem französischen Legitimisten George d’Anthés (Baron Heeckerer) gestürzt. Es wurde behauptet, seine Frau habe ein Verhältnis mit ihm.
Das Duell findet am 27. Januar 1837 statt, Puschkin wird tödlich verwundet und stirbt zwei Tage darauf unter schrecklichen Qualen. Nach dem Verhalten Graf Benckendorffs zu schließen, der den Zweikampf verhindern sollte aber die Gendarmen in eine falsche Richtung schickte, liegt die Annahme nahe, dass der Ausgang nicht unerwünscht und im Kalkül vorgesehen war.

Gedichte und Verserzählungen
Erinnerungen an Zarskoje Selo (1815)
Rußlan und Ljudmila (1820)
Eugen Onegin (1825-1831)
Boris Godunow (1825)
Poltawa (1829)
Der eherne Reiter (1833)
Das Märchen vom Fischer und Fischlein
Das Märchen vom goldenen Hahn
Die Nixe
Das Fest während der Pest
Szenen aus Ritterzeiten
Der Gefangene im Kaukasus (1822)
Die Fontäne von Bachtschisaraj (1824)
Die Zigeuner (1825/1827)
Zar Saltan
Das Märchen von der toten Prinzessin und den sieben Recken
Das Häuschen in Kolomna (1830)

Puschkins bedeutendste lyrische Werke, mit denen er Weltruhm erreicht hat, sind an erster Stelle »Eugen Onegin«, »Boris Godunow« und »Rußlan und Ljudmila«.
Lew Kopelew schreibt über »Eugen Onegin«:
„Den „Jewgenij Onegin“ hatten schon die ersten Kritiker eine „Enzyklopädie des russischen Lebens“ genannt. Dieses Lob im Geiste aufklärerischer Traditionen und der ganze vielgestaltige Inhaltsreichtum führten sogar die gewissenhaftesten, begabtesten Übersetzer in die Irre. Dabei ist der „reine Informationsgehalt“ dieses Versromans und vieler anderer, sozusagen „erzählender“ Dichtungen Puschkins undenkbar außerhalb ihrer Lautgestalt, ihrer Rhythmen, Intonationen, Reime und Melodien, außerhalb der sichtbaren und beinahe tastbaren Bildvorstellungen, die Puschkins Wort erzeugt.
Deshalb habe ich immer zu denen gehört, die Puschkins Poesie und besonders seinen „Onegin“ für unübersetzbar, für andere Sprachwelten unzugänglich hielten.“

Dies ist ein generelles Problem bei Übersetzungen, ganz besonders aber bei Lyrik, bei der die Form und der Laut über den Inhalt dominiert, und ganz besonders bei Übersetzungen aus dem Russischen, da die russische Sprache weit nuancenreicher als westeuropäische Sprachen ist; die Bedeutungsvielfalt einzelner Worte ist weit größer; viele Bedeutungen eines Wortes könne wir nur in Sätzen umschreibend wiedergeben. Thomas Mann hielt sogar die Übersetzung von Werken der Dichtung in eine andere Sprache schlicht für unmöglich. Und Swetlana Geier, die „Grande Dame“ der Russisch-Übersetzer hat mir an Puschkin-Gedichten demonstriert, wie allein aufgrund der lautmalenden Worte selbst das ins Deutsche gut übersetzte Gedicht nur ein schwaches Abbild des Originals ist.
Einfacher – aber deswegen nicht einfach – ist es bei der erzählenden Dichtung, der Prosa.
Ab 1827 hat sich Puschkin mehr und mehr diesem Genre zugewandt. Das Außergewöhnliche seiner Lyrik spiegelt sich auch in seiner Prosa wieder und es gibt hervorragende Übersetzungen, die dem Original sehr nahe kommen. Diese seine Erzählungen werden ganz sicher – wie mich – jeden Leser begeistern.

Erzählungen und Romane
Die Hauptmannstochter (1836), historischer Roman über das Leben Pugatschows
Der Mohr Peters des Großen (unvollendet, begonnen 1827) über Puschkins aus Eritrea stammenden Urgroßvater
Dubrowskij (unvollendet, begonnen 1823/33)
Die Erzählungen des verstorbenen Iwan Petrowitsch Belkin (1831), beinhaltet die Einzelerzählungen Der Sargtischler, Der Posthalter, Der Schneesturm, Der Schuss und Das Edelfräulein als Bäuerin
Die Geschichte des Pfarrdorfes Gorochino
Pique Dame (1834)
Rosslawljew
Kirdschali
Ägyptische Nächte (Fragment, 1835)
Geschichte des Pugatschew’schen Aufruhrs (deutsch, Stuttgart, 1840)

Über den Autor

Hanns-Martin Wietek
Arbeitet als freier Publizist für russische Literatur und Geschichte für verschiedene Medien. Literaturkritiker für buechervielfrass.de und russland.RU. Seit 2003 bei russland.RU zuständig für Kunst und Kultur und stellt russische Künstler vor.