Aleksej Michajlovič Remizov Teil I – Cancellarius des Affenordens

Literaturessay von Hanns-Martin Wietek (weitere Literaturessays finden Sie hier)

Russlands Weg in die Katastrophe
Mit der Wende zum 20. Jahrhundert begann für Russland die schrecklichste Zeit seiner Geschichte.
1894 folgte Nikolaus II. seinem Vater Alexander III. auf dem Thron. Er führte die erzkonservative Politik seines Vaters und dessen radikalkonservativen Beraters Pobedonoszev nahtlos fort; er war ein autokratischer Herrscher von Gottes Gnaden – Reformen oder gar Demokratie waren ihm ein Gräuel, wie er schon bei der Thronübernahme in seiner Rede verlauten ließ.

Die verspätete frühkapitalistische Industrialisierung unter seinem Vater – im Westen hatte sie schon Jahrzehnte früher stattgefunden – hatte riesige soziale Klüfte entstehen lassen, Russland glich einem Pulverfass. Das Aufbegehren der unteren Klassen wurde rücksichtslos niedergebügelt. Russland wurde im Russisch-Japanischen Krieg 1905 vernichtend geschlagen, was das Elend der einfachen Leute noch vergrößerte, und auf den „Petersburger Blutsonntag“ – die gewaltsame Niederschlagung einer Massenkundgebung – im Januar 1905 folgte die erste Russische Revolution mit Streiks, Morden und Meutereien. Im Oktober desselben Jahres machte Nikolaus II. politische Zugeständnisse, die die Lage zunächst beruhigten; diese Zugeständnisse wurden jedoch sehr bald wieder „neutralisiert“. Der Erste Weltkrieg begann und Russland leistete einen ungeheuren Blutzoll, nicht zuletzt wegen der völlig inkompetenten Heeresleitung mit Nikolaus II. an der Spitze. Die Leidtragenden waren wieder die einfachen Menschen, die in Scharen vom Militär davonliefen und sich den Revolutionären anschlossen.

Es folgten die Februarrevolution von 1917 mit der Abdankung von Nikolaus II. und im Oktober der Putsch der Bolschewiki gegen die Übergangsregierung unter Aleksandr Fëdorovič Kerenskij, der als die große Oktoberrevolution in die Geschichte einging. Das darauf folgende Bürgerkriegsgemetzel stieß selbst Revolutionäre wie Gorkij ab, und wer konnte, der flüchtete ins Ausland – so auch die gesamte Intelligenzija.

Erste Anlaufpunkte der Exilanten waren Berlin und Paris. In Berlin ließ es sich für Devisenbesitzer, wie es die Flüchtlinge größtenteils waren, aufgrund der galoppierenden Inflation in Deutschland bis 1923 besonders gut leben. Groß-Berlin hatte 1920 ca. 3,8 Millionen Einwohner, und ca. 400.000 Russen lebten hier. Deutsche bezeichneten Berlin damals als „die zweite Hauptstadt Russlands“ und in den Bezirken Wilmersdorf, Charlottenburg, Schöneberg und Tiergarten, wo sich die Russen fast ausschließlich niedergelassen hatten, fand sich in manchem Schaufenster ein Schild mit der Aufschrift „Man spricht auch deutsch“.
Hier waren fast alle russischen Dichter gestrandet; alle großen Namen der Zeit waren hier zu finden: Gorkij, Belyj, Ėrenburg, Aleksej Tolstoj, Pasternak…

Vom sozialen Gewissen zum „Leid Tragenden“
Die Schriftsteller hatten die politische Entwicklung – oder besser: die Nicht-Entwicklung – das ganze 19. Jahrhundert über mahnend begleitet und den Finger auf die soziale Wunde gelegt. Immer standen in ihren Werken die Ereignisse im Vordergrund, mal Lösungen fordernd wie bei den Realisten (Gogol, Turgenev, Dostoevskij, Tolstoj u. v. a.), mal beschreibend und die Schlussfolgerungen dem Leser überlassend wie bei den Naturalisten (Boborykin, Mamin-Sibirjak u. a.). Der Schriftsteller selbst war höchstens als handelnde Figur in seinem Werk vertreten oder er bekundete seine Meinung zum Thema, indem er es satirisch behandelte (wie zum Beispiel Saltykov-Ščedrin).

Je trostloser die soziale Situation wurde und je deutlicher man erkennen musste, dass alles Schreiben nichts nutzte, desto mehr begannen die Schriftsteller zu resignieren oder das Geschehen ironisch bis zynisch zu behandeln wie Čechov. Einige kamen zur Überzeugung, dass nur noch Gewalt die Zustände verändern könnte, und wurden Revolutionäre – Gorkij ist der bedeutendste Vertreter dieser Gruppe. Andere, nämlich die Symbolisten, besannen sich auf sich selbst und beschrieben, wie es ihnen unter den herrschenden Umständen ging – sie stellten also ihre eigene Person in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen. Und das war eigentlich das Einzige, was sie verband, denn ihre Überzeugungen waren zum Teil sehr unterschiedlich (was letztlich auch ihr schnelles Verschwinden als Gruppe bewirkte). Sich selbst im Mittelpunkt zu sehen erforderte, mit den bislang gültigen Regeln des Schreibens zu brechen: Das Festlegen auf ein Genre – Roman, Erzählung etc. – empfanden sie als Zwang, die Volkssprache hielt immer mehr Einzug in die Hochsprache, sie experimentierten mit Wörtern, sie schrieben ihre Gedanken frei und schwerelos nieder und das bei den Realisten ganz aus der Mode gekommene Gedicht rückte wieder in den Vordergrund, denn darin konnte man vorzüglich mit Wörtern spielen.
Ganz wesentlich war für die Symbolisten, dass sie in Bezug auf sich selbst ehrlich sein wollten, d. h., dass sie schrieben, was sie empfanden – im Umkehrschluss aber auch, dass sie so leben wollten, wie sie schrieben. Und so waren sie eine wie die Menschheit selbst bunt gewürfelte, dabei aber sehr selbstbezogene und teilweise schon skurrile Gruppe, in der leidenschaftliche Auseinandersetzungen vorprogrammiert waren.
Und diese bunt gewürfelte Gruppe fand sich nach der Revolution in Berlin ein.

obezvevolpal_remizovAleksej Remizov
Einer der Skurrilsten, wenn nicht der Skurrilste in dieser eigenwilligen Künstlergruppe war der damals legendäre Aleksej Michajlovič Remizov. Sein Freund Maksimilian Vološin hat ihn einmal so beschrieben:

Er erinnert an einen Urgeist, ein Fabelwesen, das aus einer dunklen Spalte ans Licht gekrochen ist. Sein Aussehen ähnelt dem jener Teufel, die plötzlich aus Spielzeugschächtelchen herausspringen und kleine Kinder erschrecken. Die Nase, die Brauen, die Haare – alles steht, wie von einem plötzlichen Donner gerührt, zu Berge. Die kleine gekrümmte Gestalt, das bleiche Gesicht, aus altem braunem Tuch herausragend, runde, kurzsichtige Augen, dunkel wie Höhlen, aufstrebende Brauen und eine kleine Falte, die qualvoll über der linken Braue zittert, das spitze Bärtchen, das sein rundes trauriges Gesicht mephistophelisch auslaufen lässt, die große traurige Stirn und Haare, die am Hinterkopf aufgewirbelt sind – diese ganze paradoxe Zusammenstellung von Linien verleiht seinem Gesicht etwas Qualvolles und Anziehendes, von dem man nicht loskommt, wie von einem Rätsel, das man unbedingt lösen muss.(1)

An anderer Stelle wird sein Arbeitszimmer in Berlin beschrieben, das dem in St. Petersburg geglichen haben soll:

Mit Figuren und Kulissen, die er aus Russland mitgebracht hatte, schuf er sich eine eigene kleine Welt. Auf alle Besucher machte die Ausstattung des Zimmers, in das man durch einen mit Kisten und Bücherschränken vollgestellten Flur gelangte, einen tiefen Eindruck: An Fäden hingen seltsame Figuren von der Decke herab und ein Sammelsurium von angeblich magischen Gegenständen war überall im Raum verteilt: »Da war ein Besen, auf dem die Hexe Baba Jaga zu einem Treffen mit dem Teufel in die Lüfte flog, daneben lag ein langer Oberschenkelknochen, den Remisow irgendwo auf einem aufgehobenen Friedhof stibitzt hatte: Das sei der Oberschenkelknochen der Baba Jaga gewesen, die ein Knochenbein hatte. Ausgestopfte Vögel tummelten sich auf einem dürren Ast. Alraunenmännchen aller Art hingen an den Wänden, die er für mumifizierte Enkelkinder des Teufels erklärte. Ein völlig abgetragener Damenschuh mit schiefem Absatz sollte dem armen Aschenputtel gehört haben. Allerlei Gestein von sonderbaren Formationen, das weiße Horn eines Einhorns, und seine riesige aus zwei Halbkugeln bestehende Seychellennuss, die an einen nackten Kinderpopo erinnerte, diese sei weiland König Ludwig XIV. für vierhunderttausend Dukaten verkauft worden, weil sie Wunderkräfte besitze. Einen völlig verschrumpelten Apfel erklärte der Dichter als Apfel des Paris, den dieser damals heimlich weggeworfen habe, weil er zu sauer gewesen sei.«(2)

Man könnte Remizov angesichts dieser Schilderungen für einen „Sonderling“ oder gar für „verrückt“ halten, doch er war keines von beidem. Er war ganz im Gegenteil ein hoch angesehener Schriftsteller, gehörte zu den größten seiner Zeit und hat viele Autoren der jüngeren Generation nachhaltig beeinflusst, wie den „roten Grafen“ Aleksej N. Tolstoj, Michail Prišvin, Evgenij Zamjatin u. v. a. Selbst Maksim Gorkij, der als revolutionärer Schriftsteller ja quasi auf der Gegenseite stand, empfahl jungen Schriftstellern, bei Remizov zu lernen.
Remizov war bis tief ins Innerste ein Symbolist; er lebte nach der symbolistischen Vorstellung, dass der Künstler und sein Werk ein Gesamtkunstwerk bilden müssten. Sein literarisches Feld waren die fantastische Märchenwelt, die Fabeln, die altrussischen Überlieferungen, die Mythologie und das einfache Volk; doch er schrieb nicht nur darüber, er lebte auch in dieser Welt, in die er sich angewidert von dem, was politisch um ihn herum vorging, zurückgezogen hatte und in der seine eigenen Regeln Gültigkeit besaßen. Moralische Belehrungen, Binsenwahrheiten und Rhetorik lehnte er als „tote Buchstaben“ ab, nur was aus dem Traum und der Fantasie – also aus dem Reich der Irrealität – kam, war für ihn wahr.

Noch im hohen Alter, nach einem leidvollen Leben, notierte er 1948:
Ich liebe alles, was nicht „real“ ist, Beschreibungen des „realen“ Le¬bens sind für mich wie Kartoffelschalen oder Schreibübungen.(3)

Und in seinem Dostoevskij-Essay „Wermut-Stern“ schrieb er schon ein paar Jahre früher:
Je unwahrscheinlicher die Wirklichkeit, desto wirklicher, desto wahrer ist sie. Und nur in dieser tiefen, unglaublichen Realität kann man die „Ursache“ menschlicher Handlungen entdecken.(4)

„Große und Freie Affenkammer“
Remizovs nach außen hin skurrilste Idee, die in Wahrheit aber vor allem tiefgründig war, war die Gründung des Affenordens – der „Großen und Freien Affenkammer“ (Obezjanja Velikaja i Volnaja Palata, abgekürzt OBEZVELVOLPAL).
In seinen Rozanov-Briefen schrieb er dazu:

Die Affenkammer entstand 1908, als ich an der „Tragödie des Judas, Prinzen von Ischariot“ schrieb: der Affenzar Asyka in der Tragödie verleiht Affen-Ehrenzeichen.
Aber die Idee von einem Affenzeichen entstammte einem Spiel. Auf der Durchreise nach Petersburg machten wir jeden Herbst in Moskau halt. Einen von den Schriftstellern um diese Zeit in Moskau anzutreffen, war nicht so einfach, alle hockten sie in ihren Malachowkas
[Wochenenddörfer, hmw]. Und da spielte ich eben mit meiner kleinen Nichte Ljaljaschka (Elena Sergeevna Remizova).
Man musste sich immer was Besonderes einfallen lassen. Sie bettelte in einem fort, ich solle ihr etwas machen, das kein anderer habe.
Und bei der Gelegenheit machte ich ihr ein Affenzeichen – „heimlich zu tragen“ …
(5)

Das „Affenmanifest“, sozusagen die Satzung, bestand nur aus wenigen Sätzen.
Zuerst wurde die Kammer zur Geheimgesellschaft erklärt. Weiter hieß es „Herkunft – ungewiss, Ziele – frei erklärte Anarchie, Absichten – unerforschlich, Mittel – keine“. Mit dem Manifest sprach er alle an, die die menschliche Gemeinheit, die die Welt des Traums und des Wortes beschmutzt, verachten, und verkündete allen „geschwänzten und ungeschwänzten … Anhängern, dass hier in den Wüsten und Wäldern kein Platz sei für widerliche menschliche Heuchelei, dass hier Maße und Gewichte stimmen, dass Lüge immer Lüge und Heuchelei immer Heuchelei sein würden.“
Auf diese Weise wurde den Mitgliedern die Pflicht zur Selbsterkenntnis auferlegt – jeder musste sich in seinem Tun und Lassen immer wieder selbst überprüfen.

Remizov erklärte sich selbst zum „Cancellarius“ des Ordens, und aufgenommen wurden Menschen, die sich durch Originalität auszeichneten. Die Mitglieder wurden zu „Kavalieren“ oder „Fürsten“ ernannt und bekamen einen Beinamen; Maksim Gorkij, der den höchsten Rang in der Hierarchie inne hatte, war z. B. „Affenfürst und Stellvertreter des Altmeisters in Deutschland und Affenritter mit dem Globus“, der rote Graf Aleksej Tolstoj, der wegen seiner Schulden aus Paris nach Berlin geflüchtet war, hieß „Flüchtiger Affenfürst von Paris“, der humorlose Ivan Bunin „Großer Mufti“; der religiöse Boris Zajcev wurde zum „Fürstbischof“ geweiht (worüber er gar nicht lachen konnte), der an Liebeskummer leidende Viktor Šklovskij wurde zum „kurzschwänzigen Jungaffen“ und der als Zyniker verschriene Ilja Ėrenburg zum „Ritter mit dem Laufkäferrüssel“ (nach dem Laufkäfer, der zu seiner Verteidigung eine ätzende Flüssigkeit verspritzt). Alle hatten einen Mitgliederausweis, den Remizov in einer eleganten Kursivhandschrift des 17. Jahrhunderts geschrieben hatte, mit Unterschrift und Signet des Affenkönigs Asyka.

1922, als „Asyka I., der Oberste Herr der Freien Affen, durch seinen Cancellarius in Berlin-Charlottenburg das Manifest in neuer Fassung verkünden ließ“, hatte der Affenorden schon über 100 Mitglieder – russische Schriftsteller, Verleger, Philosophen, Maler und Musiker. Alles, was Rang und Namen hatte, war vertreten. Mit allen pflegte Remizov witzige und teils hintergründige Briefwechsel, und alle hatten das Recht, jederzeit in die „Große und Freie Affenkammer“ zu kommen „wie zu sich nach Hause“.

Um den tieferen Sinn dieser nach außen hin witzig-skurrilen „Erfindung“ Remizovs zu verstehen, muss man die Erzählung vom Affenkönig Asyka (1908) kennen. In ihr ist die Welt grotesk verdreht: Die Affen stellen das Menschliche dar und die Menschen (speziell die russischen Menschen) sind äffisch. Auf diese Weise führt Remizov das „menschliche“ Verhalten ad absurdum. Scheinbar unumstößliche Wahrheiten werden durch die absurde Verfremdung hinterfragt. Das Affensymbol wird auf diese Weise für Remizov zum Symbol für Freiheit, für totale Unabhängigkeit – nicht umsonst benutzt er das Wort „volnaja“, das absolute Ungebundenheit bedeutet, und nicht das Wort „svoboda“, das für verantwortungsvolle Freiheit im Sinne der Aufklärung steht. Es ist ein Protest gegen die politische und soziale Verknechtung seiner Zeit … und ein Protest gegen die althergebrachten Regeln der Schriftstellerei des Realismus.

Ein Spleen entpuppt sich hier als Lebensweisheit.

(1) [zitiert nach Christa Ebert: Symbolismus in Rußland – Zur Romanprosa Sologubs, Remisows, Belys, 1988]
(2) [zitiert nach Thomas Urban: Russische Schriftsteller im Berlin der zwanziger Jahre, 2003]
(3) [zitiert nach Alexej Remisow: Der goldene Kaftan und andere russische Märchen, 1981]
(4) [zitiert nach Alexej Remisow: Der goldene Kaftan und andere russische Märchen, 1981]
(5) [zitiert nach Fritz Mierau: Russen in Berlin 1918 – 1933, Eine kulturelle Begegnung, 1988]

In Teil II wird der Lebensweg Remizovs und sein Schaffen dargestellt. Das Literaturverzeichnis ist am Ende von Teil II.


[russland.RU]

Über den Autor

Hanns-Martin Wietek
Arbeitet als freier Publizist für russische Literatur und Geschichte für verschiedene Medien. Literaturkritiker für buechervielfrass.de und russland.RU. Seit 2003 bei russland.RU zuständig für Kunst und Kultur und stellt russische Künstler vor.