Aleksandr Ivanovič Kuprin

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Literaturessay von Hanns-Martin Wietek (weitere Literaturessays finden Sie hier)

Geboren am 26. August jul. / 7. September greg. 1870 in Narovčat (Gouvernement Pensa, 500 km südöstlich von Moskau) und gestorben in Leningrad – wie St. Petersburg zu diesem Zeitpunkt schon hieß – am 25. August 1938, war er ein Zeitzeuge des gesamten, großen Umbruchs in Russland, sowohl des gesellschaftlichen wie auch des literarischen. Er war noch bis in die letzte Hälfte des vorigen Jahrhunderts in Russland (auch in der DDR) ein gern gelesener der letzten großen russischen Realisten, und viele seiner Erzählungen und Romane sind und werden noch heute in Russland verfilmt.

Mit Lev Tolstoj (*1828 †1910), Anton Čechov (*1860 †1904), Vladimir Korolenko (*1853 †1921), Fëdor Sologub (*1863 †1927), Pëtr Boborykin (*1836 †1921), Dmitri Mamin-Sibirjak (*1852, †1912), Ivan Bunin (*1870 †1953) und Maksim Gorkij (*1868 †1936) war er bekannt oder befreundet. In ihrem Kreis war er ein geschätzter Kollege. Mit Čechov, Bunin (seine erste Frau lernte er durch ihn kennen) und Mamin-Sibirjak (seine zweite Frau war eine Verwandte von ihm) war er näher bekannt und mit Gorkij war er zeitweilig sogar befreundet.

Mit Gorkij verbanden ihn sogar eine gewisse Wesensverwandtschaft und eine frappierende Parallelität der Lebensläufe: Gorkij war zwei Jahre älter als er (und starb zwei Jahre früher); wie Gorkij zog Kuprin, in den verschiedensten Berufen arbeitend, durch Russland, bevor er sich ausschließlich der Schriftstellerei widmete; beide waren bis zur Oktoberrevolution revolutionäre Schriftsteller – Gorkij allerdings ideologischer als Kuprin; sie arbeiteten in Gorkijs Verlagen »Snanie« und später im Verlag »Weltliteratur« zusammen und beabsichtigten mit Lenins Unterstützung die Bauernzeitung »Erde« zu gründen; beide emigrierten nach der Oktoberrevolution – Kuprin 1920 über Finnland nach Paris und Gorkij „aus gesundheitlichen Gründen“ 1921 über Berlin nach Italien (zu dieser Zeit war aus ihrem freundschaftlichen Verhältnis schon ein sehr distanziertes geworden); und beide kehrten nach Russland (jetzt Sowjetunion) zurück: Gorkij schon 1927 (und ließ sich immer mehr vom System vereinnahmen) und Kuprin 1937 – ein Jahr vor seinem und ein Jahr nach Gorkijs Tod (1936) –, um zu sterben, was er schon bei seiner Rückkehr wusste, denn er hatte Zungenkrebs.

Alexander_Kuprin_1910er Jahre

Alexander_Kuprin_1910er Jahre

Aleksandr Kuprin wuchs in sehr einfachen Verhältnissen auf: Seine Mutter stammte aus dem sehr berühmten, tatarischen, aber verarmten Fürstengeschlecht Kulunčakov und sein Vater war ein kleiner Beamter, der schon ein Jahr nach Alexandrs Geburt an Cholera starb und die Familie völlig mittellos zurückließ. Mit sechs Jahren kam er in das Aleksandrovskij Waisenpensionat in Moskau (von wo er einen lebenslangen Hass auf die damaligen Erziehungsanstalten mitnahm), mit zehn Jahren kam er auf das Militärgymnasium, das kurz darauf in eine Kadettenanstalt umgewandelt wurde, die er als Zwanzigjähriger als Leutnant verließ.

Schon mit 13 Jahren schrieb er Gedichte und 1889, mit 19 Jahren, veröffentlichte er in einer Moskauer Zeitung seine erste Erzählung »Das letzte Debüt« (eine junge Schauspielerin begeht aus unerwiderter Liebe während einer Vorstellung Selbstmord), die ihm einige Tage Karzer einbrachte, weil er nicht zuvor eine Genehmigung von der Leitung der Kadettenanstalt eingeholt hatte. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er mit seiner Beförderung zum Leutnant umgehend den Dienst quittiert, seine Mutter insistierte jedoch und er ging für vier Jahre zu einem Infanterieregiment nach Podolien, wo er den schlimmsten Stumpfsinn und die Intrigen des zaristischen Offizierslebens kennenlernte. 1893 versuchte er dem zu entkommen, indem er sich zur Aufnahmeprüfung an der Akademie des Generalstabs in St. Petersburg meldete. Auf der Reise dorthin bekam er mir einem Polizisten Streit und beleidigte ihn. Der Polizist verlangte eine Entschuldigung und machte Meldung, worauf Kuprin umgehend zu seinem Regiment zurückgeschickt wurde. Ein Jahr später quittierte er endgültig den Dienst.

Nun begann für ihn die Schule des Lebens. Er ging mit nur ein paar Rubeln in der Tasche nach Kiew, um sein Geld als Journalist zu verdienen. Dort veröffentlichte er dann auch in den verschiedensten Zeitungen und Journalen Reportagen, Glossen, Theaterberichte, Kurzgeschichte, kurzum alles, was gerade anfiel – vieles davon fasste er 1897 in den Sammlungen »Kiewer Typen« und »Miniaturen« zusammen. Aber nicht nur dass er davon nicht leben konnte, ihn reizte das Unbekannte, reizten neue Erfahrungen.

1895 arbeitet er in einem Moskauer Betrieb, der Ventilatoren herstellte, 1896 als Stahlgießer im hoch industrialisierten Donezkbecken, kurz danach gründet er in Kiew eine „Athletengesellschaft“ und einen Zirkus, 1897 findet man ihn als Gutsverwalter und Vorsänger in der Kirche, danach macht er eine Ausbildung zum Zahnarzt, um dann doch 1899 einer Theaterwandertruppe beizutreten, der er neun Monate die Treue hält und sich dann wieder von dem provinziellen Mief abwendet; Sänger, Privatlehrer und Landmesser sind die nächsten beruflichen Stationen. Zu guter Letzt beschließt er Mönch zu werden und zieht 1901 dann doch nach St. Petersburg, um ausschließlich Schriftsteller zu sein.

Diese „Wanderjahre“ sind der „Fundus“, aus dem er zeit seines Lebens geschöpft hat. Das brachte mit sich, dass er im Gegensatz zu den meisten Schriftstellern seiner Zeit kein bevorzugtes Hauptthema hatte, sondern aus der Reichhaltigkeit seines Lebens schöpfend zu vielen Bereichen des menschlichen und sozialen Lebens etwas zu sagen hatte. Er selbst sagte einmal, dass er alles, was er geschrieben, selbst erlebt habe, dass sein ganzes Schaffen Autobiografie sei.

Anmerkung: In diesem Essay werden nur die Werke namentlich benannt, die ins Deutsche übersetzt sind – und das ist leider nur ein Bruchteil der ungefähr 200 Werke. Eine nahezu vollständige Auflistung – allerdings in russischer Sprache – befindet sich hier. https://ru.wikipedia.org/wiki/Куприн,_Александр_Иванович

Zu diesem Zeitpunkt hatte er schon (kritische) Erzählungen zu seinem Leben als Offizier geschrieben (Nachtlager 1895), über sein Leben mit den Zirkusleuten, zu Herzen gehende Tiergeschichten, über die Liebe (Olesja 1898 – eine der Welt besten Liebesgeschichte), Skizzen über die verschiedensten Personen und Berufe (s. o. »Kiewer Typen«) und auch nicht zuletzt sozialkritische Erzählungen wie Moloch (1896). Mit letzterer hatte er schon einige Berühmtheit erlangt. Sie ist eine seiner ersten revolutionären Erzählungen und handelt – erlebt in seiner Zeit als Stahlarbeiter im Donezkbecken (Südostukraine) – von der frühkapitalistischen Ausbeutung der Arbeiter durch das reich gewordene Bürgertum, einer neuen Klasse Russlands, die von Altgläubigen und Juden dominiert wurde.

Kuprin_und_Schaljapin_1911._Искры_№45

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Mit offenen Armen wurde er von seinen Schriftstellerkollegen, wie Anton Čechov, Ivan Bunin und nicht zuletzt Maksim Gorkij aufgenommen. Er blieb zwar seiner Grundeinstellung, über alles, was er erlebt hatte, zu schreiben, treu, seine sozialkritischen, ja revolutionären Werke wurden jedoch schärfer. Hinzu kamen Erzählungen über die Juden – in der Südukraine gab es seit Jahren heftige Judenpogrome – (Die Jüdin 1904), in denen er die Voreingenommenheit der Zeitgenossen teilweise mit beißendem Spott bedachte. Das zaristische Offizierswesen nahm er weiterhin immer heftiger aufs Korn (Stabskapitän Rybikow 1905); dies gipfelte in seinem Roman Das Duell (1905), der ihn schlagartig weltberühmt machte, denn der Roman wurde noch im selben Jahr ins Deutsche und andere Sprachen übersetzt. In ihm zeigt er die ganze Sinnlosigkeit, den Stumpfsinn und den verrotteten Ehrbegriff dieser „Kaste“ auf: Der einzig einigermaßen Integre in diesem Kreis wird bei einem ihm aufgezwungenem Duell, das nach Absprache eigentlich ein Scheinduell sein sollte, erschossen.

In der Revolution von 1905 steht er eindeutig zu den Revolutionären und wettert gegen die „Abschlachtung“ der aufständigen Odessaer Matrosen. Mit seiner scharfen Reportage »Die Ereignisse von Sevastopol« handelt er sich einen Prozess ein, der durch die Kriegsereignisse bedingt erst später stattfinden kann und ihm „nur“ ein dauerhaftes Verbot, im Gebiet von Sevastopol zu leben, einbringt.

Auch nach der 1905er Revolution findet man ihn auf der Seite der Revolutionäre. Seit 1902 arbeitete er in Maksim Gorkijs Verlag »Snanje«, entfremdete sich aber nach und nach von Gorkij, denn er war mit dessen ideologischer Einstellung nicht einverstanden, er warf ihm vor, künstlerisch tendenziös zu sein. Kuprin war eher ein selbstbewusster Einzelgänger, ein Nonkonformist, dessen revolutionäre Einstellung eher dem Anarchismus Kropotkins oder Lev Tolstojs glich.

Die Zeit bis zum Ausbruch der Ersten Weltkrieges war für Kuprin nerven- und kräftezehrend: Trennung von seiner Frau, Heirat der zweiten Frau, ein aufreibendes Boheme-Leben, Reisen von Finnland bis auf die Krim. Literarisch war es jedoch eine fruchtbare Zeit. Von den vielen, in dieser Zeit entstandenen Werken sind in deutscher Sprache erschienen:

Die Kränkung (1906), eine Erzählung voller schwarzem Humor, in der sich die „Zunft“ der Diebe dagegen wehrt, für die Pogrome gegen die Juden verantwortlich zu sein, wofür die Polizei sie – der Einfachheit halber – verantwortlich macht und prügelt.

Die mechanische Rechtspflege (1907) ist fast eine Persiflage auf das Rechtssystem.

In Gambrinus (1907) ist ein kleiner jüdischer Geiger der Held, der alle Widerstände und Anfeindungen im wahrsten Sinn des Wortes überlebt und sich am Schluss als der moralisch Stärkere und Standhaftere erweist.

Smaragd (1907) ist ein hervorragendes Rennpferd – die Erzählung ist dem Leinwandmesser von Lev Tolstoj gewidmet –, das aufgrund der Machenschaften bei Pferderennen nicht nur um seinen Ruhm betrogen, sondern am Ende auch noch vergiftet wird.

Mit dem Roman Jama (auch Die Gruft 1909 bis 1915) – eine Sittengeschichte – erregte Kuprin erneut großes Aufsehen. Sehr freizügig und offen schildert Kuprin das Leben in einem Bordell in einer südukrainischen Stadt, wobei er die Bewohner und Besucher sehr genau porträtiert (was überhaupt eine seiner Stärken ist); nicht die „Damen“ sind die zu Verurteilenden, sondern die nach außen hin ehrbaren Besucher und die sozialen Missstände, die die Frauen in diese Notsituation gebracht haben. Der Roman machte so viel Furore, dass noch Jahre danach Studenten auf die Straße gingen, um gegen diese sozialen Bedingungen aufzubegehren.

In Die Hochzeit (1908) benimmt sich wieder einmal ein zaristischer Offizier auf einer jüdischen Hochzeit, auf der er herzlich willkommen geheißen wurde, vollständig besoffen unsäglich daneben – allerdings bereut er am nächsten Tag wenigstens und bittet um Verzeihung.

Das Granatarmband (1910). Diese Erzählung zählt sicher zu den schönsten, tiefsinnigsten und aufwühlendsten Kuprins und beruht auf einer wahren Begebenheit. Sie handelt von der reinen, wahren, selbstlosen Liebe eines jungen Mannes, der lieber in den Tod geht, als seine Angebetete in Schwierigkeiten zu bringen. Erst nach seinem Tod wird der Frau klar, wie groß und ehrlich die Liebe des Mannes war – des Mannes, den sie nie gesehen hatte und der ihr nur wenige Male geschrieben hatte. Während sie „seine“ Musik – »L. van Beethoven Sonate D-Dur op. 2, Nr. 2., Largo Appassionato« – hört, begreift sie, was wahre Liebe ist.

In der Erzählung Der schwarze Blitz (1912) zeigt sich Kuprins ganze Perfektion bei der Schilderung von Milieus, menschlichen Typen und der Beschreibung der Natur und den Naturgewalten. Sie ist eine Perle der Literatur. Zwei kurze Auszüge:

Die hiesigen Kleinbürger sind ein raues, frommes und misstrauisches Völkchen. Was sie machen und wovon sie leben, ist unergründlich. Im Sommer werkelt der eine oder andere unter ihnen noch am Fluss herum und treibt das zu Flößen zusammengebundene Holz stromabwärts; doch ihr winterliches Dasein bleibt geheimnisvoll. Sie erheben sich spät, nach Sonnenaufgang, und starren den ganzen Tag aus dem Fenster auf die Straße, wobei ihre platt gedrückten Nasen und rissigen Lippen als weiße Flecken auf der Scheibe zu sehen sind. Zu Mittag essen sie, wie Rechtgläubige, um zwölf Uhr, und nach dem Essen schlafen sie. Schon um sieben Uhr abends wird das Tor mit einem schweren Eisenriegel verschlossen, und jeder Hausherr lässt den alten, bösen, struppigen, grauschnäuzigen und vom Bellen heiseren Köter eigenhändig von der Kette, und bis zum Morgen schnarchen sie in warmen, schmutzigen Federbetten inmitten eines Berges aus Kissen beim friedlichen Schein der bunten Ikonenlämpchen. Sie schreien entsetzlich im Schlaf, wenn ein schrecklicher Albtraum sie quält, und wenn sie erwachen, kratzen sie sich ausgiebig, schmatzen und sprechen ein extra zu diesem Zwecke vorgesehenes Gebet gegen den Haus­geist.

…………………

Der erste Blitz zuckte, es begann zu donnern, und mit dumpfem Poltern stürzte der Blitz herab; ihm folgte ein zweiter, ein dritter.

Es war eines jener schrecklichen Gewitter, die sich manchmal über großen Tiefebenen entladen. Der Himmel flammte nicht auf von den Blitzen, sondern schien gleichsam ununterbrochen zu leuchten in ihrem zuckenden grellweißen, hell-und dunkelblauen Widerschein. Und der Donner verstummte keinen Augenblick. Es schien, als finde dort oben irgendein teuflisches Spiel mit himmelhohen Kegeln statt. Mit dumpfem Getose jagten dort unglaublich große Kugeln entlang, immer näher, immer lauter, und plötzlich – trrrachta-ta-trach – fielen auf einmal die Riesen­kegel um.

Und da sah ich einen schwarzen Blitz. Ich sah, wie im Osten der Himmel, ohne zu verlöschen, von den Blitzen loderte, sich pausenlos bald dehnte, bald zusammenzog, und plötzlich sah ich auf diesem blauen, von Feuern zuckenden Him­mel mit ungewöhnlicher Deutlichkeit einen nur kurz währenden, blendend schwarzen Blitz. Und gleichzeitig mit ihm riss ein fürchterlicher Don­nerschlag Himmel und Erde entzwei und warf mich zu Boden, auf die Bülten. Als ich wieder zu mir kam, hörte ich hinter mir Jakobs zitternde, schwache Stimme: ›Herr, was ist das, lieber Gott… Wir sterben, o Himmel … Ein Blitz … ein schwarzer … lieber Gott, lieber Gott!‹

Zitiert nach „Alexander Kuprin, Meistererzählungen, übersetzt von Eveline Passet, Manesse Verlag 1989.

Alexander_Kuprin_und seine Ehefrau_im 1. WeltkriegI

Alexander_Kuprin_und seine Ehefrau_im 1. WeltkriegI

Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges wird Kuprin als Reserveoffizier eingezogen, kurz danach aber aus gesundheitlichen Gründen entlassen und richtet in Gačina (in der Nähe von St. Petersburg) auf seinem Anwesen ein Lazarett ein. Bei Ausbruch der Russischen Revolution bezieht er zum ersten Mal politisch klar Stellung: Er tritt in die zu den rechten Sozialrevolutionären zählende »Partei der Volkssozialisten« ein und redigiert deren Zeitung »Freies Russland«; mit den Bolschewiki kann er sich nicht recht befreunden, denn sie sind ihm zu stark ideologisiert. 1918 arbeitet er in Gorkijs Verlag »Weltliteratur« mit – Gorkij wetterte damals heftig gegen die Willkür und Selbstherrlichkeit der bolschewistischen Revolutionäre. Im Oktober 1919 wird Gačina von den Truppen der Weißen Armee unter dem General Judenič eingenommen. Als kurz darauf die Rote Armee (Bolschewiki) Gačina zurückerobert, flieht Kuprin mit seiner Familie nach Finnland und von dort Mitte 1920 weiter nach Paris.

Im Exil in Paris ging es ihm wie vielen russischen, emigrierten Schriftstellern: Er war von seinen Wurzeln abgeschnitten – eine für Russen besonders tragische Situation. Hinzukam, dass die Emigranten in Paris ein kunterbunt „zusammengewürfelter“ Haufen war. Hier lebten Zarentreue, bürgerliche Demokraten, Adelige, Sozialdemokraten, gemäßigte Sozialisten, Angehörige der Weißen Armee, eingeschworene Gegner der Revolution und Anhänger der Revolution, die nur vor den Exzessen geflohen waren, Spieler, Hasardeure – kurzum, das Einzige, was sie verband, war, dass sie geflohen, emigriert waren. Entsprechend war es ein zerstrittener, intrigierender Haufen. (Siehe Essays »Russische Schriftsteller in der Emigration« und »Nina Nikolajewna Berberowa«). Dies war für den langsam immer kränker werdenden Kuprin kein Nährboden für ein Schaffen brillanter Werke. Er beschäftigte sich viel mit der Herausgabe seiner bisherigen Werke und schöpfte aus dem Fundus seiner Vergangenheit. Schon 1924 (vier Jahre nach seiner Emigration) schrieb er an seine erste Frau, die ihn zur Rückkehr bewegen wollte: „Meine Liebe, ich bin todmüde und stehe im 54. Lebensjahr. Der Kokon meiner Fantasie ist aufgebraucht, und geblieben sind davon fünf, sechs Seidenfäden. […] Ja, sterben wäre dort süßer und einfacher.“

Prawda-Meldung_Возвращение_Куприна_в_СССР_1937_Правда

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Es sollte noch dreizehn Jahre dauern, bis Kuprin todkrank in seine Heimat zurückkam, weil er in russischer Erde begraben sein wollte. Viele gaben ihm bei seiner Ankunft am Weißrussischen Bahnhof in Moskau einen rührenden Empfang, aber es war nicht mehr sein Russland – es war das Stalinsche Terrorregime, dem schon viele, auch seiner Kollegen, zum Opfer gefallen waren. Auch wenn das Regime seine Rückkehr feierte und propagandistisch ausschlachtete, wäre er nicht schon todgeweiht gewesen – er hätte die folgenden „Säuberungen“ Stalins gewiss nicht überlebt.

Er starb am 25. August 1938 und wurde auf dem berühmten Wolkow-Friedhof in Leningrad beigesetzt, dort wo auch seine von ihm bewunderten Klassikerkollegen Saltykov-Ščedrin, Turgenev, Gončarov und Leskov ruhten.

Sein Lebensweg ist beispielhaft für viele seiner Generation.

Mit ihm ist endgültig eine Epoche zu Ende gegangen.

Literatur Kuprin

Alexander Iwanowitsch Kuprin: Smaragd – Drei Erzählungen, Nachwort Erhard Hexelschneider, Insel Verlag Leipzig 1972. Enthaltene Erzählungen: Smaragd, ›Gambrinus‹, Olesja.

Kuprin: Olessja – und andere Novellen, Hans Bondy Verlagsbuchhandlung, Berlin W. 1911
Enthaltene Erzählungen: Olessja, Gambrinus, Die Hochzeit

Alexander Kuprin: Meistererzählungen, übersetzt von Eveline Passet, Nachwort von Ilma Rakusa, Manesse Verlag Zürich 1989. Enthaltene Erzählungen: Der Moloch, Das Nachtlager, Die Jüdin, Die Kränkung, Die mechanische Rechtspflege, Das Granatarmband, Der schwarze Blitz, Der Stern Salomos

Kuprin: Das Granatarmband – und anderes, Georg Müller München 1911. Enthaltene Erzählungen: Das Granatarmband, Moloch, Stabskapitän Rybnikow

Kuprin: JAMA – Die Lastergrube, Sittenroman, Vorwort von Dr. Savielly G. Tartakower, Internationaler Verlag „Renaissance“ 1923

Alexander Kuprin: Die Drehorgel und der weiße Pudel, Sanssouci Verlag Zürich 1979

Düwel, Wolf/ Grasshoff, Helmut [Hrsg]: Geschichte der russischen Literatur von den Anfängen bis 1917 (in zwei Bänden), Aufbau-Verlag 1986

Luther, Arthur: Geschichte der Russischen Literatur, Bibliographisches Institut Leipzig 1924

Lauer, Reinhard: Geschichte der russischen Literatur – von 1700 bis zur Gegenwart, C.H. Beck Verlag 2000

Über den Autor

Hanns-Martin Wietek
Arbeitet als freier Publizist für russische Literatur und Geschichte für verschiedene Medien. Literaturkritiker für buechervielfrass.de und russland.RU. Seit 2003 bei russland.RU zuständig für Kunst und Kultur und stellt russische Künstler vor.