Abschuss: Russische Helikopter-Piloten sterben bei Palmyra

Foto: Wikipedia/Igor Dvurekov CC BY-SA 3.0Foto: Wikipedia/Igor Dvurekov CC BY-SA 3.0
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In Syrien ist es ruhiger geworden, die Russen haben ihr Kontingent deutlich reduziert. Dennoch wird weiter gekämpft – und es gibt Opfer, auch auf russischer Seite: Eine Hubschrauberbesatzung starb bei einem Kampfeinsatz gegen den IS – womöglich durch einen Fehler der eigenen Leute.

Der Abschuss geschah bereits am Freitag nahe der antiken Wüstenstadt Palmyra. Doch noch immer gibt es Fragen und auch Widersprüche. Gesichert ist, dass der Einsatz dort das – nach der offiziellen Statistik – 12. und 13. Todesopfer in den Reihen der russischen Einsatztruppe in Syrien forderte. Oberst Rjafagat Chabibullin, ein erfahrener Heli-Pilot mit Kampferfahrung in Tschetschenien und Georgien, sowie der Bordschütze Jewgeni Dolgin starben, als ihr Hubschrauber am Heck getroffen wurde und abstürzte. Ihre Leichen wurden später geborgen.

Moskau: Russen saßen in syrischem Helikopter

Unklar ist aber bis dato, um welches Hubschraubermodell es sich handelte – und zu welcher Armee es gehörte: So erklärte das russische Verteidigungsministerium, die beiden russischen Flieger seien mit einem Kampfhubschrauber des alten Typs Mi-25 der syrischen Streitkräfte auf einem Erprobungsflug nach einer Reparatur unterwegs gewesen. Da zu dieser Zeit IS-Kämpfer in der Gegend gegen Stellungen der syrischen Regierungstruppen vorrückten, hätten die Piloten auf Wunsch der Syrer in die Kämpfe eingegriffen und die Islamisten auch erfolgreich aufgehalten. Die Maschine sei, nachdem die Munition verschossen war, bereits auf dem Rückflug gewesen, als sie getroffen wurde.

Die Zeitung „Kommersant“ berichtet heute aber unter Berufung auf eigene Quellen im russischen Militärapparat, es habe sich um einen Kampfhubschrauber des Typs Mi-35M gehandelt – und zudem um eine russische und nicht eine syrische Maschine. Einige Exemplare dieses ähnlichen, aber weitaus moderneren Typs seien im März auf der russischen Luftwaffenbasis Chmeimim stationiert worden.

IS-Video zeigt Treffer und Absturz

Zudem verbreitete der IS ein realistisch scheinendes Video, das zeigt, wie der Helikopter nach einer Explosion im Heckbereich außer Kontrolle gerät und sich um die eigene Achse drehend auf dem Wüstenboden aufschlägt. In diesem Moment kommt mit dem gleichen Kurs und ähnlicher Flughöhe ein zweiter, offenbar baugleicher Hubschrauber ins Bild. Dies spricht dafür, dass der Helikopter, wie bei Kampfeinsätzen meist üblich, in einem Paar mit einer zweiten Maschine unterwegs war.

Spekuliert wird nun auch über die Waffe, die den Helikopter zu Boden brachte. Zunächst war seitens des Verteidigungsministeriums von einer TOW-Panzerabwehrrakete US-amerikanischer Bauart die Rede. Manche Militärexperten halten dies aber wegen derer geringen Geschwindigkeit für unwahrscheinlich und nehmen eine kleinkalibrige Kanone oder eine tragbare Flugabwehrrakete an.

Weniger heldenhafte Version: Traf zweiter Helikopter seinen Vordermann?

Die Webseite citeam.org von russischen militärkritischen Beobachtern verbreitet aufgrund einer Auswertung des Videos eine andere Variante: Es handele sich um einen versehentlichen Abschuss durch den folgenden, zweiten Hubschrauber. Die russische Maschine sei also durch „friendly fire“ zerstört worden. Darauf würde der Winkel der ansatzweise sichtbaren Qualmspuren des fatalen Geschosses hinweisen. Sie ähnelten jenen, die der kurz zuvor noch feuernde Raketenwerfers der getroffenen Mi-35M verursachte.

Gegen einen Abschuss durch den IS spreche zudem, dass von dessen Propaganda-Profis keine Szene vom dazu passenden Abfeuern einer Waffe verbreitet wurde – und dass es auf dem Video keine Rauchspur einer vom Boden aufsteigenden Flugabwehrwaffe gibt. Citeam belegt anhand eines Fotovergleichs auch nachvollziehbar, dass es sich um eine Mi-35M und nicht um eine Mi-25 handelt.

Doch selbst wenn dem so ist, wird die offizielle Version wohl der Abschuss durch den IS bleiben – denn eine solche Wahrheit wäre dem russischen Militär zu peinlich.

Bei dem Vorfall handelt es sich um den dritten Verlust eines russischen Hubschraubers während des Syrien-Einsatzes: Während der Bergung des überlebenden Piloten des von der Türkei abgeschossenen SU-25-Bombers wurde im November ein Mi-8-Helikopter getroffen. Im April ging bei Homs eine MI-28 H verloren, nach vorläufigen Angaben aufgrund eines Pilotenfehlers während eines Kampfeinsatzes.

[ld/russland.NEWS]

Über den Autor

Lothar Deeg
Lothar Deeg geboren 1965 und gebürtig aus Bad Mergentheim. 1991 infizierte ich mich als frisch gebackener Diplom-Journalist auf einer Reise nach Wladiwostok mit dem Russland-Virus. Rudimentär mit VHS-Russischkenntnissen ausgestattet hängte ich 1994 meinen Redakteursposten beim „fliegermagazin“ an den Nagel und siedelte von München nach St. Petersburg um. Dort schreibe ich seitdem als freier Journalist über alles, was mir aus Stadt und Land berichtenswert erscheint – unter anderem als Korrespondent des epd und des Logistik-Fachblatts „Verkehrsrundschau“. Momentan arbeite ich an meinem dritten und vierten Reiseführer über St. Petersburg. Meine Lieblingsjobs sind aber Städte- und Personenporträts für das Bordmagazin der Airline Swiss.