Abschied von der Postmoderne

Überlegungen zur Identitätskrise der Europäischen Union

[von Dr. Hauke Ritz] Eine Epoche neigt sich ihrem Ende entgegen. Die unipolare Weltordnung, die seit dem Mauerfall virulent war und vom Ende der 1990er Jahre bis in unsere Gegenwart hinein aktiv angestrebt worden ist, hat sich nicht verwirklicht.

Weder die USA noch die EU noch beide zusammen waren in den vergangenen 28 Jahren in der Lage, das Vakuum zu füllen, das der Zerfall der Sowjetunion hinterlassen hatte. Der westliche Staatenbund ist zwar seit 1989 beträchtlich gewachsen und verfügt heute über mehr Mitglieder als je zuvor. Doch ein Weltstaat ist daraus dennoch nicht entstanden. Das Scheitern dieser »Grand Strategy« hat nun zu einer ganz neuen Situation geführt.

Gegenwärtig findet in Zentralasien ein von China und Russland vorangetriebener Integrationsprozess statt, an dem weder die USA noch die EU beteiligt sind. Praktisch bedeutet dies den Anbruch einer multipolaren Weltordnung. Eine solche Ordnung birgt sowohl Risiken als auch Möglichkeiten in sich. Zu den Risiken gehören willkürliche Koalitionsbildungen, im Zuge derer sich zwei oder drei Akteure gegen einen verbünden könnten. Zu den Möglichkeiten gehört, dass die Existenz verschiedener selbstständiger Mächte durchaus Raum für verschiedene Interpretationen der Moderne und damit auch für unterschiedliche Zivilisationsmodelle bietet.

Es ist zu erwarten, dass insbesondere die aufsteigenden Großmächte auf dem eurasischen Kontinent, allen voran China, Russland, Indien und Iran, von dieser Möglichkeit Gebrauch machen werden. Denn diese Staaten verfügen über eine lange politische und kulturelle Geschichte. Diese Geschichte gebietet es ihnen, dem Westen nicht einfach zu folgen, sondern stattdessen ihr eigenes Modell zu entwickeln. China wird sich dabei an seiner konfuzianischen Tradition orientieren. Der Iran bezieht sich bereits jetzt auf seine eigene Überlieferungsgeschichte, die bis in die Antike zurückreicht. Und Russland wird sich zunehmend an die verschiedenen Epochen seiner Geschichte erinnern und versuchen, aus diesen eine Synthese zu bilden. Dabei wird Russland auch an das kulturelle Erbe Europas anknüpfen, es aber anders als die EU interpretieren.

Diese Entwicklung stellt die Europäische Union vor ein sehr schwerwiegendes Problem. Wie soll sie in der anbrechenden multipolaren Welt ihre Kulturpolitik ausrichten? Soll sie nun ebenfalls wie China, Russland und Iran versuchen, sich stärker auf die Besonderheiten der eigenen Kultur und Geschichte zu beziehen? Soll sie zum Beispiel die Philosophie der Aufklärung, die europäische Kunst, das Ideal humanistischer Bildung sowie das christliche Erbe als identitätsstiftende Merkmale der europäischen Kultur hervorheben?

Täte sie das, so geriete sie in einen deutlichen Widerspruch zu jener Kulturpolitik, die sie in den letzten drei Dekaden praktiziert hat. Es ist schließlich kein Zufall, dass die Geldscheine des Euro keine echten Architekturdenkmäler, sondern nur Phantasiebrücken und -bauwerke abbilden. Es ist bezeichnend, dass ein Zitat des antiken griechischen Politikers Perikles, das dem Entwurf der 2005 zur Wahl gestellten EU-Verfassung als Leitspruch vorangestellt worden war, bei einem Ministertreffen am 15. Juni 2004 wegen mangelnder politischer Korrektheit im Lebenswerk des antiken Staatsmannes wieder entfernt worden ist.(1) Und es ist auch nicht von ungefähr, dass sich im gleichen Verfassungsentwurf sowie im darauf folgenden Vertrag von Lissabon kein ausdrücklicher Bezug auf das Christentum findet. Dieses für die heutige EU typische Außerachtlassen der eigenen Kulturgeschichte hat letztlich geopolitische Ursachen.

Da man nämlich nach dem Ende des Kalten Krieges davon ausgegangen war, dass sich das westliche Zivilisationsmodell nun über den gesamten Globus hinweg ausbreiten würde,(2) nahm dieses Modell selbst immer mehr eine interkulturelle Form an. Das Vernachlässigen der eigenen Kulturgeschichte wurde von Brüssel als notwendiger Preis für ein höheres geopolitisches Ziel in Kauf genommen, nämlich für die zentrale Stellung der EU in einem künftigen globalisierten Weltmarkt. Ein zu starker Bezug auf die eigene historische und kulturelle Herkunft konnte da nur störend wirken. An die Stelle der klassischen europäischen Kultur traten deshalb immer mehr die Werte der Postmoderne. Diese Werte hatten aus Sicht Brüssels mehrere Vorteile: Sie waren ahistorisch, ihnen war eine kosmopolitische, um nicht zu sagen kulturrelativistische Orientierung eingeschrieben und sie waren marktkonform und ebneten den Weg für die Positionierung der EU als zukünftiges Zentrum einer unipolaren Weltordnung. Postmoderne Werte wie Toleranz, Individualismus und Offenheit konnten in vielen außereuropäischen Kulturkreisen Anziehungskraft entfalten. Dass die gleiche postmoderne Philosophie klassische Bezugspunkte der europäischen Kultur, wie z. B. die Aufklärung, den Humanismus und das Christentum kritisierte und für vergangenes Unrecht verantwortlich machte, vergrößerte nur noch die Anschlussfähigkeit der EU-Kulturpolitik an außereuropäische Kulturkreise.

Doch die Hoffnungen, die EU könnte zum Zentrum der Weltwirtschaft und damit zum Verwaltungszentrum einer unipolaren Weltordnung aufsteigen, haben sich nicht erfüllt. In der nun anbrechenden Welt gibt es weder ein ökonomisches noch ein militärisches und erst recht kein kulturelles Zentrum mehr. Doch damit hat sich auch der gesamte Sinn der bisherigen Kulturpolitik in sein Gegenteil verkehrt. Stattdessen ist man nun mit dem gegenteiligen Trend konfrontiert. Überall in der Welt wenden sich größere Staaten wie China, Russland, Indien und Iran wieder verstärkt ihrer jeweils eigenen Geistes- und Kulturgeschichte zu. Kann sich die EU diesem Trend verschließen? Kann sie am etablierten Kulturrelativismus der Postmoderne festhalten, ohne sich dabei langfristig selbst zu isolieren?

Ein Umdenken tut not. Doch bedauerlicherweise werden heute sowohl die Universitäten als auch die Medien- und Verlagshäuser von der postmodernen Weltsicht dominiert. Eine Neuausrichtung der etablierten Kulturpolitik würde viel Staub aufwirbeln, viele Karrieren gefährden und deshalb sehr viel Widerstand hervorrufen. Und doch muss etwas geschehen. Denn eine multipolare Weltordnung wird verschiedene Zivilisationsmodelle hervorbringen. Und die EU kann an diesem »Konzert der Zivilisationen« nur teilnehmen, wenn sie sich künftig auch zu ihrer eigenen Überlieferungsgeschichte bekennt. Dies verlangt einen Abschied vom Kulturrelativismus der Postmoderne.

(1) David Engels, Auf dem Weg ins Imperium – Die Krise der Europäischen Union und der Untergang der römischen Republik. Historische Parallelen, Berlin 2014, S. 35

(2) Francis Fukuyama, The End of History, in: The National Interest, Summer 1989

Erstveröffentlichung: russlandkontrovers