Der Kreml bewertet es positiv, dass in Europa inzwischen wieder über mögliche Gesprächskanäle mit Russland diskutiert wird. Kremlsprecher Dmitri Peskow erklärte am Donnerstag, Moskau sehe bereits die Debatte über einen möglichen europäischen Verhandler als Zeichen einer gewissen Bewegung. Noch vor wenigen Monaten habe es solche Diskussionen in Europa überhaupt nicht gegeben, sagte Peskow laut Kommersant. Zugleich stellte er klar, Präsident Wladimir Putin habe den früheren Bundeskanzler Gerhard Schröder nicht offiziell als Vermittler vorgeschlagen, sondern lediglich auf eine Journalistenfrage geantwortet.
Putin war am 9. Mai gefragt worden, welcher europäische Politiker aus seiner Sicht die Position des Westens bei möglichen Gesprächen über den Ukraine-Konflikt vertreten könnte. Daraufhin nannte er Schröder als für ihn persönlich bevorzugte Figur. Zugleich betonte Putin, die Europäer müssten selbst entscheiden, wem sie vertrauten und wer aus ihrer Sicht für eine solche Rolle infrage komme.
Peskow sagte nun, Putin habe damit keine Initiative gestartet. Der russische Präsident sei gefragt worden, wen er für geeignet halte, und habe darauf geantwortet. Von konkreten offiziellen Gesprächen über einen solchen Verhandler habe Peskow nach eigener Darstellung bislang nichts gehört. Die Diskussion sei eher theoretischer Natur. Dennoch sei es „wohl nicht schlecht“, dass sie überhaupt geführt werde.
Die Personalfrage sorgt in der EU seit Anfang Mai für Diskussionen. Nach Darstellung von Kommersant hatte EU-Ratspräsident António Costa bereits am 7. Mai erklärt, er spreche mit den Staats- und Regierungschefs der 27 EU-Länder darüber, wie die europäische Arbeit organisiert werden solle und was gegebenenfalls mit Russland zu besprechen wäre, wenn der passende Moment komme. Zwei Tage später fiel Putins Hinweis auf Schröder.
In Brüssel und Berlin wurde diese Variante jedoch rasch zurückgewiesen. Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas erklärte, es wäre nicht klug, Russland europäische Verhandler bestimmen zu lassen. Auch die Bundesregierung machte deutlich, dass nicht Moskau entscheide, wer Europa an einem möglichen Verhandlungstisch vertrete. Für Schröder sprachen sich in Deutschland laut Kommersant nur die AfD und das Bündnis Sahra Wagenknecht aus — was seine Chancen in der EU eher weiter verschlechterte. Der frühere Kanzler wird in Europa seit Jahren wegen seiner engen Beziehungen zu Russland kritisiert.
Auch Kallas selbst dürfte als EU-Verhandlerin kaum infrage kommen. Kommersant verweist auf Politico, wonach europäische Diplomaten ihre harte antirussische Haltung als Hindernis sehen. Moskau würde ihre Kandidatur demnach voraussichtlich nicht akzeptieren. Unter den Namen, die zeitweise kursierten, waren außerdem Angela Merkel, Finnlands Präsident Alexander Stubb und Italiens früherer Ministerpräsident Mario Draghi. Merkel erklärte jedoch öffentlich, aus ihrer Sicht sollten heutige Amtsträger eine entscheidende Rolle spielen. Draghi habe keine Signale einer Bereitschaft gesendet, und bei Stubb könnte neben der notwendigen breiten Unterstützung in der EU auch Finnlands NATO-Mitgliedschaft zum Problem für Moskau werden.
Damit bleibt offen, ob und wann die EU überhaupt eine Person benennen könnte, die in einem möglichen Verhandlungsprozess mit Russland und der Ukraine für Brüssel sprechen soll. Kommersant sieht darin ein Grundproblem der europäischen Politik: Es gebe nur wenige Persönlichkeiten, die zugleich in der EU ausreichend Gewicht hätten und von Moskau sowie Kiew nicht sofort als parteiisch abgelehnt würden. Der Kreml nutzt diese Unsicherheit nun, um den Eindruck zu verstärken, Europa sei zwar noch weit von konkreten Verhandlungen entfernt, beginne aber zumindest wieder über mögliche Gesprächsformate nachzudenken.
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