Russlands Außenminister Sergej Lawrow hat den USA vorgeworfen, die beschädigten Nord-Stream-Pipelines zu einem Bruchteil ihres ursprünglichen Wertes übernehmen und anschließend wieder in Betrieb nehmen zu wollen. Washington wolle sich damit nach russischer Darstellung Kontrolle über zentrale Energierouten nach Europa verschaffen. Kremlsprecher Dmitri Peskow stellte zugleich eine künftige Zusammenarbeit mit den USA bei solchen Projekten in Aussicht – allerdings erst nach einer Regelung des Ukraine-Konflikts.
Lawrow sagte in einem Interview mit RT India, die USA planten, die durch die Explosionen im September 2022 beschädigten Gasleitungen Nord Stream und Nord Stream 2 wiederherzustellen und anschließend Anteile europäischer Unternehmen „zehnmal billiger“ zu erwerben, als diese ursprünglich investiert hätten. Ziel sei es, künftig selbst die Bedingungen und Preise für Gaslieferungen nach Deutschland bestimmen zu können.
Der russische Außenminister verwies darauf, dass Washington unter der Regierung von Joe Biden noch erklärt habe, die Pipelines würden nicht mehr funktionieren. Nun werde nach seiner Darstellung die Verantwortung für die Sabotage zunehmend der Ukraine zugeschrieben, während amerikanische Akteure ein Interesse daran hätten, die Infrastruktur unter ihre Kontrolle zu bringen. Lawrow verband dies mit dem Vorwurf, die USA wollten sich „alle einigermaßen bedeutenden Energierouten“ sichern – auch die ukrainische Transitpipeline für russisches Gas nach Europa.
Kremlsprecher Dmitri Peskow reagierte am Mittwoch zurückhaltender, schloss eine russisch-amerikanische Zusammenarbeit bei Nord Stream aber nicht aus. Ein solches Zusammenwirken werde möglich, sobald die USA die Frage nicht mehr mit der Beilegung des Ukraine-Konflikts verknüpften. Nach einer Lösung des Konflikts könne sich der Weg für eine ganze Reihe wirtschaftlicher Projekte öffnen, sagte Peskow. Zwischen Moskau und Washington könnten perspektivisch zahlreiche gegenseitig vorteilhafte Vorhaben entstehen.
Die Nord-Stream-Pipelines waren am 26. September 2022 durch Explosionen in der Ostsee schwer beschädigt worden. Drei von vier Leitungssträngen wurden zerstört oder außer Betrieb gesetzt. Deutsche Ermittler gehen von einer Beteiligung mehrerer ukrainischer Staatsbürger aus. Moskau weist die Darstellung zurück, wonach allein Kiew für den Anschlag verantwortlich gewesen sein soll, und spricht von einem Akt internationalen Terrorismus.
Bereits im Frühjahr 2025 hatte die „Financial Times“ berichtet, der frühere Nord-Stream-2-Manager Matthias Warnig bereite mit Unterstützung amerikanischer Investoren ein Projekt zum Neustart der Pipeline vor. Nach damaligen Medienberichten soll ein Teil des Umfelds von US-Präsident Donald Trump eine solche Initiative auch als Möglichkeit gesehen haben, die Beziehungen zu Russland zu verbessern. Auch die „Bild“-Zeitung hatte über Szenarien berichtet, in denen die USA als Vermittler auftreten und russisches Gas über Nord Stream 2 nach Mecklenburg-Vorpommern leiten könnten.
Damit rückt Nord Stream erneut in den Schnittpunkt von Energiepolitik, geopolitischen Interessen und der Debatte über eine mögliche Neuordnung der Beziehungen zwischen Russland, den USA und Europa. Während Moskau Washington vorwirft, aus der Zerstörung der Pipeline wirtschaftliches Kapital schlagen zu wollen, deutet der Kreml zugleich an, dass eine spätere Kooperation nicht ausgeschlossen ist – sofern sich die politischen Rahmenbedingungen grundlegend ändern.
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