Puschkin, Gogol, Bulgakow: Russland warnt vor Drogenpropaganda in der eigenen Klassik

Puschkin, Gogol, Bulgakow: Russland warnt vor Drogenpropaganda in der eigenen Klassik

Manchmal liefert Russland Nachrichten, bei denen selbst Satire nur noch mitschreiben muss. Russische Online-Buchdienste und Händler haben begonnen, Werke der eigenen Klassiker mit Warnhinweisen über „Drogenpropaganda“ zu versehen. Betroffen sind nach Recherchen des unabhängigen Portals Wjorstka unter anderem Alexander Puschkin, Nikolai Gogol, Iwan Turgenjew, Lew Tolstoi und Michail Bulgakow. Die Hinweise tauchten demnach auf Plattformen wie LitRes, KION Stroki des MTS-Konzerns sowie in einzelnen Produktkarten bei Ozon auf.

Der Grund ist ein neues Gesetz, das seit dem 1. März gilt. Es verpflichtet Anbieter dazu, Literatur, Filme, Medieninhalte und Onlineangebote mit Warnhinweisen zu versehen, wenn darin Drogen, psychotrope Substanzen oder drogenhaltige Pflanzen in einer Weise vorkommen, die unter die staatliche Definition von „Propaganda“ fallen könnte. Gemeint sein sollen eigentlich Informationen über Herstellung, Lagerung, Transport, Verkauf oder Beschaffung von Drogen sowie Darstellungen, die Konsum als attraktiv oder gesellschaftlich akzeptabel erscheinen lassen.

In der Praxis reicht offenbar schon ein einzelnes Wort, eine medizinische Szene oder eine automatische Fehlklassifizierung. So wurden laut den Berichten etwa Gogols Erzählungen „Die Nase“, „Wij“ und „Der Mantel“ markiert. Auch Turgenjews „Asja“ und „Väter und Söhne“, ein Band mit Puschkin-Gedichten aus den Jahren 1814 bis 1836 sowie Sammlungen mit Kindergeschichten von Lew Tolstoi sollen Warnhinweise erhalten haben. Bei Bulgakow traf es unter anderem „Der Meister und Margarita“, „Die weiße Garde“ und natürlich „Morphium“.

Besonders grotesk ist der Fall „Die weiße Garde“. Dort erscheint Morphium nicht als Verherrlichung des Rausches, sondern als medizinisches Mittel zur Behandlung eines Verwundeten. Trotzdem kann der bloße Begriff ausreichen, damit ein Warnschild aufgeklebt oder digital vorgeschaltet wird. Literatur wird damit nicht mehr gelesen, sondern gescannt; nicht mehr verstanden, sondern verdächtigt.

Dabei hatte es zuvor Beschwichtigungen gegeben. Der Duma-Abgeordnete Pawel Krascheninnikow, Vorsitzender des Ausschusses für Staatsaufbau und Gesetzgebung, hatte erklärt, russische und ausländische Klassiker würden nicht unter das Gesetz fallen. Auch standen die nun genannten Werke nicht auf einer früheren Liste des Russischen Buchverbands mit Titeln, für die eine solche Kennzeichnung empfohlen wurde.

RBK berichtet inzwischen, LitRes wolle die Kennzeichnung überprüfen. Die Plattform schließt demnach nicht aus, dass die Hinweise bei Büchern von Puschkin und Gogol auf einen Markierungsfehler zurückgehen. Doch gerade diese Erklärung macht die Sache nicht besser, sondern fast noch treffender: Ein Gesetz, das so breit, nervös und sanktionsbewehrt formuliert ist, dass Händler lieber zu viel als zu wenig warnen, produziert zwangsläufig solchen Unsinn.

Denn die Strafen sind real. Für Verstöße drohen nach Angaben von The Moscow Times Geldbußen von 2.000 Rubel bis zu 1,5 Millionen Rubel. Wer Bücher verkauft, streamt oder digital anbietet, hat also wenig Anreiz, literaturwissenschaftlich zu differenzieren. Sicherer ist die Warnplakette. Lieber Gogol unter Drogenverdacht stellen, als Besuch von der Aufsicht bekommen.

So entsteht das eigentliche Bild dieser Nachricht: Nicht Puschkin, Gogol oder Bulgakow sind das Problem. Das Problem ist ein Staat, der seine eigene Kultur nur noch durch das Raster von Verbot, Kennzeichnung und Verdacht betrachtet. Die russische Literatur, die über Jahrhunderte Ambivalenz, Abgründigkeit, Krankheit, Exzess, Leid und Moral verhandelt hat, wird nun behandelt wie eine verdächtige Produktkategorie im Onlinehandel.

Man kann das komisch finden. Man muss es sogar komisch finden, weil der Vorgang in seiner Absurdität kaum anders zu ertragen ist. Ein Land, das Puschkin als Nationalheiligtum verehrt, versieht Puschkin-Gedichte mit Warnhinweisen. Ein Staat, der Bulgakow längst kanonisiert hat, entdeckt in Bulgakow plötzlich ein regulatorisches Risiko. Gogols Nase bekommt ein Drogenetikett. Tolstois Kindergeschichten geraten in den Bannkreis der Präventionsbürokratie.

Der berühmte Gallier hätte vermutlich nur den Kopf geschüttelt. Aber hinter dem „Die spinnen“ steckt ein ernstes Muster: Russland reguliert seine Kultur immer weiter in ein System aus Angst, Selbstzensur und vorauseilendem Gehorsam hinein. Am Ende braucht niemand mehr ein ausdrückliches Verbot. Es genügt ein unklarer Paragraf, eine mögliche Strafe und ein Algorithmus, der bei „Morphium“ Alarm schlägt.

Die Warnhinweise auf Puschkin und Gogol sind deshalb mehr als eine skurrile Fußnote. Sie zeigen, wie ein autoritärer Kontrollstaat auch dort weiterarbeitet, wo er gar nicht mehr genau weiß, was er kontrolliert. Hauptsache, es klebt ein Etikett darauf.

COMMENTS