26.4.1986 Tschernobyl – Wann heilt die Strahlungswunde?

[von Prof. Dr. sc. Alexander Borowoi, Mitarbeiter des Russischen Forschungszentrums „Kurtschatow“-Institut, ordentliches Mitglied der New Yorker Wissenschaftsakademie und IAEO-Experte für Strahlungshavarien]
Spätestens in vier Jahren soll der Unglücksreaktor in Tschernobyl einen neuen Sarkophag bekommen.

Mit dem Namen Tschernobyl verbindet die ganze Welt eine Strahlungswunde, die unserem Planeten infolge einer technogenen Katastrophe beigebracht wurde. Diese Wunde ist auch 20 Jahre danach noch immer nicht vernarbt. Nach wie vor stehen tausende von Quadratkilometern in der Ukraine, Weißrussland und Russland leer. Dieses Territorium ist für Leben und Wirtschaft weiterhin nicht brauchbar. Zehntausende von Menschen, die von der Strahlungsgefahr aus ihren Häusern geflüchtet waren, können immer noch nicht in ihre Heimatorte zurückkehren. Auch im Epizentrum der Tragödie, im Kernkraftwerk Tschernobyl in der Ukraine, ist noch nicht alles in Ordnung. In unserem langwierigen Kampf um die Bekämpfung der Folgen besteht heute das Wichtigste in der Herstellung eines neuen Sarkophags für den zerstörten 4. Reaktorblock. Erst danach wird die Tschernobyler Wunde zusammenziehen können.

Ich erinnere mich an eine signifikante Episode, die sich Ende September 1996 ereignet hat. Das in Tschernobyl gelegene Labor des „Kurtschatow“-Instituts bekam einen Anruf aus der USA-Botschaft in Kiew. „Alle Zeitungen in der Ukraine und im Ausland schreiben, im Sarkophag sei ein Neutronenstrom entstanden, es entwickle sich eine unlenkbare Kettenreaktion“, sagte ein Mitarbeiter der Botschaft. „Wie gefährlich ist das? Sollten wir eine Evakuierung von USA-Bürgern aus Kiew vorbereiten?“ Das war bei weitem nicht der erste Anruf mit dieser Frage, meine Geduld war bereits ziemlich am Ende. Deshalb fragte ich den Amerikaner zurück: „Ist die Evakuierung ein teueres Vergnügen?“ „Ein sehr teueres!“ erwiderte er. „Wenn Sie mir ein Prozent von diesen Kosten zahlen, garantiere ich Ihnen ein sicheres Leben in Kiew!“ sagte ich darauf. Mein Gesprächspartner lachte: „Entschuldigen Sie. Unsere Angst muss eine übliche Erscheinungsform des ,Tschernobyl-Syndroms‘ sein.“

Das „Tschernobyl-Syndrom“ geht in der Tat nicht weg, solange vom Sarkophag – der Hülle, die über dem zerstörten 4. Reaktorblock gebaut wurde – eine Gefahr ausgeht. Ich habe mich an das Jahr 1996 erinnert, weil dies ein entscheidendes Jahr war, nach dem eine neue Etappe des Kampfes um die Sicherheit des Sarkophags begann. Warum zieht dieser Bau weiterhin allgemeine Aufmerksamkeit auf sich? Warum reisen wir Physiker aus dem „Kurtschatow“-Institut schon seit 20 Jahren aus Moskau nach Tschernobyl und befassen uns gemeinsam mit ukrainischen Fachleuten mit dem Problem der Sicherheit?

Jedes Mal, wenn ich mich dem Sarkophag nähere, wird es mir unbehaglich zumute. Vor einigen Jahren wurde das Gebäude frisch gestrichen. Viel mehr Lebensfreude strahlt aber der Sarkophag dadurch nicht aus. Es handelt sich um ein r-förmiges Bauwerk aus Stahl und Beton so hoch wie ein 20-stöckiges Haus, das auf einer Fläche von 200 x 200 Meter steht. Die absolute Dunkelheit drinnen verbirgt rund 1 000 zum Teil völlig zerstörte Räume.

In vielen dieser Räume steckt der tödliche nukleare Brennstoff, der von der Explosion aus dem Reaktor rausgeworfen wurde. Unter der Hülle befinden sich rund 180 Tonnen davon, was 17 Millionen Curie entspricht. Die größte Gefahr, die von diesem Brennstoff ausgeht, besteht darin, dass der radioaktive Brennstoffstaub außerhalb der Hülle gelangen kann. Er wird oft auch „Plutoniumstaub“ genannt, weil er unter anderen Radionukliden auch Plutoniumisotope enthält, deren Zerfall Jahrtausende dauern kann. Nach dem Unglück ging der Staub auf den Fußboden der Räume nieder, er bedeckte die zerstörten Konstruktionen und drang in die Wände und Decken ein. Ein Teil davon hängt als Aerosole in der Luft. Das Unangenehmste, was den Staub herauswerfen könnte, wäre ein Einsturz der Deckenkonstruktionen der Hülle.

Um zu verstehen, warum es zu einem solchen Einsturz kommen kann, muss man sich an die Mai-Tage 1986 erinnern, als eine sowjetische Regierungskommission beschloss, dass der zerstörte Block innerhalb kürzester Zeit und um jeden Preis isoliert werden muss.

Zwei Möglichkeiten boten sich an. Die erste: Ein riesiger, hermetischer und dickwandiger Hangar, der den Reaktorblock völlig zudecken würde. Die zweite: die erhalten gebliebenen Stützen des Blocks nutzen und Querbalken darauf legen, die die Unglücksstelle zudecken würden. Auf den Querbalken sollte ein Dach aus Metallrohren und -blech befestigt werden. Auf der westlichen und der nördlichen Seite sollten dann Seitenwände aus Stahl und Beton entstehen.

Wie Expertenschätzungen zeigten, war die erste Variante viel geld- und zeitaufwändiger. Deshalb wurde der zweite Weg gewählt. Dank der selbstlosen und hochprofessionellen Arbeit von mehreren Zehntausenden Menschen wurde die kolossale Hülle innerhalb einer unglaublich kurzen Frist von einem halben Jahr gebaut.

Zugleich musste aber in Kauf genommen werden, dass die alten Stützenkonstruktionen nicht absolut zuverlässig waren: Immerhin hatten sie die Explosion und den Brand überstanden. Ihre wirkliche Festigkeit konnte wegen der gewaltigen Strahlungsfelder nicht überprüft werden. Informationen darüber wurden ausschließlich von Fotos gewonnen, die von einem Hubschrauber aus gemacht wurden. Gerade diese Stützen riefen unmittelbar nach dem Bauabschluss die größten Befürchtungen hervor. Sollte sich eine davon aus irgendeinem Grund verschieben (etwa infolge eines Erdbebens), so ist mit einem „Domino-Effekt“ zu rechnen, weil auch die anderen Konstruktionen leicht zusammenstürzen könnten. Auf diese Weise könnte es zu einem „Kollaps“ der Hülle kommen. Die Konstruktionen werden auf die Räume abstürzen, die voll von radioaktivem Staub sind, der dann in die Umwelt hinausgeworfen wird.

Russische, ukrainische und deutsche Physiker haben versucht, die Folgen eines solchen Einsturzes zu berechnen. Sie kamen dabei zu ähnlichen Ergebnissen. Die Menschen, die im Kernkraftwerk Tschernobyl tätig sind, würden dabei recht ernsthaft in Mitleidenschaft gezogen (das Kernkraftwerk ist zwar längst geschlossen, die Beseitigung der Folgen wurde aber für keinen Augenblick gestoppt). Danach wird sich der radioaktive Staub im Umkreis von drei Kilometern absetzen – allerdings nur wenn der Wind die übliche Stärke von einigen Metern pro Sekunde haben wird. Die Tatsache, dass Orkane in dieser Gegend äußerst selten vorkommen, gibt Anlass zu einer solchen Hoffnung.

Bei einer Untersuchung innerhalb des Sarkophags drei Jahre nach dem Unglück wurde uns bereits endgültig klar, dass dieses Gebäude potentiell gefährlich ist. Diese Gefahr wird im Laufe von Jahren zunehmen. Das Problem liegt am Wasser. Angesichts der hohen Strahlung konnte die Hülle nicht völlig hermetisch gemacht werden. Jedes Jahr gelangten bis zu 2 000 Kubikmeter Regen- und Tauwasser durch die Ritze unter die Hülle. Das Wasser hat die Konstruktionen zerstört, den Brennstoff verwässert, und es könnte sogar, sollte sich die pessimistischste Prognose bewahrheiten, eine unlenkbare Steuerreaktion auslösen.

Mein Leiter S. Beljajew und ich haben 1989 an den Minister für mittleren Maschinenbau geschrieben, der für die Atomprobleme in der UdSSR zuständig war. Wir schlugen vor, auf die erste Variante zurückzukommen und eine zweite Hülle über dem löchrigen Sarkophag zu bauen. Diese zweite Hülle sollte hermetisch sein, kein Wasser hinein- sowie keinen Staub hinauslassen und selbstverständlich die Menschen schützen, die dort arbeiten.

Eine solche Hülle würde die Möglichkeit bieten, den zerstörten Reaktorblock ohne Hast und mit maximalen Sicherheitsvorkehrungen zu demontieren und die Spaltstoffe zu entsorgen.

Der Vorschlag wurde stürmisch debattiert und im Endeffekt angenommen. Seit 1990 wurden diverse Entwürfe für den Sarkophag-2 konzipiert. Aber 1991 fiel die Sowjetunion auseinander, die Ukraine wurde ein selbständiger Staat. Die Sarkophag-2-Idee wurde zwar von der ukrainischen Regierung gebilligt, ihre Realisierung erforderte aber gigantische technische und finanzielle Ressourcen, über die das Land nicht verfügte.

Die Gründung eines speziellen „Tschernobyl-Fonds“ für den Bau des Sarkophags erforderte viel Kraft und Zeit, wie auch die Durchsetzung der Zustimmung einiger westlicher Länder, Geld auf das Konto des Fonds zu überweisen (heute geht es um eine Milliarde Dollar). Die prinzipielle Vereinbarung über die Gründung des Fonds wurde 1996 erzielt. Deshalb halte ich dieses Jahr für besonders wichtig für all diejenigen, die um die Sicherheit des Sarkophags gekämpft haben.

Auf der Grundlage langjähriger Untersuchungen und Vorschläge russischer und ukrainischer Fachleute wurde der Shelter Implementation Plan (SIP) – ein Plan für die Arbeit auf dem Objekt „Ukrytije-2“ (die 2. Hülle) – zusammengestellt. Der Plan sah einige Hauptschritte vor: Fortsetzung der Untersuchungen; Befestigung der besonders bedrohten Konstruktionen des Sarkophags und deren Stabilisierung für zehn bis 15 Jahre, solange an „Ukrytije-2“ gebaut wird; Herstellung der 2. Hülle; Demontage der Reste des zerstörten Reaktors, deren Abtransport und Entsorgung unter dem Schutz dieser Hülle.

Seit dem Beginn der realen Verwirklichung sind acht Jahre vergangen. Wie sehen die Ergebnisse aus? Die Errungenschaften der ersten Jahre waren nicht besonders beeindruckend, obgleich Dutzende von Dollarmillionen ausgegeben und tausende Seiten von Berichten verfasst wurden, die nichts Neues enthielten. All das rief bei der ukrainischen Landesführung, beim „Tschernobyl-Fonds“ und der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung, der die Mittel des Fonds verwaltet, Besorgnis hervor.

Dank den eingeleiteten Maßnahmen ändert sich jetzt die Situation zum Besseren. Etwa die Hälfte der Arbeit, deren Ziel in der Stabilisierung der Sarkophag-Konstruktionen besteht, ist ausgeführt. Täglich sind hunderte Arbeiter auf der Baustelle tätig. Dosimetristen und Mediziner passen auf die Sicherheit auf. Das System der Beobachtung der Brennstoffe, die innerhalb der Räume geblieben sind, wird demnächst fertig gestellt. Und das Wichtigste: Demnächst soll die Projektierung der neuen Hülle, „Ukrytije-2“, beginnen, der die Bau- und Montagearbeiten folgen sollen. Gemäß einer moderat optimistischen Prognose könnte diese Arbeit innerhalb von drei bis vier Jahren abgeschlossen sein. Über dem alten Gebäude wird ein riesiger Bogen entstehen, der dann von den Seiten zugebaut wird. Diese neue Hülle wird mindestens ein Jahrhundert dienen können.