25 Jahre nach Tschernobyl plant Weißrussland erstes Atomkraftwerk

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Ein Vierteljahrhundert nach Tschernobyl will auch Weißrussland eigenen Atomstrom erzeugen. Ungeachtet des 25. Jahrestages der Atomkatastrophe am Dienstag kommender Woche und dem GAU im japanischen Atomkraftwerk Fukushima besiegelte die weißrussische Regierung Mitte März mit Russland den Bau des ersten Meilers in der Ex-Sowjetrepublik.

Die Führung in Minsk ließ sich dabei weder von Protesten von Umweltschützern beirren noch durch eine größere Abhängigkeit von Moskau, das bei dem Milliardenprojekt Regie führt.

„Die Entscheidung für Bau war eine durchdachte Entscheidung“, sagt Nikolai Tuschin von der Sacharow-Universität in Minsk. Die Pläne gebe es seit den 70er Jahren. Nach Tschernobyl wurde ein Moratorium erlassen, und „erst nach Ablauf von 15 Jahren fiel die Entscheidung für den Bau“, sagt der Experte für Kraftwerkssicherheit und Strahlenschutz, dessen Institut in Minsk Experten der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) ausbildete.

Auch Tuschins Kollege am Lehrstuhl für Strahlensicherheit, Wladislaw Mironow, lassen Tschernobyl und Fukushima nicht an der Atomkraft zweifeln: „Tschernobyl kann sich nicht wiederholen“, sagt der Forscher. Bei dem mit acht bis zehn Milliarden US-Dollar veranschlagten Akw-Neubau würden „die Lehren aus Tschernobyl berücksichtigt“. Auch „gegen eine Kernschmelze sind Vorkehrungen getroffen“, und eine Wasserstoffexplosion wie in Japan werde „nicht möglich sein“.

Auslöser der Tschernobyl-Katastrophe am 26. April 1986 war menschliches Versagen. 23 Prozent des weißrussischen Staatsgebietes wurden verseucht. Der geschätzte wirtschaftliche Gesamtschaden für Belarus liegt bei etwa 235 Milliarden US-Dollar auf 30 Jahre.

Trotz dieses Traumas haben Atom-Kritiker in Weißrussland einen schweren Stand. Der Direktor der 1990 gegründeten Nichtregierungsorganisation Belrad, Alexej Nesterenko, sieht die Atompläne seines Landes gerade mit Blick auf Japan mit großer Sorge. „Fukushima ist eine neue Tragödie von internationalem Ausmaß und ein Déjà-vu der Ereignisse von vor 25 Jahren.“ Es mache ihn persönlich betroffen, sagt Nesterenko, dessen Organisation Lebensmittel auf Strahlen kontrolliert und Schulklassen im Umgang mit Radioaktivität schult.
Eine Klage der weißrussischen Umweltorganisation Ecodom gegen den Akw-Bau wurde abgewiesen.

Die im Bezirk Astrawets im Westen des Landes an der Grenze zu Litauen geplanten Druckwasserreaktoren stoßen auch in Deutschland auf Kritik. Die Meiler sollen in nur 80 Kilometern Entfernung zum Kinderzentrum Nadeschda der Organisation Leben nach Tschernobyl in Frankfurt am Main entstehen, die von Tschernobyl-Helfern der ersten Stunde gegründet wurde. Die Organisation und der BUND machten bereits 2009 darauf aufmerksam, dass der Siemens-Konzern über eine mögliche Beteiligung an der russischen Staatsholding Rosatom bei dem weißrussischen Akw mit von der Partie wäre. Wegen Fukushima stand der Einstieg von Siemens bei Rosatom zuletzt in Frage.

Die Akw-Pläne seien vor dem Hintergrund eines Landes ohne fossile Rohstoffe, das „bisher 100 Prozent abhängig von russischem Gas“ sei, zu sehen, sagt der weißrussische Botschafter in Berlin, Andrej Giro. Auch Tuschin verweist auf die Energiesicherheit und fügt „mit Blick auf Deutschland“ hinzu: „Ich unterstütze den Trend, wo Atomkraft es ermöglicht, auf erneuerbare Energien umzuschwenken.“

Giro nennt ein Regierungsprogramm, wonach „bis 2015 mindestens 25 Prozent der Energie aus erneuerbaren Energien und dem lokalen Energieträger Holz“ gewonnen werden soll. Eine kleine Windkraftanlage wurde von der deutschen Initiative Heim-statt Tschernobyl am Narotschsee gebaut, bei Minsk werden Windgeschwindigkeiten für eine 160-Megawatt-Anlage gemessen. Partner ist das brandenburgische Unternehmen Enertrag. Sonne, Biomasse, Energieeffizienz und Dämmung werden kaum genutzt. Dennoch glauben die Experten der Sacharow-Universität an die Atomkraft: „Alternativen sind nicht ausreichend“, sagt Tuschin. „Das Leben zwingt dazu.“