1917: Russland zaudert mit dem Jubiläum des Revolutionsjahres

Foto: commons.wikimedia/Ivan Vasilyevich Simakov Gemeinfrei
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[Von Lothar Deeg] – Am 14. März 1917 dankte Kaiser Nikolaus II. zugunsten seines Bruders Michail ab. Als dieser tags darauf seinen Verzicht auf den Thron erklärte und sich der neu gebildeten provisorischen Regierung unterwarf, bedeutete dies das Ende der über 300 Jahre dauernden Herrschaft der Romanow-Zaren.

Der Sturz der Monarchie hatte nur eine Woche gedauert, war aber durch einen jahrzehntelangen Reformstau bedingt: Zum politischen Sprengstoff wurde die enorme soziale Ungerechtigkeit zwischen Adel und Industriellen einerseits und den Bauern und Arbeitern andererseits. Im Laufe des 1914 ausgebrochenen Ersten Weltkriegs hatten die Opfer an der Front und die Entbehrungen der Kriegswirtschaft die Lage noch verschärft. Nach dem heute geltenden Kalender hatte die Revolution in der Hauptstadt Petrograd (wie St. Petersburg seit 1914 hieß) am 8. März mit Streiks und Hungerrevolten begonnen. Nach dem damals noch in Russland geltenden julianischen Kalender begann der Aufstand noch in den letzten Februartagen – deshalb spricht man von der Februarrevolution.

Chaos nach der ersten Revolution

Als sich das Militär einem Schießbefehl verweigerte, kollabierte die Macht der Zaren: Die Reichsduma installierte eigenmächtig eine Regierung, parallel formierten sich Arbeiter- und Soldatenräte. Diese Doppelherrschaft mit einer anfangs bürgerlich, dann sozialistisch orientierten Übergangsregierung und den marxistischen Räten schuf ein Machtvakuum, in dem das Chaos und die Versorgungsprobleme immer größer wurden. Auch ignorierte das Kabinett die Kriegsmüdigkeit des Volkes und führte den Kampf gegen die Mittelmächte fort.

Auf diese Weise disqualifizierten sich in den Augen der breiten Masse die gemäßigten Kräfte beider Lager schnell – die radikalen Bolschewiken, anfangs eine Randgruppe, gewannen hingegen zunehmend an Boden. Sie forderten ein sofortiges Kriegsende, eine Verteilung allen Agrarlandes an die Bauern und „Alle Macht den Räten“. Sie standen unter Führung des geschickten Strategen Wladimir Lenin, der Mitte April 1917 aus seinem Schweizer Exil nach Russland zurückkehren konnte: Deutschland hatte den Transfer einer Gruppe russischer Revolutionäre per Bahn via Schweden ermöglicht. Man erhoffte sich so, den Kriegsgegner an der Ostfront von innen zu schwächen und zu einem Separatfrieden bewegen zu können.

Kommunistische Machtergreifung im Oktober

Dieses Kalkül ging auf: In einem unblutigen Putsch stürzten die Bolschewiki am 7. November 1917 die Regierung und rissen die Macht an sich – in Russland schrieb man erst den 25. Oktober, weshalb der Sturm auf den Winterpalast später als die „Große Sozialistische Oktoberrevolution“ verklärt wurde. Einen Monat später fanden landesweit noch zuvor anberaumte demokratische Wahlen statt: Die Bolschewiken bekamen nur ein Viertel der Stimmen. Doch als im Januar 1918 im Taurischen Palast die verfassungsgebende Versammlung zusammentrat, ließ Lenin sie einfach auflösen.

Im März 1918 schloss Sowjetrussland mit Deutschland den Friedensvertrag von Brest-Litowsk. Doch innerhalb Russlands begann zu dieser Zeit ein brutaler und von Terror begleiteter Bürgerkrieg zwischen den „Roten“ und den „Weißen“, die von Anhängern der Monarchie wie auch bürgerlich-republikanischen Kräften gestellt wurden. Gegen die letztlich siegreichen Kommunisten kämpften aber auch westliche Interventionstruppen, durch Beschlagnahmen von Vieh und Ernten aufgebrachte Bauern und zuletzt im März 1921 die Kronstadter Matrosen. In dem dreijährigen Gemetzel starben geschätzt etwa 15 Millionen Menschen.

Der Bürgerkrieg überschattet das Gedenken

Das Trauma des Bürgerkriegs ist auch der Grund, warum man im heutigen Russland vermeiden möchte, dass das Revolutionsjahr „gefeiert“ wird: Es gab zu viele Verluste und Opfer – und eine positive Würdigung jedweder Episode wäre zugleich ein Affront gegen einen Teil der Gesellschaft. Wladimir Putin mahnte deshalb am 1. Dezember in seiner jährlichen Rede vor den beiden Parlamentskammern vor allem eine objektive, ehrliche und tiefgehende Analyse der Ereignisse von 1917 an und setzte „Versöhnung“ als Leitmotiv für das Gedenken fest. „Mit den Tragödien von damals, die faktisch jede Familie in Russland betroffen haben, egal auf welcher Seite der Barrikaden sie stand, darf nicht im eigenen Interesse spekuliert werden“, sagte Putin.

Konkrete Anweisungen, wie das Jubiläumsjahr begangen werden soll, gab Putin aber nicht. So kommt es, dass gut zwei Monate vor dem 100. Jahrestag des Endes des Kaiserreichs noch immer unklar ist, wie das heutige Russland dieses Jubiläumsdatum begehen wird. Im Kreml habe man sich noch nicht festgelegt, berichtete die Polit-Zeitschrift „Wlast“ unter Verweis auf Insider. Beschlossen sei nur, dass staatliche Strukturen keine Gedenkveranstaltungen organisieren sollten. Auch das Parlament, die Duma, tut sich schwer: „Die Rolle der Duma, die im Februar 1917 den Zar zur Abdankung bewegte, gefällt den heutigen Parlamentariern wohl kaum“, so der Politologe Alexej Tschadajew, ein Berater des Duma-Vorsitzenden Wjatscheslaw Wolodin.

Eine Trauermauer und ein Denkmal auf der Krim

Mit dem Jubiläumsjahr werden sich deshalb vorrangig Historiker, Museen und Medien beschäftigen. Die Russische Militärhistorische Gesellschaft plant neben zahlreichen Runden Tische im November 2017 – ganz im Sinne Putins – die Errichtung eines „Versöhnungsdenkmals“ auf der Krim. Die Halbinsel wurde als Standort ausgewählt, weil dort der Bürgerkrieg zwischen „Weißen“ und „Roten“ am längsten gedauert habe und viele Gegner des neuen Regimes von dort in die Emigration aufgebrochen seien, so „Wlast“.

In Moskau soll hingegen kurz vor dem 100. Jahrestag der Oktoberrevolution eine „Trauermauer“ errichtet werden, berichtete die Zeitung „Kommersant“. Die Kosten des Monuments in Höhe von 460 Mio. Rubel (ca. 7 Mio. Euro) würden etwa zu zwei Dritteln von der Stadtverwaltung getragen. Das Monument ist allerdings dem Gedenken der Opfer der stalinistischen Repression gewidmet. Sie erreichte ihren Höhepunkt erst zwei Jahrzehnte nach der Revolution.

Die staatliche Medienholding BGTRK und der zum Gazprom-Konzern gehörende TV-Sender NTW werden in mehrteiligen Doku-Sendungen und Spielfilmen der Frage nachgehen, wie es zu den Umstürzen und der nationalen Selbstzerfleischung kommen konnte.

100 Jahre alte Timeline im Internet

Das ungewöhnlichste Jubiläums-Projekt startete hingegen der als äußerst kremlkritisch bekannte TV-Journalist und Buchautor Michail Sygar: Mit Unterstützung von Wirtschaftskreisen, staatlicher Museen sowie des sozialen Netzwerkes vkontakte und des Internetkonzerns Yandex ging im November „project1917.ru“ online. Anhand von unkommentierten Auszügen aus Briefen, Tagebüchern und Publikationen lassen sich dort die Gedanken und Erlebnisse von über 1.500 Zeitzeugen Tag für Tag um 100 Jahre versetzt „in Echtzeit“ verfolgen.

Auch dank der am Rande eingeblendeten „aktuellen“ Wetterberichte für Petrograd und Moskau sowie der Börsenkurse für Frischfleisch, Flachs und britisches Pfund kann sich so jeder russischkundige Internetnutzer in die Revolutionszeit zurückversetzen – und sich seine eigene Meinung bilden.

[Lothar Deeg/russland.RU]

 

Über den Autor

Lothar Deeg
Lothar Deeg geboren 1965 und gebürtig aus Bad Mergentheim. 1991 infizierte ich mich als frisch gebackener Diplom-Journalist auf einer Reise nach Wladiwostok mit dem Russland-Virus. Rudimentär mit VHS-Russischkenntnissen ausgestattet hängte ich 1994 meinen Redakteursposten beim „fliegermagazin“ an den Nagel und siedelte von München nach St. Petersburg um. Dort schreibe ich seitdem als freier Journalist über alles, was mir aus Stadt und Land berichtenswert erscheint – unter anderem als Korrespondent des epd und des Logistik-Fachblatts „Verkehrsrundschau“. Momentan arbeite ich an meinem dritten und vierten Reiseführer über St. Petersburg. Meine Lieblingsjobs sind aber Städte- und Personenporträts für das Bordmagazin der Airline Swiss.