15 Jahre Tschernobyl: „Käse kauften wir in Finnland“

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Am Donnerstag jährt sich zum 15. Mal der Jahrestag der Tschernobyl-Katastrofe. Welche Erinnerungen prominente Moskauer Deutsche an das Unglück haben und ob sich der Super-GAU auf ihre Einstellung zur Atomenergie ausgewirkt hat, lesen Sie in einer RUSSLAND.ru-Umfrage.

Volker Undorf, Vorsitzender des Vorstandes der SAO WestLB Vostok:

Ich habe die Katastrofe tatsächlich noch in guter Erinnerung, weil ich damals schon für die WestLB in Moskau arbeitete. Mein Sohn war erst neun Jahre alt, wir machten uns Sorgen. Mit anderen deutschen Geschäftsleuten haben wir fortan die frischen Nahrungsmittel aus dem Ausland bezogen – einmal wöchentlich Käse und Milchprodukte aus Finnland, das Fleisch aus Argentinien. In der deutschen Botschaft stand ein Geigerzähler zur Verfügung – und tatsächlich konnten wir mehrmals Gemüse nicht essen, weil die Werte überschritten waren. Wir blieben bis zu meiner vorübergehenden Abreise im Jahre 1989 sehr vorsichtig. Der Zustand der russischen Kernkraftwerke ist besorgniserregend. Schade, dass ein solch rohstoffreiches Land so stark auf Atomenergie setzt.

Dr. Peter Hiller, Leiter der DAAD-Außenstelle Moskau:

Im Frühjahr 1986 bereitete ich mich darauf vor, als einer der beiden ersten DAAD-Lektoren aus der Bundesrepublik in die Sowjetunion zu gehen. Wir haben uns nach dem GAU zusammengesetzt und überlegt, ob wir überhaupt noch fahren sollen. Als wir im September nach Moskau kamen, war Tschernobyl für die deutsche Community noch ein ganz wichtiges Thema. In der Botschaft konnte man sich seine Einkäufe vom Markt mit einem Geiger-Zähler überprüfen lassen.

Meine Einstellung zur Atomenergie hat Tschernobyl nicht verändert. Die war auch vorher schon negativ.

Wolfram Rehbock, Rostocker Jurist in St.Petersburg:

Damals war ich in der achten Klasse in Rostock. Ich weiß noch, dass wir uns zu jener Zeit schon die Nachrichten auf den westdeutschen Fernsehkanälen anschauten. Und dort war alles viel dramatischer – so wegen atomaren Wolken und Staubteilchen. Bei uns in der DDR wurde zwar auch über das Unglück berichtet, aber alles heruntergespielt. Vom großen Bruder im Osten konnte ja nichts Schlimmes kommen…

Ich bin dort ein Befürworter der Kernenergie, wo die hohen Sicherheitsmaßnahmen eingehalten werden können. Was bringt es, wenn man in Deutschland die Reaktoren schließt und dann den Atom-Strom aus Werken in Tschechien importiert?

Wolfgang Landgraeber, derzeit als Vertretung im Moskauer Studio der ARD:

1986 arbeitete ich bei der Sendung „Monitor“ des WDR in Köln, wo Russland-Experte Gerd Ruge Redaktionsleiter war. An jenem Katastrofentag stand unsere Sendung auf dem Programm. Alle Beiträge waren bereits abgenommen. Die Nachricht vom explodierten Reaktor bedeutete, die fertigen Filme wegzuwerfen und eine komplett neue Sendung auf die Beine zu stellen – an einem einzigen Tag. Allerdings gab es genug Bildmaterial vom Katastrofengebiet und aus Skandinavien, das als erste Gegend außerhalb der Sowjetunion die Auswirkungen zu spüren bekam. Ich dachte nur: Das kann ja wohl nicht wahr sein. Wie viele andere glaubte ich an die Beteuerungen der deutschen Atomindustrie, dass ein solcher Fall in 10 Millionen Jahren nicht vorkommen werde. Frisches Obst und Gemüse aus Deutschland strich ich sofort vom Speiseplan, was ich heute als eine „verständliche Überreaktion“ bezeichnen würde.

Peter Urie, Pastor an der evang.-lutherischen St.-Peter-und-Paul-Kirche in Moskau, Propst für Zentralrussland:

Zum Zeitpunkt der Tschernobyl-Katastrofe lebte ich in der DDR. Ich wunderte mich, dass es auf einmal überall in den Geschäften Gurken und Tomaten zu kaufen gab. Alles Waren, die der Westen nicht mehr kaufen wollte. Über den Unfall habe ich erst später erfahren – aus dem Westfernsehen.

Ich bin nach wie vor der Ansicht, dass Atomenergie notwendig ist, da die alternativen Energiequellen nicht ausreichen.