100 Jahre Oktoberrevolution: Rote Banner im Winterpalast

[von Lothar Deeg] Russland steht vor dem 100. Jahrestag der Oktoberrevolution.  Richtig feiern werden am 7. November aber nur die Kommunisten – der Kreml tut so, als sei nichts passiert. Immerhin, die Eremitage als staatliches Museum und 1917 zugleich Hauptschauplatz der bolschewistischen Machtergreifung, begeht das Jubiläum mit einer ungewöhnlichen Deko – und einer aufwändig gemachten Sonderausstellung.

„Warum sollte man das feiern?“, fragte dieser Tage Dmitri Peskow zurück, der Pressesprecher von Wladimir Putin.  Im Kreml seien jedenfalls keinerlei Veranstaltungen aus diesem Anlass geplant, so Peskow. Aufrührerische Ereignisse wie eine Rebellion gegen das angestammte Staatsoberhaupt, ein gewaltsamer Putsch durch eine radikale Minderheit und schließlich auch noch der totale Umsturz des bestehenden Staats- und Wirtschaftssystems – all das sind im Selbstverständnis der heutigen russischen Führung keine historischen Ereignisse, die es wert wären, offiziell gewürdigt zu werden – ganz im Gegenteil.

Wie schon im Frühjahr, als sich die Februarrevolution – und damit der Sturz der Jahrhunderte über Russland herrschenden Zarenmonarchie –  zum 100. Mal jährte, ignoriert das offizielle Russland die historischen Ereignisse in der damals Petrograd genannten Hauptstadt.

Comeback für Lenin-Exponate

Aber es gibt auch kein Verbot, sich mit der Revolution auseinander zu setzen. Dies geschieht mit Medienprojekten, einer ganzen Reihe von Historiker-Konferenzen und -Kongressen und schließlich mit in diesen Tagen eröffneten Ausstellungen in vielen russischen Städten – Wolgograd, Nischni Nowgorod, Lipezk, Irkutsk, Kaluga und auch zwei in Moskau. Exponate zu diesem Thema liegen schließlich massenweise in den Depots der Regionalmuseen – denn in welcher Bezirkshauptstadt gab es zu Sowjetzeiten kein Lenin- oder Revolutionsmuseum?

Spannend war die Frage, wie die Eremitage als Russlands Museumsflaggschiff und zugleich Hausherrin über den Winterpalast – und damit den symbolträchtigen Kulminationspunkt der Revolution – mit dem schwierigen Datum umgehen wird. Bekanntlich hatten die Bolschewiken am 7. November 1917 (in Russland schrieb man nach dem Julianischen Kalender erst den 25. Oktober)  die Kontrolle über fast alle Schlüsselstellen in der Stadt – Post- und Telegrafenämter, Brücken, Elektrizitätswerke – an sich gerissen.

In der Nacht darauf stürmten ihre Arbeiter- und Soldatentrupps den nur halbherzig verteidigten Winterpalast. Sie verhafteten dort die Mitglieder der Provisorischen Regierung, die seit dem Sturz des Zaren Russland regiert hatte. Regierungschef Kerenski hatte den Regierungssitz allerdings noch am Morgen ungehindert verlassen können und war nach Pskow an die Front gefahren, um militärische Unterstützung zur Abwehr des laufenden Putsches zu organisieren.

Rote Riesenbanner führen in die Eremitage

Angesichts der Strenge, die sich die Eremitage üblicherweise bei der Wahrung jedwedes historischen Details in ihrem Palastkomplex auferlegt, hat das Museum nun selbst eine Revolution durchgemacht: Die ehrwürdige Säulengalerie, über die so gut wie alle Museumsbesucher die Eremitage betreten, hängt voller roter Banner mit damaligen revolutionären Losungen – gegen Kapitalisten, Kriegstreiber, Großgrundbesitz und gar gegen „Blut-Nikolaus“, den man in einem Kerker in der Peter-Pauls-Festung sehen möchte. Das ist historisch authentisch – aber heute schon wieder mutig, denn Nikolaus II. ist ja inzwischen heilig gesprochen – und wie das Kreuzfeuer gegen den Film „Mathilda“ bewies, halten einflussreiche konservative Kreise Kritik am letzten Zaren für eine Verletzung ihrer religiöser Gefühle.

Auch die barocke Jordan-Treppe, eines der architektonischen Schmuckstücke des  Palastes, wurde mit einem riesigen Ausstellungsplakat im Stil der 20er-Jahre-Avantgarde ausgestattet, weshalb hier jetzt der Eindruck entsteht, ein hammerschwingender Proletarier falle gerade über das edle Stuck-Interieur her.

Die Sonderausstellung unter dem Motto „Winterpalast und Eremitage 1917 – Hier wurde Geschichte gemacht“ belegt dann die drei großen Parade-Festsäle auf der Newa-Seite, wobei der hinterste Saal momentan noch nicht eröffnet ist.

Der Zar geht – Lenin kommt

Mit gehörigem Aufwand hat das Museum diese  Räume umdekoriert: Riesige deckenhohe Foto-Reproduktionen tragen in sich Vitrinen, Videoschirme oder historische Exponate. Gezeigt werden Originalkleidung der Zarenfamilie und selbst die Plüschtiere der Kinder sowie Inventar des riesigen Lazaretts, das im Ersten Weltkrieg hier eingerichtet wurde. Aus dem Staatsarchiv holte man wirklich einmalige historische Dokumente heran, etwa die Abdankungserklärung von Nikolaus II. –  oder auch dessen Tagebuch mit dem letzten Eintrag vor der Ermordung der Zarenfamilie im Sommer 1918.

Prachtentfaltung und Realitätsferne der alten Herrschaft werden hier direkt konfrontiert mit der Armut der Arbeiter, der Wut und der Entschlossenheit der Revolutionäre, dieses ganze Staatsgebäude einzureißen und zu vernichten. Ein famoses Beispiel für die Zeitenwende ist ein überlebensgroßes Porträt von Nikolaus II. aus dem Jahre 1896. Es steht in einem Rahmen frei im Raum – denn auf die Rückseite der Leinwand malte 1924 ein Kunstlehrer ein ebenso großes Lenin-Porträt.

Weitere Sonderausstellungen im Haus zeigen russische Druckwerke aus der Revolutions- und Bürgerkriegsphase und beschäftigen sich mit dem berühmten Eisenstein-Film „Oktober“ – der 1927 jede Menge dramatischer und heroischer Bilder nachlieferte, die es beim realen Sturm auf den Winterpalast gar nicht gegeben hatte.

Die Uhr tickt wieder – bis zur nächsten Revolution?

Gleichzeitig beseitigte das Museum aber auch eine letzte Nachwirkung der Oktoberrevolution in seiner Exposition: Im „Kleinen Speisesaal“, wo sich seinerzeit um 2.10 Uhr die Provisorische Regierung den Bolschewisten ergab, zeigte seit 100 Jahren eine edle französische Uhr auf dem Kaminsims genau diesen Moment der  vermeintlichen Zeitenwende an. Ein Jahrhundert Stillstand sei genug, befand Eremitage-Direktor Michail Piotrowski. Vor laufenden Kameras zog er die Uhr auf. Jetzt läuft sie wieder.

[Lothar Deeg/russland.NEWS]

Über den Autor

Lothar Deeg
Lothar Deeg geboren 1965 und gebürtig aus Bad Mergentheim. 1991 infizierte ich mich als frisch gebackener Diplom-Journalist auf einer Reise nach Wladiwostok mit dem Russland-Virus. Rudimentär mit VHS-Russischkenntnissen ausgestattet hängte ich 1994 meinen Redakteursposten beim „fliegermagazin“ an den Nagel und siedelte von München nach St. Petersburg um. Dort schreibe ich seitdem als freier Journalist über alles, was mir aus Stadt und Land berichtenswert erscheint – unter anderem als Korrespondent des epd und des Logistik-Fachblatts „Verkehrsrundschau“. Momentan arbeite ich an meinem dritten und vierten Reiseführer über St. Petersburg. Meine Lieblingsjobs sind aber Städte- und Personenporträts für das Bordmagazin der Airline Swiss.