1.300 Jahre alte Festungsanlage in sibirischem See hält Experten auf Trab

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Tuwa – Es ist eine der rätselhaftesten archäologischen Stätten in Russland. Ein antiker Komplex, untergegangen auf einer kleinen Insel in der Mitte eines abgelegenen Sees in den südsibirischen Bergen. Auf den ersten Blick scheint es sich vom Umriss um eine alte Festung zu handeln, um Feinde anzuwehren von hohen Mauern umgeben. Andere jedoch gehen davon aus, dass der 1.300 Jahre alte Bau ein Sommerpalast, ein Kloster, Gedenkstätte, rituelles Zentrum oder ein astronomisches Observatorium gewesen sein könnte. Laut der „Siberian Times“ sind die Experten seit der Wiederentdeckung nach über hundert Jahren, dem Schlüssel des Geheimnisses dieser rätselhaften Ruinen noch nicht näher gekommen.

Bekannt wurde die archäologische Anlage als Por-Baschyn, was soviel wie „Lehmhaus“ bedeutet. Sie befindet sich auf einer Insel inmitten des Tere-Khol Sees im sibirischen Tuwa, gerade einmal 32 Kilometer von der mongolischen Grenze entfernt. Zuerst 1891 erforscht, wurde erst wieder von 1957 bis 1963 weitergegraben. Warum auch immer wurden erst wieder 2007 und 2008 großangelegte Untersuchungen durch die Por-Bashyn Kulturstiftung durchgeführt.

Was sie entdeckten entpuppte sich als Vexierfrage. Die Anlage befindet sich an einem sehr entlegenen Ort an den Rändern des damaligen uigurischen Nomadenreiches. Gebaut mit chinesischen Charakterzügen, aber ohne Anzeichen einer dauerhaften Besiedelung und nach kurzer Zeit wieder aufgelassen.

Warum wurde es gebaut? Zu was diente es? Und warum wurde es verlassen? Das sind die Fragen, die die Sachverständigen fortwährend seit der Entdeckung sowohl faszinieren als auch frustrieren.

Das Bauwerk von Por-Baschyn

Der antike Komplex, von dem angenommen wird, dass er 757 nach Christus erbaut wurde, hatte Außenmauern, die immer noch bis zu 12 Meter in die Höhe ragen und im Inneren Wände von bis zu 1,5 Metern Stärke. Manche sind noch immer von Kalkplatten mit horizontalen roten Streifen verkleidet. Ein Haupttor wurde entdeckt, das in zwei aufeinander folgende, durch ein weiteres Tor verbundene, Höfe mündet.

Die Mauern umschließen ein Gelände von fast drei Hektar mit den Überresten von über 30 Gebäuden in einer zweiteiligen Hauptgliederung, die durch einen überdachten Wehrgang verbunden sind. Einst bedeckt mit einem Ziegeldach und getragen von 36 hölzernen Säulen, die auf Steinsockeln ruhten.

Laser-Kartographien im Vorfeld der ersten Hauptgrabung 2007 ermöglichten den Experten ein 3D-Modell zu erstellen, wie der Komplex einmal ausgesehen haben könnte.

Lediglich eine geringe Anzahl von Artefakten wurde bisher in der Anlage gefunden. Wenn sie dauerhaft bewohnt war, sollte man erwarten, eine größere Ansammlung an Gegenständen vorzufinden. Es gab auch keine Zeugnisse eines Heizsystems, das ermöglicht hätte in 2.300 Metern über dem Meeresspiegel bei winterlichen Bedingungen zu verweilen.

Die hauptsächlichen Funde beinhalten menschliche Fußabdrücke im Lehm, verblasste farbige Zeichnungen, Fragmente verbrannten Holzes, Dachziegel, einen eisernen Dolch, einen Becher aus Stein, einen silbernen Ohrring sowie eiserne Baunägel. Keines der Artefakte liefert eine schlüssige Antwort aus welchem Grund die Anlage gebaut und für was sie genutzt wurde.

Die Ursprünge und der Zweck von Por-Baschyn

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wird Por-Baschyn mit der nomadischen Herrschaft des Uiguren-Khaganats (744 – 840 n. Chr.) in Verbindung gebracht. Zusammengewürfelt aus turksprachigen Nomaden, die durch die Streitmacht von Kriegern zu Pferde zusammen gehalten wurden. Das Reich umspannte die Mongolei und Südsibirien, wohingegen die Örtlichkeit von Por-Baschyn fernab von Siedlungen und Handelswegen lag. Warum sollten sie in einer solch entlegenen Gegend bauen? Könnte es der Ort eines Palastes oder eines Ehrenmals für einen Herrscher gewesen sein? Der einheitliche Entwurf, reichhaltiger verziert als die anderen uigurischen Festungen aus dieser Zeit, hat einige Wissenschaftler zu der Auffassung gebracht, dass es eine rituelle Bedeutung haben könnte.

Und doch gibt es weitere verwirrende Tatsachen. Die Architektur spiegelt einen kennzeichnenden chinesischen Stil wieder. Deutlich erkennbar durch die Verwendung von chinesischen Baumaterialien, bestimmten Typen von Dachziegeln und dem Gebrauch von chinesischen Baumethoden. Der Entwurf mit seiner axialen Planung, dem dominierenden Hauptgebäude und den Wohnquartieren steht im Einklang mit Geprägen in anderen buddhistischen Klöstern. Allerdings zeigt Por-Baschyn keinerlei Augenscheinlichkeiten von religiösen Praktiken.

Warum wurde es aufgegeben?

Nicht nur die Frage nach dem Sinn von Por-Baschyn stellt ein Mysterium dar, sondern auch die archäologischen Hinweise, die darauf hindeuten, dass es schon nach kurzer Zeit wieder verlassen wurde.

Kein Zeugnis wurde gefunden, dass man annehmen könnte, der Komplex in den Angriff einer gegnerischen Streitmacht geraten wäre. Politische Veränderungen in der Region könnten eine mögliche Erklärung offenbaren, obwohl nichts Konkretes präsentiert wurde, um diese Theorie zu untermauern. Laut Dmitriy Subetto von der Abteilung der Physischen Geographie der RGPU mag die Anlage in erster Linie durch die mangelnde Vertrautheit der Erbauer mit dem Permafrostboden aufgegeben worden sein.

So verbleibt bis heute Por-Baschyn als eines der fortwährenden Geheimnisse Russlands.

[Autor: April Holloway]

Aus dem Englischen übersetzt mit freundlicher Genehmigung von „Ancient Origins“. Zum Originaltext mit weiterführenden Links gelangen Sie hier: ancient-origins >>>