Vor 100 Jahren: Kommunisten übernehmen Macht in Russland

[von Lothar Deeg] Der Jahrestag der „Großen Sozialistischen Oktoberrevolution“ von 1917 war einer der wichtigsten sowjetischen Feiertage – und wurde an jedem 7. November mit Massenaufmärschen begangen. Nun jährt sich die Geburtsstunde des ersten kommunistischen Staates der Welt zum 100. Mal.

Offiziell gefeiert – oder auch nur begangen – wird der Revolutions-Jahrestag in Russland heute nicht. Arbeitsfrei ist dieser Schlüsselmoment für die Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts seit 2005 in Russland nicht mehr. Damals wurde stattdessen der 4. November zum „Tag der Volkseinheit“ mit Feiertagsrang erhoben – zur Erinnerung an die Vertreibung polnischer Besetzer aus dem Kreml durch ein russisches Volksheer. Das geschah allerdings schon im fernen Jahr 1612.

Eine Chronik des Revolutionstages

Was geschah damals in Petrograd (wie die Hauptstadt St. Petersburg seit 1914 genannt wurde) an jenem 7. November 1917 – wobei man in Russland nach dem damals gültigen Julianischen Kalender den 25. Oktober schrieb (deshalb der Name Oktoberrevolution)?

Eigentlich war es nur ein weiterer Putsch in dem an Aufruhr und Umsturzversuchen reichen Jahr 1917. Die nach dem Sturz des Zaren im Februar gebildete bürgerlich-sozialistische Regierung, die sich selbst als „provisorisch“ bezeichnete, saß nur noch äußerst wackelig im Sattel. Als zweites Machtzentrum hatte sich in der Stadt der Petrograder Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten gebildet. Überall im Land, in den Städten und an der Front gärte es – vor allem, weil die neuen Machthaber den Krieg gegen die Mittelmächte fortführten und die Wirtschaft und Versorgung faktisch kollabiert waren.

In Petrograd nahmen dennoch die meisten Bürger die schicksalshafte Revolution gar nicht richtig zur Kenntnis, denn an gelegentliche Barrikaden, Scharmützel und Panzerwagen auf den Straßen hatte man sich im Laufe dieses chaotischen Jahres gewöhnt. Auch am 7. November verkehrten die Straßenbahnen, Theater und Restaurants hatten geöffnet.

Lenins Timing

Dabei tickte die revolutionäre Uhr bereits: Bolschewikenführer Wladimir Uljanow, genannt Lenin, hatte erkannt, dass die Machtergreifung seiner Bewegung genau an diesem Tag erfolgen müsste: Denn am 25. Oktober sollte im Smolny erstmals ein „Allrussischer Kongress der Arbeiter-, Soldaten und Bauern-Deputierten“ zusammentreten. Und Lenin wollte diese nationale Versammlung einerseits nutzen, um sich von ihr die Machtergreifung legitimieren zu lassen, andererseits aber ausschließen, dass dieses große, behäbige und ideologisch vielfältige Gremium selbst die Leitung der Revolution übernehmen könnte.

Deshalb handelte das „Militär-Revolutionäre Komitee“ der Bolschewiken unter der Führung von Leo Trozki zunächst auf eigene Faust. Lenin agierte als Mastermind nur im Hintergrund, denn er stand auf der Fahndungsliste der Behörden. Doch zweieinhalb Wochen zuvor war er aus Finnland insgeheim im Führerstand einer Lok in die Hauptstadt zurückgekehrt und versteckte sich in einer konspirativen Wohnung einer Genossin in der Serdobolskaja Uliza 1 auf der Wyborger Seite. Mit den Putschisten Kontakt halten konnte er deshalb nur über Kuriere.

Kostümiert zur Machtergreifung

Doch in der Nacht auf den 25. Oktober übernahm Lenin selbst die Koordination des Aufstands: Er rasierte seinen charakteristischen Bart ab, zog einen alten Mantel und eine Kappe an – und wickelte sich einen Schal um den Kopf: Für den Fall einer Kontrolle wollte er behaupten, er habe schreckliche Zahnschmerzen.

Begleitet von einem finnischen Mitstreiter fährt er mit der Straßenbahn bis kurz vor die Litejny-Brücke, die restlichen drei Kilometer gehen sie zu Fuß. Tatsächlich werden die beiden Revolutionäre unterwegs zweimal von Patrouillen der Regierungstruppen kontrolliert, aber nicht enttarnt. Die These, die Machtübernahme der Bolschewiken wäre wohl gescheitert, wenn Lenin in dieser Nacht nicht zu seinen Genossen in den Smolny durchgekommen wäre, ist unter Historikern recht weit verbreitet.

Alle Schaltstellen besetzt

In den Nachtstunden und am frühen Morgen besetzen Trupps des Revolutionskomitees nach und nach die wichtigsten Bahnhöfe, Kraftwerke, die Staatsbank und die Newa-Brücken. Auch geht der von revolutionären Matrosen übernommene Panzerkreuzer „Aurora“ auf der Newa unterhalb der Blagoweschtschenski-Brücke vor Anker. Mit der Übernahme des Telefonamts werden viele – aber nicht alle – Kommunikationskanäle der im Winterpalast tagenden Regierung und des Militärstabs im gegenüberliegenden Generalstabsgebäude gekappt. Der Putsch verläuft weitgehend unblutig – die roten Garden stoßen fast nirgendwo auf zum Kampf entschlossene Bewacher.

Regierungs-Chef Kerenski kann sich absetzen

Einen richtigen Belagerungsring um dieses Machtzentrum vermögen die Aufständischen aber nicht zu schließen. Deshalb gelingt es dem Regierungschef Alexander Kerenski noch gegen 11 Uhr am Vormittag, den Winterpalast mit einem Autokonvoi zu verlassen: Er wollte im Hinterland und an der Front eine loyale Streitmacht mobilisieren, um den Aufstand der Ultralinken niederzuschlagen. Daraus wurde jedoch nichts – Kerenski ging später ins Exil und lebte bis zu seinem Tod 1970 in den USA.

Erfolgsmeldungen vor vollbrachter Tat

Obwohl die alte Regierung nach wie vor im Winterpalast sitzt, verkünden die Revolutionäre bereits stolz ihren Sieg –  und versprechen „das sofortige Angebot eines demokratischen Friedens, die Aufhebung der gutsherrlichen Eigentumsrechte, die Kontrolle der Produktion durch die Arbeiter und die Bildung einer Sowjetregierung“. Am Nachmittag verkündet Trotzki vor dem Petrograder Sowjet, die Macht der Kerenski-Regierung sei mit dem „Gnadenstoß des Besens der Geschichte“ hinweggefegt worden.

In Laufe des Nachmittags schließen die Putschisten ihren Belagerungsring um den Winterpalast. Doch lange ist unklar, wie stark und vor allem wie kampfwillig die dort verbliebenen Verteidiger der Regierung – Offiziersschüler, sog. Junker, Kosaken und ein Frauen-Bataillon – denn sind. Auch warten die Revolutionäre auf Verstärkung durch Matrosen aus Kronstadt und Helsingfors (Helsinki).

Zweimal stellen die Aufständischen den Palastverteidigern am frühen Abend Ultimaten, sich zu ergeben. Die weigern sich, doch der Angriff bleibt zunächst aus. Allerdings verlassen einige größere Gruppen der Junker und der Kosaken den Palast, da sie die Sinnlosigkeit einer Gegenwehr und die fehlende Unterstützung von außen erkennen.

Beschuss des Winterpalastes – aber nicht durch die Aurora

Nach 21 Uhr beginnt der Beschuss des Palastes mit leichten Waffen. Der in vielen Chroniken erwähnte Blindschuss der „Aurora“ als Signal für den Sturm auf die einstige Zarenresidenz gegen 21.40 Uhr ist allerdings eine Fehldeutung: Das Buggeschütz der Aurora feuerte zwar einmal, aber dies war eine Antwort auf einen Signalschuss von der Peter-Pauls-Festung, die ebenfalls in den Händen der Aufständischen war.

Beschossen hat die „Aurora“ den Winterpalast ebenfalls nicht, dies hätte ihre Position auf der Newa ein gutes Stück flussabwärts auch gar nicht erlaubt. Mit Kanonen gefeuert wurde von der Festung – doch gelang es den Kanonieren der Revolutionäre nur zweimal, den weniger als einen Kilometer entfernten riesigen Palast zu treffen – die meisten ihrer über 30 Schüsse gingen vorbei.

Der „Sturm“ des Winterpalastes

Nach Mitternacht drangen dann erste Gruppen der Revolutionäre von verschiedenen Seiten durch die zahlreichen Tore und Türen in den Palast ein. Bilder von diesem Ereignis gibt es nicht, der vielfach zur Illustration herangezogene Massensturm zeigt Szenen aus dem zehn Jahre später von Sergej Eisenstein am Originalschauplatz gedrehten Propagandafilm. Im Innern des Palastes kam es zu Kämpfen, aber das befürchtete Blutbad blieb aus: Die Rede ist von sechs Toten und 50 Verletzten auf beiden Seiten.

Um 2.10 Uhr wurden die verbliebenen Minister der Kerenski-Regierung festgenommen. Fast schwieriger als die Eroberung des Palastes gestaltete es sich anschließend für die Koordinatoren der Revolution, ihre siegreichen Truppen wieder aus den wohlgefüllten Weinkellern des Zarenschlosses herauszuholen und die revolutionäre Disziplin wiederherzustellen.

Lenins Widersacher wurden übertölpelt

Im Smolny war derweil der Allunions-Kongress der Sowjets zusammengetreten. Lenins Gegner, weit weniger radikale Sozialrevolutionäre, Sozialdemokraten und Menschewiki, sind empört über die Usurpierung der Macht durch die Bolschewiki und fordern eine Politik der Verständigung mit den bürgerlichen und demokratischen Kräften. Nach heftigen Wortgefechten verlassen sie noch in dieser Nacht unter Protest den Kongress – und überlassen damit Lenin und seinen mit allen Mitteln zur Macht drängenden Bolschewiken die Initiative und die Kontrolle über die Hauptstadt.

So wenig Blutvergießen die eigentliche Machtergreifung der Bolschewisten auch mit sich brachte: Alsbald begannen sie ihr Terror-Regime zu errichten – und Russland versank für vier Jahre in einem extrem gewalttätigen und von beiden Seiten grausam geführten Bürgerkrieg mit Millionen Opfern. Doch dies ist eine andere Geschichte.

[Lothar Deeg/russland.NEWS]