„Und morgen kam der Krieg“Maria Wichter, Leningrad, 22.Juni 1941, aus dem persönlichen Archiv von V. Tatarnikowa

„Und morgen kam der Krieg“

Am 22. Juni 1941 überfiel Nazideutschland die Sowjetunion. Der vier Jahre dauernde brutale Krieg, der in Russland Großer Vaterländische Krieg heißt und über 27 Millionen sowjetische Menschenopfer bedeutete, begann. russland.NEWS veröffentlicht heute den Text einer russischen Journalistin über dieses Datum.

Je näher der 22. Juni rückt, desto mehr muss ich über den 22. Juni 1941 nachdenken. Ich versuche mir vorzustellen, wie unser Volk am letzten friedlichen Tag gelebt hat.

Hatten sie das Gefühl, dass schon am nächsten Morgen ihr gewohntes, nicht immer einfaches und glückliches, aber friedliches Leben über Nacht zusammenbrechen würde? Natürlich hat man über den Krieg, der in Europa bereits tobte, geredet. Außerdem war der sowjetisch-finnische Krieg gerade erst beendet worden. Aber es gab Hoffnung, man wollte an das Beste glauben. Und sicherlich konnte sich niemand in den schrecklichsten Fantasien ausmalen, was unser Heimatland am frühen Junimorgen erwartete.

Wir sprechen oft über die 27 Millionen Gefallenen, die Vermissten, die in Nazigefängnissen und KZs gefoltert wurden. Wir kommen mit Heldenporträts zur Aktion „Unsterbliches Regiment“. Aber am 22. Juni möchte ich, dass wir uns an all die Familien erinnern, die zerstört wurden, an die Kinder, die nicht geboren wurden, an die jungen Frauen, die nie das Glück erfahren durften, geliebt zu werden.

Erinnern wir uns an unsere Großeltern, Onkel und Tanten. Über Nachbarn, die in der Nähe unserer Verwandten wohnten. Öffnen wir Familienalben, finden wir alte Fotos und zeigen wir der Welt, was für schöne Menschen in unserem Land vor dem 22. Juni 1941 lebten. Dies soll eine weitere Kolonne unseres „Unsterblichen Regiments“ sein. Und ich möchte, dass sich unsere Landsleute auf der ganzen Welt unserer Aktion anschließen. Zeigen wir denen, die sich immer noch mit Gedanken an die Möglichkeit eines neuen Krieges spielen, die kein historisches Gedächtnis haben, sondern den brennenden Wunsch, die Geschichte neu zu schreiben, was für ein schönes Leben vor 80 Jahren zerstört wurde.

Ich wurde nach dem Krieg geboren. Meine Mutter verstarb, als ich erst neun Jahre alt war. Sie starb an den Nachfolgen der Blockade von Leningrad. Ich habe fast keine Fotos von ihr. Aber es gibt eins, das mich am meisten anspricht und dieses Bild möchte ich mit den Lesern teilen. Es ist eine alte Amateuraufnahme. Sie zeigt eine junge, glückliche, lächelnde Frau. Es ist ein früher Sonntagmorgen. Ein schöner Sommertag liegt vor uns… Der letzte Tag des Friedens.

Und schon am nächsten Morgen begannen Krieg und 872 Tage Arbeit, Sterben und Leben im belagerten Leningrad.

Vera Tatarnikowa, stellvertretende Vorsitzende des gesamtdeutschen Koordinationsrates russischer Landsleute, Übersetzung aus dem Russischen

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