Leonid Iwaschow, im Rang eines Generaloberst und besonders nach der Wende wichtiger Funktionär im russischen Verteidigungsapparat, beschreibt Russlands internationale Lage als historisch schlecht und führt dies auf eine weitgehende Isolation und den Verlust politischen Rückhalts zurück. In einem Interview mit dem Portal für professionellen Journalismus Republic bewertet der Vertreter aus dem staatlich-patriotischen Lager die „Sonderoperation“ in der Ukraine als strategisch falsche Entscheidung, die im Widerspruch zu völkerrechtlichen Grundsätzen stehe.
Die offiziell genannten Ziele wie „Entmilitarisierung“ und „Denazifizierung“ seien militärisch unklar und praktisch nicht sinnvoll operationalisierbar; insgesamt hätten sich die Erwartungen nicht erfüllt und der Konflikt sei in einen zermürbenden, langwierigen Krieg übergegangen. Iwaschow plädiert deshalb für ein Ende der Kampfhandlungen und den Übergang zu Verhandlungen, auch wenn diese lange dauern könnten.
Als zentrale Ursache für Fehlentwicklungen nennt er Führungs- und Organisationsprobleme. Über Jahre hätten keine professionellen Militärs das Verteidigungsministerium geführt; zugleich seien Verantwortlichkeiten zwischen Ministerium und Generalstab unscharf geblieben, was zu „kollektiver Verantwortungslosigkeit“ geführt habe. Hinzu kämen Korruption und Veruntreuung, die die Modernisierung und Einsatzbereitschaft beeinträchtigt hätten. Während er den strategischen Nuklearstreitkräften eine gewisse Stabilität und Modernisierung attestiert, betont er Defizite zu Beginn des Krieges bei Aufklärung, Drohnen, geschützter Kommunikation, elektronischer Kriegführung und grundlegender Ausrüstung.
Zu innenpolitisch relevanten Vorfällen äußert Iwaschow Skepsis gegenüber der häufig behaupteten „ukrainischen Spur“ bei Anschlägen auf russische Militärs und hält interne Motive und Netzwerke für plausibel. Die Nato beschreibt er als politisch nicht vollständig einheitlich, aber militärisch und technologisch ernst zu nehmen: Der Ukrainekrieg habe zu Aufrüstung und höherer Bereitschaft geführt, während der Westen in Teilen über größere industrielle und technologische Kapazitäten verfüge. Erwartungen an eine feste Allianz mit China oder Indien weist er zurück; beide Staaten handelten vor allem geoökonomisch und unterstützten Russlands Kurs nicht in der Weise, wie es in Russland oft dargestellt werde. Als verlässlichen Verbündeten nennt er Belarus.
Vor atomarer Eskalationsrhetorik warnt Iwaschow ausdrücklich. Er hält einen Atomkrieg für extrem gefährlich und betont, dass der wichtigste Konfliktbereich inzwischen im Informationsraum liege – in der Beeinflussung von Wahrnehmung und öffentlichem Bewusstsein. Einen schnellen Ausweg erwartet er nicht; externe Akteure könnten zwar Einfluss nehmen, aber eine rasche Beendigung des Krieges sei nicht realistisch. Als Grundlinie bleibt für ihn: erst Waffenstillstand, dann Verhandlungen.
Einen Sieg werde es nicht geben. Die Niederlage sei für beide Länder offensichtlich, sowohl für die Ukraine als auch für Russland. „Wir sind Idioten, die sich als Nachbarn, die einst sogar brüderliche Völker waren, gegenseitig vernichten“, so der inzwischen 82-jährige in Kirgisistan geborene Iwaschow, der als promovierter Wissenschaftler einen YouTube-Kanal betreibt.
Russland habe heute im Vergleich zur Sowjetunion, zum Russischen Reich und zum Moskauer Zarenreich den Respekt der Menschheit verloren: „Wenn von 193 Ländern der Welt bei der UN-Generalversammlung nur acht Staaten für unsere Position eintreten, 73 sich enthalten und die übrigen gegen uns sind, dann ist das einfach beschämend, demütigend, erschreckend und sogar beängstigend.“
Iwaschow ist Mitglied des 2012 gegründeten Isborsk-Klub. Am 31. Januar 2022 veröffentlichte er als Vorsitzender der „Russischen Offiziersversammlung“ eine Erklärung an den Präsidenten und die Bürger Russlands mit dem Titel „Vorabend des Krieges“ gegen den Krieg Russlands gegen die Ukraine. Er beschuldigte die russische Führung und Präsident Wladimir Putin, einen solchen Krieg vorzubereiten, und forderte ihn zum Rücktritt auf.

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