Am 21. Mai jährte sich der 100. Geburtstag von Andrei Sacharow – einem der wichtigsten Physiker des 20. Jahrhunderts, „Vater der ersten sowjetischen Wasserstoffbombe“ und Menschenrechtler, Dissidenten und Friedensnobelpreisträger. Heute ist nach ihm der Menschenrechtspreis des Europäischen Parlaments benannt.
Für sowjetische Intelligenzia war Sacharow ein Symbol für Widerstand gegen den totalitären Staat. Er hatte den Mut, sich auf dem Ersten Kongress der Volksdeputierten der UdSSR am 4. Juni 1989 gegen den Krieg in Afghanistan auszusprechen und nannte ihn „kriminell“. Andrei Sacharow wurde am 21. Mai 1921 in Moskau geboren. Für seine wissenschaftlichen Aktivitäten wurde er als jüngstes Vollmitglied in die Akademie der Wissenschaften gewählt und mit dem Stalin- und Leninpreis ausgezeichnet.
In den 1980er Jahren wurden ihm diese Titel aberkannt, nachdem er gegen Atomtests und den Krieg in Afghanistan protestiert hatte. Sacharow initiierte die Gründung der inzwischen als „Ausländischer Agent“ anerkannten Menschenrechtsbewegung Memorial, sprach sich für die Abschaffung der Todesstrafe, das Auswanderungsrecht und gegen die obligatorische Behandlung von Dissidenten in psychiatrischen Krankenhäusern aus. 1975 erhielt er für seinen Einsatz für die Menschenrechte den Friedensnobelpreis, den seine Frau Jelena Bonner für ihn entgegennehmen musste. Im Dezember 1989 starb Sacharow.
Während Sacharows Name im Westen noch immer nachhallt, wissen in Russland immer weniger Menschen von ihm. Sacharows Name erscheint selten in den offiziellen Nachrichtenkanälen. „Er ist nicht nur aus der Medienrhetorik verschwunden, sondern auch aus der Praxis des modernen Geschichtsunterrichts in den Schulen, den öffentlichen Debatten in der Gesellschaft und den Interpretationen aktueller gesellschaftlicher Prozesse“, schreibt Leiter des unabhängigen Meinungsforschungsinstituts Lewada-Zentrum Lew Gudkow.
So hatten laut einer Umfrage von Lewada-Zentrum im Jahre 1991 56 Prozent der Befragten die Rede Sacharows auf dem Kongress gehört, 55 Prozent teilten seine öffentlichen und politischen Ansichten und Einschätzungen. Heute hat sich die Bedeutung und der Stellenwert von Sacharow deutlich verändert. Im Jahr 2021 wissen zwar 66 Prozent der Befragten über Sacharow, aber nur 35 Prozent von ihnen haben eine positive Einstellung zu ihm (26 Prozent „neutral“ und zwei Prozent negativ). Die dankbare Erinnerung an das Akademiemitglied ist vor allem bei älteren Menschen erhalten, die seine Zeitgenossen und Zeugen seiner Tätigkeit waren. Auch arme und wenig gebildete Befragten, in größerem Maße in der Provinz, also dort, wo die Bedeutung informeller zwischenmenschlicher Beziehungen erhalten ist, erinnern sich an Sacharow positiv. Unter den jungen Menschen zwischen 18 und 24 Jahren gaben 70 Prozent an, noch nie etwas von Sacharow gehört zu haben. Und während 1997 27 Prozent der Russen nicht wussten, wer Sacharow war, stieg diese Zahl auf 38 Prozent im Jahr 2021.
„Die Ergebnisse der Umfrage von 2021 zeigen eine allmähliche Verdrängung der Bedeutung und Wichtigkeit von Menschenrechtsaktivitäten aus dem Massenbewusstsein (ein Rückgang von 14-18 Prozent auf 7 Prozent) und der Erinnerung an die Arbeit der demokratischen Opposition gegen Gorbatschow im akutesten Moment der Perestroika (von 17 Prozent auf 9 Prozent), einerseits und andererseits die Zunahme der Wahrnehmung von Sacharow als „Vater der sowjetischen Wasserstoffbombe“ (von 28 Prozent in der allerersten Umfrage auf 69 bis 70 Prozent im Jahr 2010 und 42 Prozent in der jüngsten Umfrage), was die Stärkung von Großmacht- und militaristischen Einstellungen in der Gesellschaft unter dem Einfluss der staatlichen Propaganda widerspiegelt“, so Gudkow in seiner Analyse.
Fotos aus dem Leben von Andrei Sacharow gibt es hier, Details über sein Leben auf dieser Website.
[hrsg/russland.NEWS]

COMMENTS