„Lenin ist immer lebendig. Lenin ist immer bei Dir“, „Lenin ist bei uns, Lenin ist unter uns“… Diese Slogans begleiteten einen Sowjetmenschen überall und zwar von morgens bis abends: bei der Arbeit, in der Schule, in den Ferien. Lenins Straßen, Plätze, Fabriken, Schulen und Universitäten, endlose Lenin-Denkmäler in fast jeder Siedlung der riesigen Sowjetunion …
1991 hörte der vom der Revolutionsführer geschaffene Staat auf zu existieren. Das Bild von Lenin ist jedoch nicht völlig aus den Köpfen der Russen verschwunden. Aber wenn man früher Wladimir Iljitsch Uljanow-Lenin als unbestrittene historische Figur bezeichnen konnte, so hat er jetzt das Land in zwei Lager gespalten: In diejenigen, die ihn laut Alexander Solschenizyn als „den Mörder Russlands“ betrachten, und diejenigen, die ihn weiterhin anbeten.
Am 22. April jährt sich zum 150. Mal der Geburtstag des „großen Revolutionärs“. Der Vorsitzende der Kommunistischen Partei Russlands (KPRF) und Duma-Mitglied Gennadi Sjuganow, rief die Kommunisten dazu auf, dieses Datum weithin zu feiern. „Ich fordere die Mitglieder der KPRF und die Anhänger der Partei sowie alle unsere Verbündeten und Freunde auf, den 150. Jahrestag von Lenins Geburtstag am 22. April mit den verschiedensten Aktionen zu feiern, die unter Quarantänebedingungen möglich sind“, sagte Sjuganow. Man könnte zum Beispiel Blumen zu den Denkmälern des Kommunistenführers legen oder rote Banner auf den Balkonen aufhängen, schlug Sjuganow vor. Der LDPR-Vorsitzende Wladimir Schirinowski allerdings schlug vor, KPRF-Mitglieder zu verhaften, wenn sie trotz der epidemiologischen Situation an der traditionellen Blumenablage im Mausoleum auf dem Roten Platz am 22. April teilnehmen werden.
Seit 1924 befindet sich die Leiche Lenins im Mausoleum auf dem Roten Platz. Millionen Besucher kamen zu Sowjetzeiten jährlich hierher und bildeten täglich eine lange Schlange. Es war etwas Symbolisches dabei: denn in der Sowjetunion – also in einem Staat, den Lenin gründete – gehörten unzählige Schlangen zum Alltag, denn Mangel an allem war an der Tagesordnung.
Im heutigen Russland, in dem sich fast 80 Prozent der Menschen als orthodoxe Christen bezeichnen, liegt im Herzen Moskaus eine einbalsamierte Mumie, als wäre es das alte Ägypten. Aber wenn 2001 51, 3 Prozent der Russen für die Schließung des Lenin-Mausoleums bzw. für die Beerdigung des Leichnams des Revolutionsführers waren (ROMIR-Umfrage), so waren 2017 die Russen in dieser Frage in zwei Hälften geteilt: 41 Prozent waren für die Erhaltung des Lenin-Mausoleums, 41 Prozent sprachen sich dafür aus, den Revolutionsführer der Erde zu übergeben (Umfrage des unabhängigen Meinungsforschungsinstituts Lewada-Zentrum). Interessanterweise äußerten sich damals 66,7 Prozent über die Rolle Lenins in der Geschichte Russlands positiv. Die Umfrage vor drei Jahren hat aber gezeigt, dass 41 Prozent der Russen Lenins Rolle in der Geschichte Russlands als „eher positiv“ und nur 15 Prozent als „völlig positiv“ ansehen. Außerdem waren 34 Prozent Lenin gegenüber gleichgültig, und 35 Prozent glaubten, dass sich in vierzig bis fünfzig Jahren „niemand außer Historikern an ihn erinnern wird“.
In diesem Jahr rückte jedoch der 22. April unerwartet wieder ins Rampenlicht. Noch bevor das Coronavirus für eine Epidemie erklärt wurde, hatte man beschlossen, an diesem Tag die Volksabstimmung über Verfassungsänderungen durchzuführen. Im Kreml versicherte man allerdings, dass die Wahl vom 22. April als Datum der Abstimmung nichts mit dem Geburtstag von Wladimir Lenin zu tun hatte. „Wir können kaum sagen, dass Lenins Geburtstag in unserem Land weithin gefeiert wird“, kommentierte damals der Sprecher des Präsidenten Dmitrij Peskow die Wahl des Wahltages. Doch viele Analytiker fanden es mehr als bezeichnend, dass ausgerechnet am Lenin-Geburtstag über die Verfassung entschieden werden sollte. Allerdings wurde das Referendum doch bis auf weiteres verschoben …
[Daria Boll-Palievskaya/russland.NEWS]

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