In Teilen Sibiriens sagen Veranstalter Jagdreisen auf Hirsche ab, weil sie die Sicherheit ihrer Gäste angesichts der Bärenvorkommen nicht gewährleisten können. Zugleich bleibt die Jagd auf Bären nach Einschätzung eines Branchenexperten wenig gefragt. Das wirft Fragen nach der Wirksamkeit höherer Abschussquoten auf.
Eigentlich sollen die Gäste auf Hirsche jagen. Doch inzwischen können Bären dafür sorgen, dass die Reise gar nicht erst stattfindet. Nach Aussagen von Branchenvertretern gegenüber Kommersant FM wurden in mehreren Regionen Sibiriens kommerzielle Jagdtouren auf Huftiere abgesagt. Die Veranstalter könnten die Sicherheit ihrer Kunden nicht garantieren.
Wie viele Reisen betroffen sind und welche wirtschaftlichen Verluste daraus entstehen, nennt der Bericht nicht. Von einem landesweiten Ausfall der Herbst- und Winterjagdsaison ist ebenfalls keine Rede. Dennoch zeigen die Absagen eine weitere Folge der Konflikte zwischen Menschen und Bären: Sie treffen auch eine Branche, von der sich Behörden Hilfe bei der Regulierung der Bestände erhoffen.
Mehr Erlaubnisse schaffen noch keine Nachfrage
In der Debatte über Bärenangriffe werden höhere Abschussquoten und längere Jagdzeiten vorgeschlagen. Michail Krechmar, Chefredakteur des „Russischen Jagdmagazins“, bezweifelt jedoch, dass eine Anpassung der Quoten allein das Problem lösen würde.
Nach seiner Darstellung werden die bestehenden Bärenquoten landesweit im Durchschnitt lediglich zu 27 Prozent ausgeschöpft. Eine amtliche Datengrundlage für diese Angabe nennt der Beitrag nicht. Als Einschätzung aus der Jagdbranche verweist sie dennoch auf einen entscheidenden Engpass: Die Erlaubnis zum Abschuss und das Interesse, sie tatsächlich zu nutzen, sind zwei verschiedene Dinge.
Krechmar begründet die geringe Nachfrage vor allem wirtschaftlich. Bärenfleisch sei als Beute wenig attraktiv, das Fell schwer verkäuflich. Für Jäger entsteht damit offenbar häufig kein ausreichender Anreiz, den Aufwand einer Bärenjagd auf sich zu nehmen.
Das relativiert die Erwartung, größere Kontingente würden automatisch zu wesentlich mehr Abschüssen führen. Wo schon vorhandene Möglichkeiten ungenutzt bleiben, müsste zunächst geklärt werden, warum das so ist – und ob veränderte Regeln daran etwas ändern.
Zwischen Bestandsregulierung und Luxusreise
Gleichzeitig existiert ein zahlungskräftiger Markt für exklusive Jagdreisen. Kommersant FM beschreibt Angebote mit persönlicher Betreuung, aufwendigem Transport und komfortabler Unterbringung. Ein Anbieter nennt Preise ab 300.000 Rubel pro Tag; besonders exklusive Arrangements könnten eine Million Rubel täglich kosten. Zu den angebotenen Wildarten gehören auch Bären.
Solche Reisen sind jedoch ein anderes Geschäft als die flächendeckende Regulierung von Wildtierbeständen. Sie richten sich nach den Wünschen der Gäste, nach erreichbaren Jagdgebieten und nach der Attraktivität einer Trophäe. Daraus folgt nicht, dass gerade dort genügend Tiere erlegt werden, wo Behörden Konflikte mit der Bevölkerung feststellen.
Zudem können Bären für die Jagdveranstalter selbst zum Risiko werden. Wer seinen Kunden eine Hirschjagd verkauft, muss auch deren Sicherheit organisieren. Lassen sich gefährliche Begegnungen nicht ausreichend vermeiden, kann eine Absage wirtschaftlich vernünftiger sein als die Durchführung der Reise.
Der Streit reicht über Abschusszahlen hinaus
Bereits im September hatte Kommersant unterschiedliche Erklärungen für die zunehmenden Konflikte zusammengetragen. Vertreter des russischen Naturressourcenministeriums verwiesen auf gewachsene Bestände, regional fehlende natürliche Nahrung und eine nachlassende Scheu vor Menschen. Jäger kritisierten Beschränkungen bei Genehmigungen und verlangten erleichterte Bedingungen.
Der im damaligen Bericht zitierte Zoologe und Jagdexperte Krechmar betonte hingegen auch das veränderte Verhalten der Tiere: Bären suchten Nahrung auf Müllplätzen und gewöhnten sich dabei an die Nähe des Menschen. Das Ministerium nannte seinerseits die Verhinderung des Zugangs zu Lebensmittelabfällen als wichtige vorbeugende Maßnahme.
Damit stehen mehrere Aufgaben nebeneinander: Menschen vor gefährlichen Tieren schützen, konkrete Konfliktorte entschärfen und die Bestände fachlich beurteilen. Eine höhere Abschussquote beantwortet nicht automatisch alle drei Fragen. Insbesondere beseitigt sie keine offen zugänglichen Futterquellen an Siedlungen.
Wer übernimmt die praktische Arbeit?
Die neue Meldung über abgesagte Jagdreisen verschiebt deshalb den Blick auf die Umsetzung. Selbst wenn Behörden zusätzliche Abschüsse ermöglichen, braucht es Menschen, die dafür bereitstehen, sowie Organisation und Finanzierung. Ein kommerzieller Jagdmarkt kann diese Aufgaben nur dort übernehmen, wo sie zu seinem Geschäftsmodell passen.
Die geringe Quotenausschöpfung, von der Krechmar berichtet, wäre deshalb ein wichtiger Ausgangspunkt für eine genauere Prüfung. Sie beweist für sich genommen weder, dass überall mehr Bären geschossen werden müssten, noch dass Jagd grundsätzlich wirkungslos wäre. Sie zeigt zunächst, dass zusätzliche Genehmigungen allein noch keine praktische Lösung ergeben.
In Teilen Sibiriens wird diese Lücke bereits sichtbar: Jagdgäste bleiben wegen der Bären aus. Mehr Bärenjagd entsteht daraus offenbar nicht von selbst.

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