Yandex nach den Angriffen: Gebühren erlassen, Vertrauen erschüttert

Yandex nach den Angriffen: Gebühren erlassen, Vertrauen erschüttert

Nach den Angriffen auf seine Rechenzentren verzichtet Yandex vorübergehend auf Gebühren für Cloud- und Bürodienste. Der Betrieb bleibt eingeschränkt. Erfahrungsberichte von Kunden zeigen, wie weit die Folgen über den Konzern hinausreichen – und warum manche bereits zu anderen Anbietern wechseln.

Yandex kommt seinen Kunden nach den massiven Störungen entgegen. Für die Nutzung von Yandex Cloud vom 8. bis 31. Oktober sollen keine Gebühren anfallen, berichtet die Moscow Times. Der Verzicht betrifft nach Angaben von Kommersant die Dienste in den russischen Verfügbarkeitszonen. Auch die Büroplattform Yandex 360 wird bis Ende Oktober kostenlos angeboten.

Bei Yandex 360 gilt die Entlastung laut einer Unternehmensmitteilung vom 13. Oktober sowohl für Privatnutzer als auch für Unternehmen jeder Größe. Guthaben von Organisationen werden vorerst nicht belastet, bevorstehende Zahlungen für persönliche Monats- und Jahresabonnements verschoben. Zugleich räumt Yandex ein, dass die Dienste weiterhin mit Unterbrechungen arbeiten können. Einzelne Funktionen seien eingeschränkt worden, um die Infrastruktur zu entlasten und grundlegende Arbeitsabläufe aufrechtzuerhalten.

Wenn die Reserve selbst getroffen wird

Zwischen dem 8. und 11. Oktober wurden drei Rechenzentren des Konzerns von ukrainischen Drohnen angegriffen: in Sasowo im Gebiet Rjasan, in Kaluga und im Gebiet Wladimir. Nach Berichten von Meduza wurden die Standorte in Sasowo und im Gebiet Wladimir vollständig stillgelegt. Die Folgen erfassten neben Yandex-Angeboten zahlreiche Unternehmen, die dessen Infrastruktur nutzen.

Meduza verweist unter Berufung auf die BBC darauf, dass Yandex die Abschaltung eines einzelnen Rechenzentrums und die Verlagerung seiner Last auf andere Standorte geübt habe. Die Angriffe auf mehrere Anlagen innerhalb weniger Tage stellten das Unternehmen jedoch vor eine andere Größenordnung.

Yandex Cloud empfiehlt auf seiner eigenen Statusseite, alternative Plattformen für die schnellere Bereitstellung und zusätzliche Absicherung von Ressourcen in Betracht zu ziehen. Zusätzliche Ressourcenkontingente waren vorübergehend ausgesetzt. Für betroffene Unternehmen bedeutet das: Sie müssen ihre Dienste möglicherweise anderswo wieder zum Laufen bringen, während Yandex noch repariert.

Die Abhängigkeit wird im Alltag sichtbar

Wie solche Ausfälle praktisch wirken, zeigen Leserberichte, die Meduza am 13. Oktober veröffentlichte. Sie sind individuelle Schilderungen, keine repräsentative Bestandsaufnahme.

Eine Kundin aus Moskau berichtet von einer Taxifahrt, bei der die App noch nach einem Fahrzeug suchte, obwohl der Fahrer bereits unterwegs war. Nach der Fahrt ließ sich die Zahlung nicht wie vorgesehen abwickeln. Schließlich halfen Freunde mit Bargeld.

Eine Lehrkraft in Italien schildert ausgefallene Unterrichtsstunden und fehlenden Zugriff auf Materialien der Plattform Edvibe. Dass der Dienst von Yandex-Infrastruktur abhing, sei ihr vorher nicht bewusst gewesen.

Ein Unternehmer aus Lissabon berichtet wiederum, sein Team habe nach dem Angriff im Gebiet Wladimir Daten aus Sicherungskopien wiederhergestellt und zu einer anderen Plattform verlagert. Künftig wolle er mehrere Anbieter zur Absicherung nutzen. Zu Yandex Cloud werde er auch nach einer Wiederherstellung nicht zurückkehren.

Solche Berichte machen eine Abhängigkeit sichtbar, die für die Nutzer im normalen Betrieb oft verborgen bleibt: Hinter unterschiedlichen Apps und Angeboten kann dieselbe technische Infrastruktur stehen.

Kostenlose Nutzung ersetzt keinen verlässlichen Betrieb

Mit dem Gebührenverzicht versucht Yandex, Kunden während der Wiederherstellung zu entlasten. Ausgefallene Umsätze, unterbrochene Arbeitsabläufe und der Aufwand eines Anbieterwechsels werden dadurch jedoch nicht rückgängig gemacht. Aus einzelnen Abwanderungsankündigungen lässt sich bislang kein allgemeiner Kundenschwund ableiten. Sie zeigen aber, dass es neben der Reparatur der Technik auch um Vertrauen geht.

Wie lange die vollständige Wiederherstellung dauern wird, bleibt offen. Die von Kommersant unter Berufung auf einen Branchenvertreter genannten Lieferzeiten von bis zu sechs Monaten betreffen Ersatztechnik. Daraus folgt nicht, dass sämtliche betroffenen Dienste ebenso lange ausfallen werden. Ebenso ist ein vorübergehend fehlender Zugriff auf Dateien noch kein Beleg für einen endgültigen Datenverlust.

Für Yandex reicht es deshalb nicht, seine Angebote wieder erreichbar zu machen. Der Konzern muss Kunden auch davon überzeugen, dass sie ihre Arbeit künftig verlässlich auf seiner Infrastruktur organisieren können. Einige beginnen bereits, diese Sicherheit auf mehrere Anbieter zu verteilen.

COMMENTS