Goethe muss für Leipzig büßen: Russland kappt eine der letzten Kulturbrücken

Russland will die Goethe-Institute im Land schließen. Außenminister Sergej Lawrow kündigte den Schritt am Donnerstag auf dem Östlichen Wirtschaftsforum in Wladiwostok als Antwort auf die geplante Schließung des Russischen Hauses in Berlin an.

„Natürlich werden sie geschlossen, nachdem unser Kulturzentrum von dort vertrieben wurde“, erklärte Lawrow. Andernfalls würde Russland sich selbst nicht respektieren. Deutschland habe mit seiner Entscheidung bewusst das Ende seiner kulturellen Präsenz in Russland in Kauf genommen.

Die russische Regierung reagiert damit auf Maßnahmen, die Berlin nach dem vereitelten Drohnenanschlag auf den Flughafen Leipzig/Halle beschlossen hatte. Anfang August war dort in der Nähe eines ukrainischen Transportflugzeugs eine mit Sprengstoff präparierte Drohne entdeckt worden. Nach Einschätzung deutscher Ermittler und Nachrichtendienste handelten die Beteiligten im Auftrag russischer staatlicher Stellen. Moskau bestreitet jede Verantwortung und wirft Deutschland vor, Beweise konstruiert zu haben.

Die Bundesregierung will das russische Generalkonsulat in Bonn zum 18. September schließen und das Abkommen über den Betrieb des Russischen Hauses in Berlin kündigen. Die dort beschäftigten russischen Diplomaten und Mitarbeiter dürfen nach Angaben des russischen Botschafters Sergej Netschajew nicht in den Personalbestand der Berliner Botschaft übernommen werden, sondern müssen Deutschland verlassen. Damit verringern sich auch die Möglichkeiten Russlands, konsularische Dienstleistungen anzubieten. Nach Angaben der Botschaft kann zudem die für den 20. September geplante Stimmabgabe zur russischen Staatsdumawahl in Bonn nicht mehr organisiert werden.

Das Russische Haus soll aufgrund der Kündigungsfristen noch bis Mitte 2027 bestehen bleiben. Die russische Antwort auf die geplante Schließung soll offenbar wesentlich schneller erfolgen. Einen Termin für das Ende der Goethe-Institute nannte Lawrow allerdings nicht.

Moskau nennt die Vergeltung symmetrisch

Auf den ersten Blick folgt die Reaktion dem vertrauten diplomatischen Prinzip der Gegenseitigkeit: Schließt Deutschland ein russisches Kulturzentrum, schließt Russland deutsche Kulturzentren. Tatsächlich sind die Folgen jedoch nicht ganz symmetrisch.

Das Russische Haus in Berlin wird von Rossotrudnitschestwo betrieben, einer unmittelbar der russischen Regierung unterstellten Behörde. Die EU setzte die Organisation 2022 auf ihre Sanktionsliste. Deutsche Ermittler prüften außerdem, ob der Betrieb des Hauses gegen diese Sanktionen verstieß. Die Bundesregierung erklärt inzwischen, die Einrichtung diene weder der Wissenschaft noch einem offenen kulturellen Austausch.

Das Goethe-Institut ist dagegen zwar ein zentraler Träger der deutschen Auswärtigen Kulturpolitik und wird überwiegend aus dem Bundeshaushalt finanziert. Seine konkrete Arbeit in Russland besteht jedoch vor allem aus Sprachkursen, Prüfungen, Bibliotheken, Lehrerfortbildungen und kulturellen Kontakten. Von seiner Schließung wären daher weniger deutsche Regierungsstellen als russische Deutschlernende, Lehrer, Studenten und Kulturschaffende betroffen.

Bereits seit 2023 arbeitet das Goethe-Institut in Russland nur noch im Notbetrieb. Damals begrenzte Moskau die Zahl der Beschäftigten deutscher Auslandsvertretungen und Mittlerorganisationen. Von ursprünglich rund 200 Mitarbeitern blieben zuletzt lediglich etwa 15. Der Standort Nowosibirsk wurde weitgehend geschlossen, persönliche Kulturveranstaltungen wurden stark reduziert und viele Angebote ins Internet verlagert.

Trotzdem nahmen nach Angaben des Instituts weiterhin etwa 10.000 Menschen an Sprachkursen teil. Pro Jahr wurden rund 22.000 Sprachprüfungen abgenommen. Die Bibliotheken in Moskau und Sankt Petersburg verzeichneten zuletzt bis zu 6.700 Besucher. Das Goethe-Institut gehörte damit zu den letzten unmittelbar in die russische Gesellschaft hineinwirkenden deutschen Einrichtungen.

Lawrows eigenwillige Standortangabe

Bemerkenswert ist auch, dass Lawrow Goethe-Institute in Moskau, Sankt Petersburg und Jekaterinburg nannte. Das Institut selbst führt dagegen Moskau, Sankt Petersburg und Nowosibirsk als seine drei russischen Standorte. In Jekaterinburg arbeitet ein eigenständiges Sprachlernzentrum als akkreditierter Partner des Goethe-Instituts. Ob sich die angekündigte Schließung auch auf solche russischen Partnereinrichtungen erstrecken soll, ist bislang unklar.

Sollte Moskau nicht nur die verbleibenden Institute, sondern das gesamte Netz von Sprachlern- und Prüfungszentren treffen, wären die Folgen erheblich größer. Goethe-Zertifikate werden unter anderem für Studium, Berufstätigkeit und Familiennachzug nach Deutschland benötigt. Bereits 2023 mussten Prüfungen zeitweise abgesagt werden, nachdem russische Behörden Konten des Goethe-Instituts gesperrt hatten.

Die Vergeltung trifft den verbliebenen Austausch

Die Schließung des Bonner Generalkonsulats ist Bestandteil einer deutschen Reaktion auf einen Russland zugeschriebenen Anschlagsversuch. Moskau antwortet darauf mit der vollständigen Beseitigung einer kulturellen Infrastruktur, die seit 1992 aufgebaut wurde und selbst nach Beginn des Krieges gegen die Ukraine noch weiterarbeitete.

Lawrows Formulierung, Russland könne sich andernfalls „nicht selbst respektieren“, macht deutlich, nach welcher Logik die Entscheidung getroffen wurde: Nicht der konkrete Nutzen oder die politische Funktion einer Einrichtung ist entscheidend, sondern die sichtbare Gleichwertigkeit der Vergeltung.

Am Ende verlieren beide Seiten weitere Möglichkeiten des direkten Kontakts. Den unmittelbarsten Preis zahlen jedoch russische Bürger, die Deutsch lernen, deutsche Literatur lesen, ein Studium vorbereiten oder persönliche Beziehungen nach Deutschland pflegen. Aus einem Sprengstofffund auf einem Flughafen wird so innerhalb weniger Tage das Ende einer mehr als drei Jahrzehnte alten Kulturarbeit.

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