Russlands Fernostforum 2026: Große Pläne treffen auf eine überkühlte Wirtschaft

Das Östliche Wirtschaftsforum in Wladiwostok sollte erneut demonstrieren, dass Russlands Zukunft im Fernen Osten und in der Zusammenarbeit mit Asien liegt. Die Bilanz des politisch wichtigsten Forumstags zeigt jedoch zwei sehr unterschiedliche Wirklichkeiten: Auf der Bühne wurden Investitionen in Billionenhöhe, neue Verkehrswege und technologische Großprojekte präsentiert. In den Diskussionen war zugleich von einer überkühlten Wirtschaft, fehlenden Schiffen, verschobenen Flugzeugprogrammen und einer weiterhin unvollständigen industriellen Unabhängigkeit die Rede.

Das elfte Östliche Wirtschaftsforum stand unter dem Motto „Der Ferne Osten – Entwicklung zum Wohle der Menschen“. Nach vorläufigen Angaben wurden Vereinbarungen im Gesamtwert von mehr als sechs Billionen Rubel unterzeichnet. Solche Summen sind allerdings mit Vorsicht zu betrachten: Zu den Forumsergebnissen zählen regelmäßig Absichtserklärungen, Rahmenvereinbarungen und langfristige Projekte, deren tatsächliche Finanzierung und Umsetzung noch nicht gesichert sind.

Präsident Wladimir Putin nutzte seine Rede, um den Fernen Osten erneut zum künftigen Wachstumszentrum Russlands zu erklären. Innerhalb von elf Jahren seien dort rund 25 Billionen Rubel investiert worden, das Bruttoregionalprodukt habe sich mehr als verdreifacht. Ob sich diese Verdreifachung auf nominale oder preisbereinigte Werte bezieht, führte der Präsident nicht aus.

Eine neue Runde von Vergünstigungen

Als wichtigste strukturelle Neuerung kündigte Putin für den 1. Januar 2027 ein einheitliches Präferenzsystem für den gesamten Fernen Osten und die russische Arktis an. Bislang hängen Steuer-, Zoll- und Infrastrukturvergünstigungen häufig davon ab, ob ein Unternehmen innerhalb eines besonders ausgewiesenen Entwicklungsgebiets oder des Freihafens Wladiwostok angesiedelt ist. Künftig sollen Art und Bedeutung eines Projekts wichtiger sein als sein genauer Standort.

Die bestehenden Vergünstigungen für bereits zugelassene Unternehmen sollen erhalten bleiben. Gleichzeitig versprach Putin, die Förderung auf neue Projekte in der gesamten Makroregion auszuweiten und bürokratische Hindernisse abzubauen.

Die Ankündigung kann allerdings auch als Eingeständnis verstanden werden, dass das bisherige Nebeneinander zahlreicher Sonderwirtschaftszonen, Entwicklungsgebiete und Einzelregelungen zu kompliziert geworden ist. Schon am ersten Forumstag diskutierten Unternehmer und Behörden darüber, ob die gewährten Steuererleichterungen Investitionen tatsächlich auslösen oder häufig nur Projekte subventionieren, die ohnehin realisiert worden wären.

Der Gastgeber spricht vom Wachstum, Gref von Überkühlung

Den deutlichsten Kontrapunkt zur offiziellen Aufbruchsrhetorik setzte Sberbank-Chef German Gref. Die russische Wirtschaft befinde sich bereits in einer Phase der „Überkühlung“, erklärte er. Das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 0,6 Prozent im ersten Halbjahr liege deutlich unter dem von der Zentralbank geschätzten Potenzial von 1,5 bis 2,5 Prozent.

Eine spürbare Wende erwartet Gref erst, wenn die Kreditzinsen auf ein Niveau von zehn bis zwölf Prozent zurückkehren. Der Leitzins beträgt derzeit 14 Prozent. Für 2026 rechnet die Sberbank im Jahresdurchschnitt weiterhin mit 13 bis 13,5 Prozent; zwischenzeitliche Pausen bei weiteren Zinssenkungen seien möglich.

Damit beschrieb Gref dasselbe Dilemma wie Putin, allerdings mit einem anderen Akzent. Der Präsident verteidigte die restriktive Geldpolitik als notwendigen Schutz vor einer neuen Inflationswelle und warnte ebenfalls davor, die Wirtschaft zu stark abzukühlen. Gref erklärte dagegen, diese Überkühlung sei bereits eingetreten und die Unternehmen benötigten Hilfe.

Auch die übrigen Daten passen nur begrenzt zur Erzählung eines neuen Wachstumszentrums. Die Industrieproduktion stagnierte im ersten Halbjahr, die realen Investitionen in Sachanlagen sanken um 9,9 Prozent. Wirtschaftsminister Maxim Reschetnikow erwartet eine Rückkehr des Investitionswachstums inzwischen erst 2028.

Verlassene Autofabriken haben Partner – aber noch keine eigene Technik

Industrieminister Anton Alichanow meldete, für alle 13 Autofabriken, die nach 2022 von ausländischen Herstellern verlassen worden waren, seien neue Technologiepartner gefunden worden. Die Produktionsstätten befänden sich unter Kontrolle russischer Eigentümer; auch in Russland neu entstehende Technologien und Konstruktionsunterlagen sollten im Land bleiben.

Von Januar bis August wurden nach Angaben des Ministers mehr als 940.000 neue Fahrzeuge verkauft, sieben Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Programme für vergünstigte Autokredite und Leasing sollen 2027 ungefähr im bisherigen Umfang fortgesetzt werden.

Noch am selben Forumstag wurde jedoch deutlich, wie begrenzt die neue automobile Unabhängigkeit ist. Große chinesische Hersteller von Fahrzeugkomponenten zeigen bislang kaum Interesse daran, ihre Produktion nach Russland zu verlagern. Sie fürchten um die Sicherheit ihres Kapitals, benötigen Genehmigungen aus Peking und beliefern russische Montagewerke lieber weiterhin aus China. Mehrere unter russischen Markennamen produzierte Fahrzeuge bleiben deshalb von chinesischen Modellen, Komponenten und Entwicklungsentscheidungen abhängig.

Russland hat somit für die verlassenen Werke neue Partner gefunden, aber die westlichen Lieferketten vielfach nur durch chinesische ersetzt. Die Montage kehrt zurück; eine selbstständige Komponenten- und Entwicklungsbasis entsteht wesentlich langsamer.

28 Superjets warten auf ihre Zulassung

Auch in der zivilen Luftfahrt stand eine Erfolgsmeldung neben einer weiteren Terminverschiebung. Nach Angaben Alichanows befinden sich 28 auf russische Komponenten umgestellte Regionalflugzeuge vom Typ SJ-100 in Produktion. Die Zertifizierung werde nun im Frühjahr 2027 erwartet; anschließend sollen die Auslieferungen beginnen.

Noch im Frühjahr war von ersten Lieferungen Ende 2026 oder Anfang 2027 die Rede gewesen. Bereits zuvor waren die Termine des Programms mehrfach verschoben worden. Dass 28 Flugzeuge parallel gebaut werden, zeigt den politischen und wirtschaftlichen Druck, die Flotte möglichst schnell zu erneuern. Solange die Zulassung fehlt, können sie jedoch nicht im regulären Passagierverkehr eingesetzt werden.

Der Nördliche Seeweg braucht erst einmal Schiffe

Der Ausbau des Nördlichen Seewegs bildete erneut einen Schwerpunkt des Forums. Russland will die arktische Route ganzjährig befahrbar machen, Häfen und Flusssysteme miteinander verbinden und daraus einen Transarktischen Transportkorridor schaffen.

Rosatom-Chef Alexej Lichatschow benannte zugleich eine zentrale Lücke: Für einen regelmäßigen Containerverkehr würden Dutzende eisgängige Containerschiffe benötigt. Entscheidungen über deren Bau erwarte er Anfang 2027. Russland besitzt zwar eine wachsende Eisbrecherflotte, aber noch nicht die Frachtschiffe, mit denen sich die angekündigten Transportmengen zuverlässig bewältigen ließen.

Hinzu kommt die schwache Lage auf dem übrigen Verkehrsmarkt. Die Gütermenge auf dem Netz der Russischen Eisenbahn könnte 2026 erneut unter dem Vorjahreswert bleiben. Damit stehen den langfristigen Plänen für neue Korridore gegenwärtig sinkende Transportmengen im bestehenden Netz gegenüber.

Raffinerien, Treibstoffimporte und ein niedrigerer Ölpreis

Auch die Energiepolitik war stärker von aktuellen Engpässen geprägt, als es zu einem Investitionsforum passen möchte. Vizepremier Alexander Nowak erklärte, mehrere Raffinerien hätten zusätzliche Kraftstoffmengen auf den Binnenmarkt gebracht. Gleichzeitig arbeite Russland an Treibstoffimporten aus benachbarten Ländern. Rund zehn Prozent der betroffenen Raffineriekapazitäten müssten noch repariert werden.

Die Regierung reagiert damit auf die Folgen wiederholter ukrainischer Drohnenangriffe, Wartungsprobleme und zeitweise hohe Kraftstoffpreise. Noch am Vortag hatte Nowak vorgerechnet, dass der Produktionsausfall einer Raffinerie teurer sei als deren Schutz durch Flugabwehr.

Zugleich erwägt die Regierung, die im Haushaltsmechanismus zugrunde gelegte Ölpreisgrenze von derzeit 59 auf 50 Dollar pro Barrel zu senken. Das würde den Haushalt vorsichtiger gegenüber dauerhaft niedrigeren Öleinnahmen machen, zugleich aber in guten Jahren größere Einnahmen in die Reserven umleiten. Dass eine solche Anpassung diskutiert wird, zeigt, dass Moskau nicht mehr selbstverständlich mit den hohen Exporterlösen der vergangenen Jahre rechnet.

Der Osten als Versprechen und Notwendigkeit

Internationale Gäste aus Indonesien, China, der Mongolei und anderen asiatischen Staaten sollten unterstreichen, dass Russland trotz der weitgehenden politischen und wirtschaftlichen Trennung vom Westen nicht isoliert ist. Indonesiens Präsident Prabowo Subianto warb für eine direkte Verbindung nach Wladiwostok und für Kooperation in Raumfahrt, Verkehr, Ernährung und Energie. Der Handel werde zunehmend als Waffe eingesetzt, deshalb brauche die Welt alternative Finanz- und Transportsysteme.

Konkrete Projekte gab es ebenfalls: In der Region Primorje soll ein großer Produktionskomplex für anspruchsvolle Halbleiter entstehen. Rosatom und die kasachische Betreibergesellschaft schlossen einen Vertrag über den Bau des Kernkraftwerks Balchasch. FESCO eröffnete eine Vertretung in Indonesien, um den Containerverkehr auszubauen.

Daneben gehörten aber auch ein noch nicht lokalisierter russisch-chinesischer Freizeitpark, die Suche nach zehn Unternehmen für den Börsengang und zahlreiche weitere Absichtserklärungen zur Bilanz. Sie zeigen die typische Mischung solcher Foren aus realen Investitionen, politischen Signalen und Projekten, die zunächst vor allem auf Präsentationsfolien existieren.

Das Östliche Wirtschaftsforum 2026 bestätigte damit vor allem, wie sehr der Ferne Osten für Moskau zugleich Versprechen und Notwendigkeit geworden ist. Russland braucht neue Absatzmärkte, neue Lieferanten, neue Verkehrswege und asiatisches Kapital. Es kann auf beträchtliche Investitionen und einzelne Fortschritte verweisen. Doch viele der auf dem Forum verkündeten Vorhaben sollen erst 2027 oder später wirksam werden.

Die Gegenwart sieht nüchterner aus: Die Wirtschaft wächst kaum, Investitionen sinken, Unternehmen leiden unter hohen Zinsen, Raffinerien werden repariert, Flugzeuge warten auf ihre Zulassung und für den großen arktischen Transportkorridor fehlen die Containerschiffe. Wladiwostok präsentierte die russische Zukunft im Osten – und lieferte zugleich eine recht genaue Bestandsaufnahme dessen, was auf dem Weg dorthin noch fehlt.

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