Russlands Vizepremierministerin Tatjana Golikowa nennt die demografische Situation des Landes „schwierig, aber unter Kontrolle“. Tatsächlich brechen die Geburtenzahlen ein. Seit dem Frühjahr 2025 veröffentlicht die Statistikbehörde jedoch kaum noch aktuelle Daten. Kontrolliert wird offenbar vor allem, was die Öffentlichkeit über die Krise erfahren darf.
„Wir haben eine schwierige demografische Situation, aber dennoch ist sie unter Kontrolle“, sagte Tatjana Golikowa während einer Reise in die Region Swerdlowsk. Die stellvertretende Regierungschefin verwies darauf, dass der dortige zusammengefasste Geburtenkoeffizient sieben Prozent über dem russischen Durchschnitt liege.
Das klingt zunächst nach einer Erfolgsmeldung. Doch sieben Prozent mehr als sehr wenig sind noch immer sehr wenig.
Ende 2025 lag der russische Geburtenkoeffizient nach Angaben von Kommersant bei rund 1,37 Kindern je Frau. Auf Swerdlowsk umgerechnet ergäbe das ungefähr 1,47 Kinder. Zur einfachen Erhaltung der Bevölkerung wären etwa 2,1 Kinder je Frau notwendig. Auch die offiziell festgelegten Ziele bleiben weit darunter: Bis 2030 soll der Koeffizient auf 1,6 und bis 2036 auf 1,8 steigen.
Selbst wenn die Regierung ihre Ziele vollständig erreicht, würde die russische Bevölkerung ohne Zuwanderung weiter schrumpfen.
Immer weniger Kinder
2024 wurden in Russland nach Angaben von Rosstat 1,222 Millionen Kinder geboren. Anfang 2025 lebten im Land noch rund 146 Millionen Menschen – etwa 178.000 weniger als ein Jahr zuvor. Dass der Rückgang nicht erheblich größer ausfiel, lag an der Zuwanderung. Die natürliche Bevölkerungsentwicklung, also die Differenz zwischen Geburten und Sterbefällen, war wesentlich schlechter.
Im ersten Quartal 2025 verschärfte sich die Entwicklung weiter. Nach den letzten veröffentlichten Rosstat-Daten kamen von Januar bis März 288.800 Kinder zur Welt – rund 11,5 Prozent weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Gleichzeitig starben etwa 471.800 Menschen. Innerhalb von drei Monaten ergab sich damit ein natürlicher Bevölkerungsverlust von rund 183.000 Menschen.
Im März 2025 wurden durchschnittlich nur noch gut 3.000 Kinder pro Tag geboren. Der unabhängige Demograf Alexej Rakscha bezeichnete dies als den niedrigsten Wert seit Beginn der regelmäßigen Erfassung vor fast 200 Jahren.
Dann verschwanden die Zahlen.
Krise ohne Messwerte
Seit dem Frühjahr 2025 veröffentlicht Rosstat keine aktuelle monatliche Statistik über Geburten, Todesfälle, Eheschließungen und Scheidungen mehr. Auch regionale Daten und detaillierte Angaben zu Todesursachen wurden aus dem öffentlichen Angebot entfernt oder nicht mehr aktualisiert.
Damit lässt sich eine der wichtigsten gesellschaftlichen Entwicklungen Russlands von außen kaum noch überprüfen. Weder unabhängige Wissenschaftler noch Journalisten können zuverlässig feststellen, ob staatliche Förderprogramme wirken, welche Regionen besonders betroffen sind und wie schnell die Bevölkerung tatsächlich schrumpft.
Die Regierung verfügt selbstverständlich weiterhin über die Daten. Öffentlich präsentiert sie jedoch nur ausgewählte Kennziffern: einzelne Regionen mit leicht steigenden Geburtenkoeffizienten, die wachsende Zahl offiziell anerkannter kinderreicher Familien oder neue Förderprogramme.
Golikowas Hinweis auf Swerdlowsk ist dafür beispielhaft. Die Region liegt zwar sieben Prozent über dem Landesdurchschnitt. Über die absolute Höhe des Geburtenkoeffizienten, seine Entwicklung über mehrere Jahre und die tatsächliche Zahl der Neugeborenen sagte die Vizepremierministerin nichts.
So wird aus einem relativen Vorsprung innerhalb einer landesweiten Krise eine positive Nachricht.
Ziele weit unter dem Bestandserhalt
Die russische Regierung versucht seit Jahren, die Geburtenrate mit finanziellen Hilfen, vergünstigten Hypotheken und dem sogenannten Mutterschaftskapital zu erhöhen. Seit 2025 läuft das nationale Projekt „Familie“. Ab 2026 sollen die Geburtenzahlen außerdem in die Leistungsbewertung der Gouverneure einfließen.
Vorgesehen sind regionale Programme aus einem „demografischen Menü“. Dazu gehören unter anderem Einmalzahlungen von mindestens 200.000 Rubel für Studentinnen, die während ihrer Ausbildung ein Kind bekommen.
Solche Maßnahmen können einzelnen Familien helfen. Sie verändern jedoch wenig an den strukturellen Ursachen: hohe Wohnkosten, unsichere Einkommen, fehlende Betreuungsangebote und die Sorge vieler junger Menschen vor einer unberechenbaren Zukunft.
Hinzu kommt ein demografisches Echo der 1990er-Jahre. Die damals besonders kleinen Geburtsjahrgänge erreichen heute das Alter, in dem Familien gegründet werden. Selbst eine steigende durchschnittliche Kinderzahl je Frau könnte daher den Rückgang der absoluten Geburtenzahl zunächst kaum stoppen.
Der Krieg gegen die Ukraine verschärft die Unsicherheit zusätzlich. Er bindet staatliche Mittel, kostet Menschenleben und hat Hunderttausende überwiegend jüngere Russen zur Auswanderung bewegt. Wie groß die Folgen für die Bevölkerungsentwicklung tatsächlich sind, lässt sich auch deshalb nicht genau bestimmen, weil immer mehr der dafür benötigten Daten fehlen.
Unter Kontrolle
Dass eine Regierung eine Entwicklung kontrolliert, müsste bedeuten, dass sie deren Ursachen kennt, ihre Auswirkungen messen kann und mit ihren Maßnahmen erkennbar gegensteuert.
In Russland bedeutet „unter Kontrolle“ inzwischen offenbar etwas anderes: Die Regierung besitzt die Zahlen, entscheidet aber selbst, welche davon öffentlich werden. Negative landesweite Entwicklungen verschwinden hinter einzelnen regionalen Erfolgsmeldungen. Politische Zielwerte werden so gesetzt, dass selbst ihre Erfüllung den Bevölkerungsrückgang nicht beendet.
Die demografische Krise ist nicht unter Kontrolle. Unter Kontrolle ist vor allem die Statistik über die demografische Krise.

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