Die Zahl ausländischer Touristen in Russland ist im ersten Halbjahr 2026 deutlich zurückgegangen. Nach Angaben der Statistikbehörde Rosstat unternahmen Ausländer von Januar bis Juni 2,99 Millionen touristische Reisen in das Land. Das waren 19,6 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum und zugleich der niedrigste Halbjahreswert seit 2021.
Branchenvertreter bestätigen die negative Entwicklung. Der Verband russischer Reiseveranstalter ATOR schätzt den Rückgang auf etwa 15 Prozent, einzelne Veranstalter gehen von rund 20 Prozent aus. Während der Markt zu Jahresbeginn noch ein für die Wintermonate ungewöhnliches Wachstum verzeichnete, verschlechterte sich die Lage ab März deutlich. Im Sommer habe sich der Rückgang nochmals verstärkt.
Besonders schwer wiegt die Entwicklung in China. Im vergangenen Jahr kamen nach Angaben des russischen Grenzschutzes 50,8 Prozent aller ausländischen Touristen aus der Volksrepublik. Mit großem Abstand folgten Saudi-Arabien, Turkmenistan, die Türkei, Deutschland und die Vereinigten Arabischen Emirate. Inzwischen geht die Nachfrage auch aus China zurück – obwohl seit September 2025 Visafreiheit gilt und diese Regelung bis Ende 2027 verlängert wurde.
Russland hatte den Zugang für ausländische Besucher in den vergangenen Jahren erleichtert. Seit 2023 können Bürger zahlreicher Staaten elektronische Visa beantragen; derzeit steht das Verfahren Reisenden aus 64 Ländern offen. Der erhoffte dauerhafte Aufschwung blieb jedoch aus.
Als eine Ursache nennt die Branche den Krieg im Nahen Osten. Die Eskalation seit März und die damit verbundenen Einschränkungen im Flugverkehr erschwerten nicht nur Touristen aus der Region die Reise nach Russland. Auch Verbindungen aus Südostasien waren betroffen, weil wichtige Umsteigeflughäfen ausfielen oder Flugprogramme eingeschränkt wurden.
Hinzu kommen Probleme innerhalb Russlands. Wiederholte Sperrungen von Flughäfen machen die Planung von Rundreisen unsicher. Berichte über die Kraftstoffkrise und mögliche Auswirkungen auf Reisebusse hätten ebenfalls abschreckend gewirkt. Gleichzeitig verteuert der starke Rubel den Aufenthalt für ausländische Gäste.
Hotelbranche spürt den Rückgang
Die schwächere Nachfrage trifft inzwischen auch Russlands Hotelwirtschaft. Im ersten Halbjahr wurden 2.130 Unternehmen aufgelöst, deren Hauptgeschäft im Hotel- oder Kurwesen lag. Das waren 21,8 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Gleichzeitig sank die Zahl neu registrierter Unternehmen und Einzelunternehmer um 5,6 Prozent auf 3.090.
Zwar wuchs die Gesamtzahl der in der Branche tätigen Unternehmen noch um 2,9 Prozent auf 42.470. Im Vorjahr hatte der Zuwachs jedoch noch 4,5 Prozent betragen. Neben der sinkenden Nachfrage belasten hohe Finanzierungskosten, fehlende professionelle Betreiber und eine rückläufige Rentabilität die Investitionsbereitschaft.
In Moskau sank die durchschnittliche Auslastung der Hotels im ersten Halbjahr um zwei Prozentpunkte auf 69 Prozent. Besonders stark traf es die Luxushotels: Dort brach die Belegung um acht Prozentpunkte auf nur noch 42 Prozent ein. Zugleich ging die Zahl der Geschäftsreisenden in die russische Hauptstadt um zwölf Prozent zurück. Als ein Grund gilt, dass weniger große politische und wirtschaftliche Veranstaltungen stattfanden.
Um zusätzliche Gäste anzulocken, senken viele Hotels ihre Preise. Eine verkaufte Übernachtung kostete in Moskau im Durchschnitt 6.100 Rubel und damit fünf Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. In Sankt Petersburg sank der Preis um drei Prozent auf 5.500 Rubel, in Sotschi ebenfalls um drei Prozent auf 5.200 Rubel.
Bei den höherwertigen Moskauer Hotels ging der durchschnittliche Zimmerpreis um sechs Prozent auf 20.400 Rubel zurück. Gleichzeitig sank der Erlös pro verfügbarem Zimmer um sechs Prozent auf 7.200 Rubel.
Widersprüchliche Statistiken
Das Wirtschaftsministerium zeichnet dennoch ein günstigeres Bild. Es verweist auf die Zahl ausländischer Gäste, die von Januar bis Mai in russischen Hotels registriert wurden. Diese sei um 23 Prozent gestiegen. Rosstat zählt dagegen touristische Reisen und bezieht dabei auch Einreisen aus den angrenzenden Staaten ein.
Die unterschiedlichen Methoden erklären einen Teil des Widerspruchs. Die tatsächlichen Geschäftszahlen der Hotels sprechen jedoch nicht für einen allgemeinen Aufschwung. Azimut Hotels meldet weniger ausländische Gäste, insbesondere aus dem Nahen Osten. Bei der Cosmos Hotel Group betrug das Wachstum lediglich 3,4 Prozent. Sinkende Auslastung, fallende Zimmerpreise und die steigende Zahl von Betriebsschließungen zeigen, dass ein rechnerisches Plus bei den registrierten ausländischen Hotelgästen nicht automatisch höhere Einnahmen für die Branche bedeutet.
Für den Herbst liegen den Reiseveranstaltern nach eigenen Angaben zahlreiche Anfragen vor. Ob daraus tatsächliche Buchungen werden, hängt jedoch vom Flugverkehr und der weiteren politischen Entwicklung ab. Branchenvertreter halten es bereits für unwahrscheinlich, dass der bisherige Rückgang bis zum Jahresende noch ausgeglichen werden kann.

COMMENTS