Die mehrwöchige Abwesenheit der russischen Zentralbankchefin Elwira Nabiullina von wichtigen öffentlichen Terminen hat in Moskau Spekulationen ausgelöst. Nun ist die offizielle Erklärung bekannt: Nabiullina sei krank gewesen und habe zeitweise ihre Stimme verloren. Nach Angaben von Quellen der Financial Times, auf die sich The Bell beruft, soll es sich um eine schwere Atemwegsinfektion gehandelt haben.
Auffällig war Nabiullinas Fehlen vor allem deshalb, weil sie seit Anfang Juni mehrere Termine verpasst hatte – darunter auch das St. Petersburger Internationale Wirtschaftsforum und ein Treffen bei Präsident Wladimir Putin. Gerade beim SPIEF, das der Kreml traditionell als Schaufenster der russischen Wirtschaftspolitik nutzt, fiel die Abwesenheit der Zentralbankchefin besonders auf. Der Kreml und die Zentralbank hatten bereits zuvor auf eine Erkrankung verwiesen, doch die Dauer der Abwesenheit ließ in russischen und westlichen Medien Raum für weitergehende Deutungen.
Diese Spekulationen trafen auf einen ohnehin angespannten wirtschaftspolitischen Hintergrund. Nabiullina gilt seit Jahren als Garantin einer relativ orthodoxen Geldpolitik. In Russland wächst jedoch seit Monaten der Druck aus Wirtschaft und Politik auf die Zentralbank, die hohen Zinsen schneller zu senken. Unternehmerverbände und Teile des Staatsapparats argumentieren, teure Kredite bremsten Investitionen und Wachstum. Die Zentralbank dagegen verweist auf Inflationsrisiken, hohe Staatsausgaben und eine weiterhin angespannte Arbeitsmarktlage.
Die Sitzung des Zentralbank-Direktoriums am 19. Juni lieferte dazu ein deutliches Signal. Die Bank von Russland senkte den Leitzins nur um 25 Basispunkte auf 14,25 Prozent. Viele Experten hatten mit einem stärkeren Schritt von 50 Basispunkten gerechnet. Damit entsprach die Zentralbank zwar formal dem Wunsch nach weiterer Lockerung, blieb aber in der Sache vorsichtig. Die Senkung war eher ein symbolischer Schritt als ein wirklicher Kurswechsel.
In ihrer Begründung verwies die Zentralbank auf mehrere gegenläufige Entwicklungen. Einerseits habe sich der Preisdruck zuletzt abgeschwächt, die jährliche Inflation lag Mitte Juni bei 5,6 Prozent. Andererseits blieben die Inflationserwartungen erhöht, die Kreditvergabe ziehe wieder an, und die Fiskalpolitik werde auf Sicht der nächsten Jahre expansiver ausfallen als bislang angenommen. Besonders bemerkenswert war der Hinweis, dass ein anhaltender primärer struktureller Haushaltsdefizit bis 2029 eine straffere Geldpolitik erforderlich machen könne.
Damit adressierte die Zentralbank indirekt ein zentrales Problem der russischen Kriegswirtschaft: Die Regierung will hohe Ausgaben finanzieren, zugleich aber niedrigere Zinsen für Unternehmen und Verbraucher. Nabiullinas Institution macht deutlich, dass beides nur begrenzt zusammenpasst. Solange der Staat mit hohen Ausgaben zusätzliche Nachfrage schafft und Inflationsdruck erzeugt, bleibt der Spielraum für deutliche Zinssenkungen begrenzt.
Vor diesem Hintergrund wurde Nabiullinas Erkrankung politisch überinterpretiert. Ihre Abwesenheit fiel in eine Phase, in der über ihre Zukunft, mögliche Nachfolger und sogar über eine Beschneidung der Kompetenzen der Zentralbank spekuliert wird. The Bell verweist auf Berichte, wonach im Falle eines Wechsels an der Spitze der Bank auch eine Neuverteilung von Regulierungsbefugnissen diskutiert worden sei. Genannt wurden in diesem Zusammenhang unter anderem Präsidentenberater Maxim Oreschkin und Promswjasbank-Chef Pjotr Fradkow als mögliche Kandidaten.
Ob solche Planspiele tatsächlich auf eine bevorstehende Ablösung Nabiullinas hindeuten, bleibt offen. Ihr aktuelles Mandat läuft bis Juni 2027. Zudem gilt in Russland weiterhin: Über die Besetzung der Zentralbankspitze entscheidet letztlich Wladimir Putin. Es ist deshalb ebenso möglich, dass die Spekulationen durch die ungewöhnliche Abwesenheit nur zusätzlich angeheizt wurden, ohne dass unmittelbar ein Personalwechsel bevorsteht.
Die Rückkehr Nabiullinas in die Öffentlichkeit und die jüngste Zinssenkung zeigen jedoch, dass die Zentralbank ihren Kurs zunächst beibehält. Sie signalisiert Bereitschaft zu vorsichtiger Lockerung, verweigert aber eine schnelle geldpolitische Entlastung um den Preis neuer Inflationsrisiken. Für die Regierung und die Wirtschaft ist das eine unbequeme Botschaft: Nicht die Krankheit der Zentralbankchefin ist das eigentliche Problem, sondern der wachsende Zielkonflikt zwischen Kriegsfinanzierung, Wachstumserwartungen und Preisstabilität.
COMMENTS