Russland: Große Mehrheit fordert Strafen für häusliche Gewalt – doch die Politik zögert

Russland: Große Mehrheit fordert Strafen für häusliche Gewalt – doch die Politik zögert

In Russland spricht sich eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung für ein Gesetz aus, das häusliche Gewalt ausdrücklich unter Strafe stellt. Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsprojekts Russian Field würden 90 Prozent der Befragten ein solches Gesetz unterstützen. Nur sechs Prozent lehnten es ab, vier Prozent konnten oder wollten sich nicht festlegen. Die Erhebung wurde nach Angaben des „Kommersant“ vom 13. bis 20. Mai unter 1.600 Befragten im Auftrag der Duma-Abgeordneten Ksenija Gorjatschewa von der Partei „Neue Leute“ durchgeführt.

Besonders hoch ist die Zustimmung unter Frauen: 95 Prozent von ihnen sprachen sich für ein Gesetz gegen häusliche Gewalt aus. Bei Männern liegt die Zustimmung mit 83 Prozent ebenfalls hoch, die Ablehnung ist dort mit elf Prozent aber deutlich stärker ausgeprägt. Auch jüngere Befragte im Alter von 18 bis 29 Jahren befürworten ein solches Gesetz überdurchschnittlich oft. Kritischer äußerten sich vor allem Männer sowie Befragte im Alter zwischen 45 und 59 Jahren.

Auffällig ist, dass die Zustimmung nicht auf bestimmte soziale Gruppen beschränkt ist. Laut Russian Field bleibt sie unabhängig von Wohnort, Bildungsstand und materieller Lage hoch. Auch unter Anhängern nahezu aller im Parlament vertretenen Parteien findet die Idee einer gesetzlichen Regelung breite Unterstützung: Unter Wählern von „Einiges Russland“ liegt die Zustimmung bei 90 Prozent, bei der LDPR bei 92 Prozent, bei „Gerechtes Russland“ bei 93 Prozent, bei den „Neuen Leuten“ bei 96 Prozent und bei der KPRF bei 87 Prozent.

Damit bestätigt die neue Umfrage einen Trend, der sich bereits in früheren Erhebungen zeigte. Schon 2024 hatte Russian Field eine ähnlich hohe Zustimmung gemessen: Damals unterstützten 89 Prozent der Befragten die Einführung eines Gesetzes gegen häusliche Gewalt. Auch damals lag die Zustimmung bei Frauen mit 95 Prozent deutlich höher als bei Männern mit 83 Prozent.

Das Thema ist in Russland seit Jahren politisch umstritten. Ein Gesetzentwurf „zur Prävention familiär-häuslicher Gewalt“ war bereits 2016 in die Staatsduma eingebracht worden. Entwickelt wurde er unter anderem unter Beteiligung der früheren Abgeordneten Oksana Puschkina und der Aktivistin Aljona Popowa, die in Russland inzwischen als „ausländische Agentin“ eingestuft ist. 2019 wurde das Projekt nach Kritik aus der Politik und von religiösen Vertretern eingefroren. Patriarch Kirill und der Moskauer Mufti Ildar Aljautdinow hatten die Initiative damals als Einmischung in das Familienleben kritisiert.

Eine zentrale Zäsur war die Teil-Dekriminalisierung von Schlägen innerhalb der Familie im Jahr 2017. Seitdem werden erstmalige Schläge gegen nahe Angehörige, sofern sie keine schwereren Gesundheitsschäden verursachen, in der Regel als Ordnungswidrigkeit behandelt. Erst bei Wiederholung kann strafrechtliche Verantwortung greifen. Kritiker sehen darin bis heute ein Signal, das Opfer schwächt und Täter schützt; Befürworter argumentierten damals, der Staat solle nicht in jeden familiären Konflikt mit dem Strafrecht eingreifen.

Gleichzeitig zeigen Umfragen, dass die gesellschaftliche Toleranz gegenüber Gewalt in Familien abnimmt. Das staatliche Meinungsforschungsinstitut WZIOM berichtete im September 2025, 55 Prozent der Russen seien der Ansicht, dass man selbst einen einmaligen Fall körperlicher Gewalt durch einen Partner nicht verzeihen dürfe. 2019 lag dieser Wert noch bei 50 Prozent. Der Anteil der Befragten, die eine Versöhnung nach einem solchen Vorfall für möglich halten, sank von 39 Prozent im Jahr 2019 auf 28 Prozent im Jahr 2025.

Die WZIOM-Daten zeigen zugleich, wie verborgen das Problem weiterhin bleibt. Zehn Prozent der Befragten erklärten 2025, in ihrer eigenen Familie komme es zu Konflikten mit körperlicher Gewalt. 30 Prozent berichteten von solchen Fällen im Umfeld. 61 Prozent gaben dagegen an, ihnen seien keine derartigen Vorfälle bekannt. Das Institut weist selbst darauf hin, dass familiäre Probleme in Russland häufig als private Angelegenheit betrachtet und nach außen nicht offen gezeigt werden.

Politisch bleibt die Lage widersprüchlich: In der Bevölkerung gibt es eine sehr breite Zustimmung zu klareren Strafen, doch im Parlament scheiterten entsprechende Initiativen immer wieder an der Sorge vor staatlicher Einmischung in die Familie. Im Juni 2024 hatte die damalige Menschenrechtsbeauftragte Tatjana Moskalkowa gefordert, die Diskussion über Verantwortung für Gewalt in der Familie wieder aufzunehmen. Im März 2025 brachte die russische Regierung zudem einen Gesetzentwurf ein, der es Bezirksgerichten erleichtern soll, Fälle von Körperverletzung auf Antrag des Opfers auch ohne Beteiligung der Ermittlungsbehörden zu eröffnen.

Die neue Russian-Field-Umfrage macht damit vor allem eines deutlich: Die politische Zurückhaltung bei diesem Thema steht in einem auffälligen Gegensatz zur Haltung großer Teile der Bevölkerung. Häusliche Gewalt wird in Russland zwar weiterhin oft als „Familienangelegenheit“ verharmlost oder aus dem öffentlichen Raum herausgehalten. Doch in den Umfragen zeigt sich seit Jahren eine stabile Mehrheit, die vom Staat mehr Schutz und klarere Sanktionen erwartet.

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