Russlands staatlich nahes Meinungsforschungsinstitut WZIOM meldet wieder leicht steigende Werte für Präsident Wladimir Putin. Der Zeitpunkt ist jedoch auffällig: Der Anstieg fällt mit einer Änderung der Erhebungsmethode zusammen. Statt ausschließlich per Telefon befragt WZIOM nun zur Hälfte telefonisch und zur Hälfte persönlich in Haushalten.
Das Allrussische Zentrum für öffentliche Meinungsforschung WZIOM hat neue politische Wochenwerte veröffentlicht. Demnach erklärten in der Woche vom 4. bis 10. Mai 72,1 Prozent der Befragten, sie vertrauten Wladimir Putin. Die Tätigkeit des Präsidenten bewerteten 66,8 Prozent positiv. Zuvor hatte WZIOM am 24. April noch einen Zustimmungswert von 65,6 Prozent gemeldet. Ende März waren es noch 70,1 Prozent gewesen.
Damit endet zumindest vorerst eine Phase sinkender Werte. Nach den von WZIOM veröffentlichten Tabellen war Putins Zustimmungswert seit Februar von 72,9 Prozent auf 65,6 Prozent gefallen, bevor er nun leicht auf 66,8 Prozent stieg. Auch der Vertrauenswert war von 76,9 Prozent Mitte Februar auf 71,0 Prozent im April gesunken und legte nun wieder auf 72,1 Prozent zu.
WZIOM verbindet die neuen Zahlen allerdings ausdrücklich mit einer geänderten Methode. Das Institut erklärte, die Bedingungen für telefonische Befragungen hätten sich verschlechtert. Als Gründe nennt es Einschränkungen der mobilen Kommunikation, Spamfilter und die wachsende Vorsicht vieler Russen gegenüber unbekannten Anrufen. Besonders ältere Befragte, die politisch und wahlsoziologisch wichtig seien, würden telefonisch schwerer erreicht. Deshalb kombiniert WZIOM nun Telefoninterviews mit persönlichen Haushaltsbefragungen im Verhältnis 50 zu 50.
Genau dieser Punkt macht die neuen Werte politisch interessant. Denn die Methode kann das Ergebnis spürbar beeinflussen. Auch bei einer Diskussionsrunde des kremlnahen Expertisinstituts für Sozialforschung wurde offen eingeräumt, dass Erhebungsmethoden unterschiedliche „Kommunikationssituationen“ erzeugen. Telefonisch würden ältere Befragte unter Umständen unterrepräsentiert, bei persönlichen Haushaltsbefragungen dagegen eher Mittelschicht und jüngere Gruppen. Ein Teilnehmer formulierte es zugespitzt: „Von der Methodologie hängt alles ab, einschließlich des Ergebnisses.“
Die persönliche Befragung kann zudem sozial erwünschte Antworten begünstigen. Vertreter des Fonds Öffentliche Meinung FOM verwiesen bei derselben Runde darauf, dass es einen Unterschied mache, ob jemand am Telefon gefragt werde, ob er Putin vertraue, oder ob diese Frage in einem persönlichen Gespräch in der Wohnung gestellt werde. Der Politologe und Soziologe Viktor Poturemski beschrieb das Telefoninterview als eher emotionalen Kanal, während das persönliche Gespräch „verantwortlicher“ wirke.
The Bell weist deshalb darauf hin, dass der Anstieg der Putin-Werte mit der Methodenänderung zusammenfällt. Nach der neuen WZIOM-Methode betrug Putins Zustimmungswert in der Woche bis zum 10. Mai 66,8 Prozent. Der vorherige Wert vom 24. April, noch nach alter Methode veröffentlicht, lag bei 65,6 Prozent. The Bell erinnert zugleich daran, dass persönliche Befragungen im Vergleich zu Telefonumfragen tendenziell eher sozial erwünschte Antworten erzeugen können.
Auch bei den Parteiwerten zeigt sich ein deutlicher Effekt. Laut „Kommersant“ stieg die Unterstützung für „Einiges Russland“ bei WZIOM von 27,7 auf 31,2 Prozent. Die „Neuen Leute“, die eher jüngere und urbanere Wähler ansprechen, fielen dagegen von 13,4 auf 9,1 Prozent. WZIOM erhebt diese Werte nun ebenfalls nach der kombinierten Methode.
Der ebenfalls staatlich geprägte Fonds Öffentliche Meinung FOM änderte seine Methode laut The Bell nicht. Dort blieb Putins Zustimmungswert zuletzt stabiler und lag bei 73 bis 74 Prozent. Bei den Parteiwerten meldete FOM deutlich weniger Bewegung: „Einiges Russland“ stieg von 37 auf 39 Prozent, die LDPR von 10 auf 11 Prozent, während die Kommunisten von 9 auf 8 Prozent fielen.
Politisch ist der Vorgang heikel, weil die russische Führung Umfragewerte seit Jahren als wichtigen Stabilitätsindikator nutzt. Ein Rückgang der Putin-Werte wird in Moskau nicht nur als soziologische Momentaufnahme gelesen, sondern als Warnsignal. Zuletzt fielen die sinkenden Werte in eine Phase wachsender Alltagsprobleme: steigende Preise, Kriegsmüdigkeit, Unsicherheit durch Drohnenangriffe und immer wieder Einschränkungen des mobilen Internets.
Gerade die Internetausfälle sind dabei ein neues Reizthema. Sie treffen nicht nur Oppositionelle oder politisch aktive Nutzer, sondern breite Teile der Bevölkerung im Alltag: beim Bezahlen, bei Taxidiensten, Lieferdiensten, Online-Banking, medizinischer Kommunikation oder geschäftlichen Abläufen. Dass WZIOM seine Methodenänderung ausgerechnet auch mit Einschränkungen der mobilen Kommunikation begründet, ist daher bemerkenswert: Der Versuch, wegen Netzproblemen verlässlichere Umfragen zu bekommen, fällt in eine Zeit, in der genau diese Netzprobleme selbst politisch brisant geworden sind.
Die neuen Werte bedeuten deshalb nicht zwingend, dass Putins Popularität wieder tatsächlich steigt. Sicher ist nur: Nach einer Phase sinkender Zahlen meldet WZIOM wieder einen leichten Anstieg – und zugleich eine neue Methode. Für die russische Innenpolitik dürfte beides wichtig sein: der offiziell gestoppte Abwärtstrend und die Frage, wie viel davon auf echte Stimmung und wie viel auf veränderte Erhebung zurückgeht.

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