Internet-Sperren und Ausfälle des mobilen Netzes sind in Russland zum wichtigsten Angstthema geworden. Laut dem neuen „Nationalen Angstindex“ der Kommunikationsagentur KROS übertrafen sie im ersten Quartal 2026 alle anderen Sorgen der Bevölkerung deutlich – sogar die Corona-Angst des Jahres 2020.
Die Einschränkungen des Internets haben in Russland ein Ausmaß an gesellschaftlicher Nervosität ausgelöst, das selbst für die vergangenen Krisenjahre ungewöhnlich ist. Nach Angaben von KROS erreichte das Thema „Einschränkungen im Internet“ im ersten Quartal 2026 einen Gesamtindex von 1735,31. Damit lag es mehr als fünfmal so hoch wie das zweitplatzierte Thema, Angriffe von Drohnen und Sabotageakte, das auf 337,13 kam. Dahinter folgten die sogenannten Epstein-Dateien, Finanzbetrug und der Krieg im Iran.
Besonders bemerkenswert ist der Vergleich mit früheren Krisen. KROS schreibt, die Internetbeschränkungen hätten in der Gesellschaft derzeit fast doppelt so viel Aufregung ausgelöst wie die Angst vor einer Coronavirus-Infektion im Jahr 2020. Auch der sogenannte „Index der Verankerung“, der zeigt, wie stark ein Thema in sozialen Medien im Verhältnis zu klassischen Medien weiterlebt, erreichte mit 10,4 einen Rekordwert.
Die Agentur sieht darin kein bloßes Technikproblem. Internetabschaltungen träfen inzwischen breite Bevölkerungsschichten und führten nicht nur zu weniger Informationszugang, sondern auch zu Störungen im Alltag und in Geschäftsabläufen. Menschen verstünden nicht mehr, „nach welchen Regeln das Leben weiter aufgebaut wird“, zitiert KROS seine eigene Einschätzung.
Der Hintergrund ist bekannt: In vielen russischen Regionen wird mobiles Internet zeitweise abgeschaltet oder eingeschränkt. Offiziell begründen Behörden und Ministerien solche Maßnahmen mit Sicherheitsrisiken, insbesondere mit der Gefahr ukrainischer Drohnenangriffe. Das russische Digitalministerium argumentiert, punktuelle Abschaltungen könnten helfen, die Zielgenauigkeit feindlicher Drohnen zu verringern.
Doch die Folgen reichen weit über politische Informationskontrolle hinaus. Wenn mobiles Internet ausfällt, funktionieren Bezahlsysteme, QR-Zahlungen, Taxidienste, Lieferdienste, Carsharing, Online-Banking und viele kleinere Geschäftsprozesse nur eingeschränkt oder gar nicht. CNews erinnerte daran, dass Moskauer Unternehmer allein während der Abschaltungen im Zentrum der Hauptstadt vom 6. bis 10. März Verluste von mehreren Milliarden Rubel erlitten haben könnten.
Auch das Gesundheitswesen ist betroffen. Nach einer Umfrage unter 1627 medizinischen Fachkräften im russischen Ärzteportal „Spravochnik vracha“, über die der „Medizinski Westnik“ berichtete, bezeichneten 54 Prozent der befragten Ärzte Abschaltungen des mobilen Internets am Arbeitsplatz als regelmäßiges Problem. Weitere 26 Prozent hatten solche Situationen in den vergangenen Monaten mehrfach erlebt. Nur 8,7 Prozent gaben an, keine entsprechenden Probleme gehabt zu haben.
Die Folgen sind konkret: Ärzte können während der Sprechstunde nicht schnell genug auf Fachinformationen zugreifen, Befunde nicht abrufen, Patientendaten nicht übermitteln oder Kollegen und Patienten nicht erreichen. Ein Drittel der Befragten berichtete, wegen fehlenden mobilen und fehlenden stationären Internets keine Patientendaten übertragen oder Analyseergebnisse abrufen zu können.
Gleichzeitig zeigt der KROS-Index auch die Grenzen solcher Messungen. Er erfasst vor allem mediale und soziale Resonanz, nicht direkt die repräsentative Stimmung der Bevölkerung. „Wedomosti“ verweist darauf, dass eine Umfrage der Stiftung „Öffentliche Meinung“ Ende April ein anderes Bild ergab: Nur zwei Prozent der Befragten nannten Internetprobleme als wichtigstes Ereignis der vergangenen Woche, während acht Prozent die Ereignisse um den Iran nannten.
Gerade dieser Unterschied ist aufschlussreich. In klassischen Umfragen mag das Thema Internet nicht immer an erster Stelle genannt werden. In den sozialen Netzwerken aber entfaltet es eine enorme Eigendynamik, weil es den Alltag unmittelbar berührt: Bezahlen, arbeiten, fahren, bestellen, kommunizieren, lernen, behandeln, informieren. Das Internet ist in Russland längst nicht mehr nur ein politischer Raum, sondern Teil der Grundversorgung.
Damit wird die digitale Abschottung für die russischen Behörden zu einem doppelten Problem. Einerseits soll sie Kontrolle und Sicherheit schaffen. Andererseits untergräbt sie genau jene digitale Normalität, auf die Staat, Wirtschaft und Bevölkerung in den vergangenen Jahren selbst gesetzt haben. Wer Bürger an digitale Dienste, bargeldlose Zahlungen, Online-Portale, Apps und staatliche Plattformen gewöhnt, kann diese Infrastruktur nicht folgenlos immer wieder abschalten.
Der neue Angstindex zeigt deshalb weniger eine abstrakte Furcht vor Zensur als eine sehr praktische Angst: Was passiert, wenn der Alltag ohne funktionierendes Netz nicht mehr funktioniert? Genau darin liegt die politische Brisanz. Die Menschen fürchten nicht nur, weniger Informationen zu bekommen. Sie fürchten, dass ein ganzer Lebensstil, auf den sie inzwischen angewiesen sind, jederzeit per Knopfdruck unterbrochen werden kann.

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