Trotz Krieg, Sanktionen und verschärfter Einreisebestimmungen haben die EU-Staaten 2025 wieder mehr Schengen-Visa an russische Staatsbürger ausgegeben. Nach Angaben von Euractiv unter Berufung auf Unterlagen der EU-Kommission wurden im vergangenen Jahr mehr als 620.000 Visa für Russen erteilt. Das waren 10,2 Prozent mehr als 2024. Insgesamt stellten russische Staatsbürger rund 670.000 Visaanträge — ein Plus von fast acht Prozent.
Besonders gefragt bleiben klassische westeuropäische Reiseziele. Auf Frankreich, Italien und Spanien entfielen laut Bericht rund drei Viertel aller russischen Visaanträge. Den stärksten Zuwachs bei ausgestellten Visa verzeichnete Frankreich. Damit zeigt sich, dass Reisen in die EU für viele Russen trotz politischer Spannungen, höherer Kosten und bürokratischer Hürden weiterhin attraktiv bleiben.
Der größte Teil der ausgestellten Visa entfiel offenbar weiterhin auf Tourismus. Nach Angaben von Kommersant machten touristische Visa rund 77 Prozent aller Einreisegenehmigungen aus. Danach folgten Besuche bei Verwandten und Freunden sowie Geschäftsreisen. Damit handelt es sich nicht nur um Ausnahmefälle, humanitäre Gründe oder Reisen von Oppositionellen, sondern zu einem erheblichen Teil um normalen Reiseverkehr.
Politisch ist diese Entwicklung für die EU heikel. Seit Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine haben mehrere Mitgliedstaaten gefordert, die Einreise russischer Staatsbürger deutlich stärker einzuschränken. Besonders osteuropäische und baltische Staaten sehen in russischen Reisenden ein Sicherheitsrisiko und verweisen auf Spionage, Sabotagegefahr und die moralische Frage, ob Tourismus in Europa während des Krieges möglich sein sollte.
Gleichzeitig verfolgen andere EU-Länder eine pragmatischere Linie. Staaten wie Frankreich, Italien und Spanien profitieren wirtschaftlich vom Tourismus und trennen offenbar stärker zwischen russischer Regierungspolitik und einzelnen Reisenden. Genau hier liegt die Spaltung, auf die Euractiv verweist: Die EU tritt gegenüber Moskau politisch geschlossen auf, ist sich bei der praktischen Visapolitik aber keineswegs einig.
Die EU-Kommission betont, dass die Zahl der an Russen vergebenen Schengen-Visa im Vergleich zur Zeit vor 2022 weiterhin deutlich niedriger liege. Nach dem Beginn des Ukraine-Krieges hatte die EU das Visaerleichterungsabkommen mit Russland ausgesetzt. Später wurden die Regeln weiter verschärft. Im November 2025 beschloss die EU-Kommission neue Vorgaben, durch die mehrjährige Mehrfachvisa für die meisten russischen Staatsbürger faktisch abgeschafft wurden.
Diese Maßnahme zeigt bereits Wirkung. Nach Angaben der russischen Reiseveranstaltervereinigung ATOR sank die Zahl der an Russen ausgestellten Mehrfachvisa im ersten Quartal um 90 Prozent. Gleichzeitig stieg die Nachfrage nach Schengen-Visa insgesamt weiter: Seit Jahresbeginn habe die Zahl der Anträge für Frankreich und Spanien etwa um das Doppelte zugenommen, für Italien um 30 bis 40 Prozent.
Damit entsteht eine paradoxe Lage: Die EU erschwert russischen Staatsbürgern das Reisen, doch das Interesse an Reisen nach Europa nimmt wieder zu. Für viele Russen bedeutet das vor allem mehr Aufwand. Statt langfristiger Mehrfachvisa müssen sie häufiger neue Anträge stellen, was Konsulate und Visa-Zentren stärker belastet und Reisen verteuert. Für die EU wiederum bleibt der Zielkonflikt bestehen: Sicherheitskontrolle und politische Symbolik stehen gegen wirtschaftliche Interessen, familiäre Kontakte und die Frage, ob pauschale Einschränkungen gegenüber russischen Bürgern sinnvoll sind.
Kritik an der verschärften Visapolitik kommt nicht nur aus Russland. Auch russische Oppositionelle im Exil hatten frühere EU-Beschränkungen kritisiert, weil sie ihrer Ansicht nach vor allem gewöhnliche Bürger und Kriegsgegner treffen könnten. Befürworter einer harten Linie halten dagegen, Reisen in die EU seien kein Recht, sondern ein Privileg — und Russland führe weiterhin Krieg gegen die Ukraine.
Die neuen Zahlen zeigen deshalb weniger eine Entspannung als eine Verschiebung. Russen reisen wieder häufiger nach Europa, aber unter deutlich schwierigeren Bedingungen. Zugleich bleibt die EU in der Frage gespalten, wie weit sie bei Einschränkungen für russische Staatsbürger gehen soll. Während einige Länder möglichst viele Kontakte kappen wollen, halten andere an einem kontrollierten, aber fortgesetzten Reiseverkehr fest.
Für Moskau ist die Entwicklung ambivalent. Einerseits zeigt die steigende Zahl der Visa, dass Europa für russische Reisende weiterhin wichtig bleibt. Andererseits macht die Abschaffung der meisten Mehrfachvisa deutlich, wie stark sich der Alltag russischer Bürger seit 2022 verändert hat. Der Schengenraum bleibt erreichbar — aber nicht mehr selbstverständlich.

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