VPN-Boom in Russland: Nutzer gehen massenhaft in den digitalen Umweg

VPN-Boom in Russland: Nutzer gehen massenhaft in den digitalen Umweg

Die russischen Nutzer reagieren auf Internetsperren offenbar nicht mit Verzicht, sondern mit Ausweichbewegungen. Nach Angaben von Kommersant wurden im März 2026 allein die fünf populärsten VPN-Apps im russischen Google Play 9,2 Millionen Mal heruntergeladen. Das sei vierzehnmal so viel wie im Vorjahresmonat. Von März 2025 bis März 2026 seien insgesamt 35,7 Millionen Downloads registriert worden. Besonders stark war demnach das erste Quartal 2026 mit 21,27 Millionen Installationen.

Die Zahlen kommen zu einem Zeitpunkt, an dem Russland seine Kontrolle über den Zugang zu ausländischen Diensten und blockierten Ressourcen weiter verschärft. Laut Kommersant waren Ende April im russischen App Store bereits 116 VPN-Dienste nicht mehr verfügbar. Ende März hatte Apple auf Verlangen von Roskomnadsor mehr als 20 entsprechende Anwendungen entfernt. Zudem hatte die Aufsichtsbehörde bis Januar den Zugang zu 439 Diensten zur Umgehung von Sperren eingeschränkt.

Der Versuch, VPN-Nutzung einzudämmen, beschränkt sich nicht mehr nur auf direkte Sperrmaßnahmen. Ende März diskutierte das russische Digitalministerium nach Kommersant-Angaben neue Bedingungen für IT-Unternehmen im staatlichen Register: Plattformen, die Nutzern den Zugriff über VPN nicht erschweren, könnten aus dem Register gestrichen werden. Auch der Ausschluss aus der sogenannten „weißen Liste“ von Seiten, die bei mobilen Internetausfällen erreichbar bleiben, steht demnach im Raum.

Aus Sicht russischer Experten kann diese Politik allerdings Nebenwirkungen haben. Anatoli Denissow vom „Rating Runeta“ sagte Kommersant, neue Regeln zur Blockade von VPN-Verkehr könnten zwar formal den Anteil solcher Nutzer verringern. Tatsächlich sinke aber vor allem die Aktivität auf jenen Diensten und Plattformen, die VPN-Nutzer aussperren. Das sei bereits an rückläufigen Verkäufen auf Marktplätzen zu erkennen. Sergej Kudrjaschow von Strategy Partners erklärte zudem, der stark gestiegene VPN-Download zeige, dass es für blockierte Ressourcen keine vollwertigen russischen Alternativen gebe und Nutzer bereit seien, technische Hürden zu überwinden.

Parallel dazu verschärft sich auch der politische Ton. Der Vorsitzende des präsidialen Menschenrechtsrats, Waleri Fadejew, erklärte, er nutze selbst kein VPN. Wer VPN verwende, suche seiner Ansicht nach nicht nach einer anderen Perspektive, sondern danach, „was der Feind sagt“. Medien wie Meduza und Doschd nannte er nicht „eine andere Sichtweise“, sondern „die Sichtweise des Feindes“.

Gerade diese Aussage zeigt, dass es bei VPN in Russland längst nicht mehr nur um Technik geht. Der Zugriff auf gesperrte Informationen wird zunehmend politisch und moralisch bewertet. Gleichzeitig scheinen die praktischen Ergebnisse der Sperrpolitik zumindest widersprüchlich zu sein: Je schwieriger der Zugang wird, desto mehr Nutzer suchen offenbar nach neuen Wegen.

Dazu passt ein unbestätigter Insiderbericht, der russland.news vorliegt. Demnach soll es in der Regierung von Ministerpräsident Michail Mischustin Unzufriedenheit mit den Statistiken des Digitalministeriums geben. Das Ministerium habe bereits von Erfolgen gegen ausländische Dienste und VPNs berichtet, während Teile der Regierung diese Schlussfolgerung für verfrüht hielten. Konkret sei in einem Bericht an das Kabinett ein Rückgang des gemessenen Telegram-Datenverkehrs um 10 Prozent im Februar und 18 Prozent im März angeführt worden. Nach Darstellung der Quelle gebe es jedoch keinen Beleg dafür, dass Nutzer Telegram tatsächlich verlassen hätten. Vielmehr könne ein Teil des Verkehrs schlicht nicht mehr korrekt in russischen Messsystemen erfasst werden.

Der Bericht behauptet weiter, im Kabinett werde die Lage nüchterner gesehen: Der Datenverkehr sei nicht verschwunden, sondern in Bereiche abgewandert, die sich der direkten Kontrolle russischer Behörden entziehen. Auch das Wachstum großer Telegram-Kanäle mit mehr als 500.000 Abonnenten, das laut dieser Quelle weiter bei etwa zehn Prozent liege, passe schwer zur These eines realen Rückgangs des Interesses an der Plattform. Die Zahlen des Digitalministeriums sollen deshalb nach Angaben der Quelle nicht unverändert in Statistiken übernommen werden, die an den Kreml und den Präsidenten weitergeleitet werden.

Bestätigen lässt sich dieser Insiderbericht unabhängig nicht. Er fügt sich jedoch in das Bild, das auch die öffentlich zugänglichen Daten nahelegen: Russlands Behörden können Zugänge erschweren, Apps aus Stores entfernen lassen und Plattformen zu Sperrmaßnahmen drängen. Doch die Nutzer verschwinden dadurch nicht unbedingt. Häufig verschwinden sie nur aus der offiziellen Messbarkeit.

Damit wird der Kampf gegen VPN zu einem Beispiel für ein größeres Problem der russischen Digitalpolitik. Der Staat kann den sichtbaren Teil des Netzes enger kontrollieren. Je stärker er das tut, desto mehr verlagert sich ein Teil der Nutzung in technische Grauzonen.

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