Telegram könnte in Russland vorerst doch weiterarbeiten

Telegram könnte in Russland vorerst doch weiterarbeiten

Neue Signale aus Moskau deuten darauf hin, dass Telegram einer vollständigen Sperre in Russland möglicherweise entgeht. Vertreter des Menschenrechtsrats beim Präsidenten sprechen von laufenden Gesprächen mit den Behörden. Zugleich versucht der Messenger offenbar zu zeigen, dass er bei der Löschung problematischer Inhalte stärker kooperiert.

Auslöser der neuen Debatte sind Aussagen von Alexander Ionow, dem Vorsitzenden der Kommission für internationale Zusammenarbeit im präsidialen Menschenrechtsrat SPCh. Er sagte der Nachrichtenagentur Tass, es gebe eine „hohe Wahrscheinlichkeit“, dass sich Telegram mit den russischen Behörden verständigt und die verlangten Bedingungen erfüllt. Diese betreffen nach seinen Angaben vor allem den Kampf gegen Extremismus sowie gegen Kanäle, die aus Sicht der Behörden eine Gefahr für die nationale Sicherheit darstellen.  

Nach Darstellung Ionows führt das Telegram-Team Gespräche über die Anforderungen, die russische Stellen an den Dienst gestellt haben. Er bezeichnete diese Forderungen als im Kern angemessen. Auch innerhalb des Menschenrechtsrats wurde der mögliche Fortbestand des Messengers positiv kommentiert. SPCh-Mitglied Eva Merkatschowa erklärte, es sei gut, wenn Nutzer eine Auswahl zwischen verschiedenen Messengern hätten; fehlende Auswahl führe eher zu Unzufriedenheit und gesellschaftlicher Verengung.

Der Hintergrund ist eine schrittweise Verschärfung der russischen Maßnahmen gegen Telegram. Bereits im August 2025 hatte die Medienaufsicht Roskomnadsor Anrufe über Telegram und WhatsApp eingeschränkt. Zur Begründung hieß es damals, solche Dienste würden für Betrug sowie zur Anwerbung für Sabotage und terroristische Aktivitäten genutzt. Im Februar 2026 kündigte die Behörde dann „sequenzielle“ weitere Beschränkungen gegen Telegram an, weil der Dienst Anforderungen des russischen Rechts nicht erfülle. Als zentrale Kriterien für die Arbeit digitaler Plattformen in Russland nannte Roskomnadsor unter anderem die Speicherung von Servern in Russland, den Schutz personenbezogener Daten, Maßnahmen gegen Betrug sowie Vorkehrungen zur Eindämmung von Extremismus und Terrorismus.

Fast zeitgleich meldete die russische Zeitung Kommersant, Telegram habe allein am 28. und 29. März mehr als 150.000 Gruppen und Kanäle wegen Verstößen gegen eigene Regeln gesperrt. Seit Jahresbeginn seien es demnach bereits mehr als 11 Millionen Gruppen und Kanäle gewesen; in der Vorwoche allein 562.000. Der Bericht stellt diese Zahlen in direkten Zusammenhang mit dem wachsenden Druck aus Moskau. Seit Anfang 2026 habe Roskomnadsor von Telegram die Löschung von mehr als 35.000 Inhalten verlangt, darunter Material mit kinderpornografischem Inhalt, Hinweise zur Umgehung von Sperren, Suizid-Inhalte sowie Beiträge mit Drogenbezug.

Dass Telegram nun in großem Umfang Gruppen und Kanäle sperrt, kann als Hinweis darauf gelesen werden, dass der Dienst seine Moderation sichtbar verschärft, um den Konflikt mit den russischen Behörden zu entschärfen. Eine formelle Einigung ist damit zwar noch nicht bestätigt. Doch die Kombination aus politischen Signalen aus dem SPCh und den zeitgleichen Löschmaßnahmen des Unternehmens spricht dafür, dass beide Seiten zumindest an einem modus vivendi arbeiten. Diese Schlussfolgerung ist eine Einordnung auf Basis der drei Berichte, nicht eine ausdrücklich bestätigte Vereinbarung.

Mehrere Medienberichte hatten zuletzt von einer möglichen vollständigen Blockade Anfang April gesprochen. Offiziell verkündet ist ein solcher Schritt in den hier ausgewerteten Berichten aber noch nicht. Der Stand Ende März lautet deshalb: Telegram steht in Russland weiter unter erheblichem regulatorischem Druck, eine totale Sperre scheint jedoch zumindest vorläufig nicht unabwendbar. Ob daraus tatsächlich eine stabile Verständigung mit den Behörden wird, hängt davon ab, wie weit Telegram auf die russischen Forderungen eingeht.

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