Das russische Gesundheitsministerium rät Ärzten, Frauen, die angeben, keine Kinder zu planen, zur Beratung an einen Therapeuten zu überweisen, um sie dazu zu bewegen, ihre Entscheidung zu überdenken. Dies geht aus einem Bericht der russischen Nachrichtenagentur Tass vom Mittwoch hervor, in dem aktualisierte klinische Leitlinien erwähnt werden.
Gemäß den Leitlinien sollten Frauen, die in einem Fragebogen zur Anamnese angeben, dass sie keine Kinder wünschen, an einen Therapeuten überwiesen werden, „um eine positive Einstellung zur Geburt zu fördern“.
Der Fragebogen wird sowohl Männern als auch Frauen vorgelegt, doch die Version für Männer enthält keine Fragen zu den Plänen, Kinder zu bekommen.
Das Gesundheitsministerium empfiehlt, somatische Erkrankungen, die sich negativ auf die Fortpflanzungsfähigkeit auswirken können, rechtzeitig zu behandeln. Dazu zählen unter anderem endokrine, kardiovaskuläre und chronisch-entzündliche Erkrankungen und allergische Reaktionen. Besondere Aufmerksamkeit gilt der Prävention und Behandlung sexuell übertragbarer Infektionen.
Patientinnen mit Akne und Alopezie müssten zur Konsultation an einen Dermatologen überwiesen werden, bei Adipositas und Verdacht auf endokrine Erkrankungen an einen Endokrinologen und bei Unter- oder Übergewicht, schädlichen Gewohnheiten oder chronischen Erkrankungen an einen Allgemeinmediziner. Darüber hinaus sollten Frauen, bei denen keine gynäkologischen Erkrankungen festgestellt wurden, die jedoch Risikofaktoren für deren Entstehung aufweisen, Empfehlungen zur Beseitigung dieser Faktoren erhalten.
Bemerkenswert ist dabei nicht nur der Inhalt der Empfehlung, sondern auch ihre Richtung: Nicht eine Krankheit, nicht ein konkretes Leiden und nicht ein akuter Konflikt sollen behandelt werden, sondern eine private Lebensentscheidung. Der fehlende Kinderwunsch erscheint in dieser Logik nicht als legitime Haltung, sondern als Defizit, das psychologisch bearbeitet werden soll.
Hinzu kommt die offenkundige Asymmetrie zwischen den Geschlechtern. Wenn der Fragebogen zwar beiden vorgelegt wird, die Frage nach den Kinderplänen aber nur in der Version für Frauen auftaucht, dann wird Verantwortung für die demografische Entwicklung einseitig weiblich codiert.
Ganz ohne internationales Gegenstück ist das nicht. Auch in anderen Ländern hat es pronatalistische Politik gegeben, also staatliche Versuche, Geburtenraten durch Druck, moralische Appelle, Restriktionen oder finanzielle Anreize zu erhöhen. Doch die hier erkennbare Psychologisierung des fehlenden Kinderwunsches ist besonders aufschlussreich: Sie deutet darauf hin, dass nicht nur Verhalten, sondern bereits die innere Haltung korrigiert werden soll.
Tass berichtete, dass das Gesundheitsministerium die Richtlinien genehmigt habe, gab jedoch nicht an, wann oder ob diese offiziell auf seiner Website veröffentlicht würden.
Russland sieht sich derzeit mit einer sinkenden Geburtenrate, einem natürlichen Bevölkerungsrückgang und einer steigenden Sterblichkeitsrate bei Männern konfrontiert. Im Jahr 2024 wurden 1,22 Millionen Menschen im Land geboren, nur geringfügig mehr als der Rekordtiefstand von 1,21 Millionen im Jahr 1999.
Die Behörden haben verschiedene Maßnahmen ergriffen, um der demografischen Krise entgegenzuwirken, darunter die Aufstockung staatlicher Finanzhilfen für die Kindererziehung, die Einführung von Abtreibungsbeschränkungen und die Förderung sogenannter „traditioneller Werte“ unter jungen Menschen.
Trotz dieser Maßnahmen hat sich der Abwärtstrend nicht umgekehrt.
Das staatliche Statistikamt Rosstat geht davon aus, dass die Bevölkerung Russlands bis zum Jahr 2046 auf unter 138,8 Millionen sinken wird.

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