Wie viele Russen unterstützen den Krieg wirklich? Hat Präsident Putin tatsächlich die Unterstützung einer absoluten Mehrheit im Land? Solche Fragen werden von verschiedenen Meinungsforschungsinstituten, darunter auch unabhängigen wie dem Lewada-Zentrum, gerne und häufig gestellt. Nach Angaben des Lewada-Zentrums unterstützen etwa 80 Prozent der Russen den Krieg. Eine Umfrage des staatlichen Meinungsforschungsinstituts WZIOM (vom 26. Mai) ergab, dass 80 Prozent der Russen Putin vertrauen. Auf die Frage „Glauben Sie, dass Präsident Putin in seiner Amtszeit eher gut oder eher schlecht abschneidet?“, antworteten laut Stiftung für öffentliche Meinung (FOM) 79 Prozent positiv (Umfrage vom 21. Mai). Die Ergebnisse solcher Meinungsumfragen werden auch in der westlichen Presse gerne zitiert.
Der Philosoph und Soziologe Grigori Judin hält all diese Daten und Zahlen für unzuverlässig. Das sagte er in einem Interview mit dem YouTube-Kanal The Insider. Alle Erhebungen haben grundsätzlich ihre Grenzen, was die Aussagekraft angeht. Überall auf der Welt nehmen die Menschen nur sehr ungern an solchen Umfragen teil. In Russland sind Meinungsumfragen eine Art Ersatz für ein Plebiszit, ein „ein sparsamer Ersatz für eine Abstimmung“. Aber sie können nicht die Frage beantworten, was die Menschen wirklich wollen. Die meisten Russen glauben nämlich, dass die Umfragen vom Staat durchgeführt werden, was ihre Aussagen stark beeinflusst.
Eine Studie hat gezeigt, wie die Menschen in Russland die Kommunikation bei Umfragen verstehen. Die beiden Methoden, die Interviewern helfen, Menschen zur Teilnahme zu bewegen, sind entweder „so zu tun, als sei man ein armer Student, der ein Praktikum macht“, damit die Befragten sie bemitleiden. Oder man macht deutlich, dass der Kreml die Umfrageergebnisse liest, und entsprechende Maßnahmen können ergriffen werden.
Gleichzeitig weigern sich etwa 95 Prozent, die Fragen der Soziologen überhaupt zu beantworten. Nach Angaben der Forschungsgruppe Russian Field wollen ca. 94 von 100 Menschen an Telefonumfragen nicht teilnehmen. „Die Leute legen einfach auf, ohne zu versuchen zu erklären, warum sie das tun. Aber es gibt auch diejenigen, die etwas sagen. Der wichtigste Grund ist: „Warum rufen Sie mich an? Ich bin kein Politiker, ich bin kein Experte, Sie brauchen mich nicht zu fragen.“ Der zweite Grund: „Bin beschäftigt, habe keine Zeit“. Der dritte Grund: „Ich habe Angst, dass Sie Betrüger sind, Sie werden nach meinem Pass fragen, Sie kennen meine Telefonnummer, also werden Sie das Geld stehlen. Die vierte Kategorie hat Angst, dass sie aus der Ukraine angerufen werden“, erklärt eine Soziologin von Russian Field.
In Russland ist außerdem die Ansicht weit verbreitetet, dass der Staat all diese Umfragen durchführt, erklärt Judin. Im Endeffekt sind nur diejenigen bereit an Umfragen teilzunehmen, die entweder ihre Loyalität beweisen oder im Gegenteil sagen wollen: „Ich hasse euren Putin.“ Wir sehen also nur die Meinung dieser Art von Menschen. Hinzu kommt, dass viele Interviewer bestätigen, dass die Menschen ängstlicher geworden sind.
Können wir also überhaupt irgendwelche Schlüsse aus den Umfragen ziehen? Russian Field fragtе zum Beispiel also nicht „Sind Sie für den Krieg oder nicht“, sondern stellt intelligentere Fragen, zum Beispiel: „Wenn Putin beschließen würde, Friedensgespräche aufzunehmen, wären Sie dann eher dafür?“ Oder: „Wenn Putin beschließen würde, Friedensgespräche aufzunehmen, wären Sie dann eher dagegen?“ Auf diese Weise sollte der Angstfaktor verschwinden, da die Frage impliziert, dass Putin selbst etwas vorhat. Interessanterweise erzielten die Ergebnisse auf die völlig entgegengesetzten Fragen ungefähr den gleichen Prozentsatz an Antworten – etwa 70 Prozent. Judin erklärt dies damit, dass die Befragten, sobald sie lesen, „unterstützten Sie Putin“ die Frage nicht mehr weiterlesen. 45 Prozent sind auf jeden Fall bereit, Putin zu unterstützen, was bedeutet, dass die Befragten die Frage wie folgt verstehen: Sind Sie bereit, den allmächtigen Putin herauszufordern? Dementsprechend sagt etwa die Hälfte von ihnen: „Ich bin ein kleiner Mensch, lass ihn machen, was er will.“
Doch wie lässt sich verstehen, wie hoch der Anteil der Menschen ist, die den Krieg real unterstützen? Judin vertritt die These, dass diese Art der Fragestellung ein großer Fehler ist. Denn sie geht davon aus, dass Menschen überhaupt eine Meinung zu diesem Thema haben. Das ist aber nicht der Fall: „Russland ist ein hoch apolitisches Land. Die Menschen versuchen, sich von der Politik fernzuhalten.“ Ich bin ein kleiner Mensch, die da oben wissen es besser – das ist eine typische Haltung vieler Russen.
Anstelle von Umfragen führt Judin andere Methoden der Soziologie an, nämlich Tiefeninterviews. In ihnen kann man sehen, wie die Menschen denken, wie sie sich ihre Meinung bilden. Außerdem ist es viel wichtiger, nicht auf das zu achten, was die Leute sagen, sondern auf das, was sie tun, das heißt, auf das Verhalten der Russen. Auch dafür gibt es Indikatoren. Zum Beispiel, welche Anfragen die Menschen im Internet stellen, nach welchen Informationen sie suchen. Das sagt viel mehr über ihre tatsächliche Einstellung zu den Ereignissen aus, so Judin.
[hrsg/russland.NEWS]

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