Wie Jelzin seinen Nachfolger fand

Aus der russischen Presse

Foto: Kremlin.ru

Die Oppositionszeitung „Republic“ nimmt sich der Frage an, wie Boris Jelzin 1999 Wladimir Putin zu seinem Nachfolger bestellte.

„Der Präsident sagt, er wisse nicht, warum die Wahl auf ihn fiel. Aber das ruft große Zweifel hervor. Im Interview mit Oliver Stone erklärte Wladimir Putin, dass er bis heute nicht weiß, warum Jelzin ihn zu seinem Nachfolger gemacht hat. Der Präsident sprach davon überzeugt und, so will es scheinen, durchaus aufrichtig. Wer konnte schon wissen, was Boris Jelzin Ende 1999 im Kopf hatte?

Aber man muss zwei Umstände berücksichtigen. Erstens: Den größten Teil seiner Präsidentschaft baute Putin auf der Verneinung der positiven Rolle der 1990er Jahre in der neuesten Geschichte und der Errungenschaften der Politiker jener Epoche auf. Zweitens: Die Entscheidung, Putin zum Premierminister und dann zum geschäftsführenden Staatsoberhaupt – bis zu den Präsidentenwahlen im März 2000 – zu machen, sieht nur im Schnelldurchlauf als Jelzinsche Improvisation aus. Es reicht ein aufmerksamer Blick auf Jelzins letzte Jahre an der Macht, um zu verstehen: Seine Kaderbeschlüsse hatten eine Logik, und Putin musste sie begreifen. Denn eins von den Dingen, die wir nach Ablauf von 17 Jahren vom Kremlchef wissen, ist, dass er Ereignisse, die für ihn wichtig sind, nicht gern dem Selbstlauf überlässt. Selbst dann, wenn sie objektiv schwer zu kontrollieren sind.

Ich rede natürlich von Putin“

Die Memoiren von Boris Jelzin und anderen Politikern der Jelzin-Zeit widersprechen Putins Worten auf den ersten Blick nicht. 1999 befand sich Jelzin in ständigem Zweifel und wechselte ohne Ende die Ministerpräsidenten, wobei er sich nicht die Mühe machte, die spontan aussehenden Kaderentscheidungen zu begründen. Die meisten Memoirenschreiber sind sich einig, dass Jelzins Ernennung der neuen Premiers nach Primakow (soll heißen: des potentiellen Nachfolgers) an ein Hütchenspiel erinnerte. Heute erinnert sich kaum jemand an den genauen politischen Sinn des Wortes „Schlenker“: Jetzt ist das bloß ein kleines Beispiel für die Redegewandtheit des ersten Präsidenten. Aber 1999 verstand Jelzin unter „Schlenker“ ein politisches Manöver, als er der Staatsduma den von vornherein aussichtslosen Nikolai Aksjonenko vorschlug. Parlamentssprecher Gennadi Selesnjow schaffte es sogar, die Entscheidung des Präsidenten öffentlich zu machen, aber Jelzin nahm sie demonstrativ zurück und ersetzte Aksjonenko durch Sergej Stepaschin, der dann auch Ministerpräsident wurde.

Ende 1999 konnte Jelzin tatsächlich Putin bestimmen – aus Gründen, die nur ihm allein begreiflich waren. Natürlich stellte der erste Präsident Russlands die von ihm initiierte Kette der Ereignisse hinterher als koordinierten Plan dar. In seinen Erinnerungen schrieb er, er habe bereits ein Jahr vor seinem Rücktritt – in dem Moment, als er den Sekretär des Sicherheitsrats, Nikolai Bordjuschi, zum Chef seiner Administration ernannte – gewusst, wen er als seinen Nachfolger sehen wollte:

„Ich fühlte schon damals, wie in der Gesellschaft das Bedürfnis nach einem Staat von neuer Qualität, nach einer gewissen stählernen Mitte wuchs, die die gesamte politische Konstruktion der Macht stärken würde. Das Bedürfnis nach einem intelligenten, demokratischen Menschen, der neu, aber auch militärisch denkt – natürlich rede ich von Putin.“

Derweil hat praktisch keiner der Zeitgenossen – von Jewgeni Primakow bis zum Präsidenten-Biografen Timothy Colton – in Jelzins Handlungen eine sorgfältige Regie entdeckt. Deshalb ist es logisch, dass Putin die einst von „Kommersant“-Journalisten gestellte Frage, ob er von der Erwägung seiner Kandidatur für den Premierposten im Kreml gewusst hatte, mit Leichtigkeit wegwischte: „Das kam mir nicht einmal in den Sinn.“

„Die Antwort kam im Nu: Putin!“

Putin hätte von der anstehenden Entscheidung nichts wissen können, aber zugleich musste er die gesteigerte Aufmerksamkeit Jelzins für seine Person fühlen und dafür Erklärungen haben. Glaubt man den Memoiren, hatte Jelzin bei der Lösung der Frage nach einem Nachfolger für Nikolai Kowaljow als FSB-Chef keine Zweifel:

„Ich machte mir Gedanken, wer statt Kowaljow ernannt werden sollte. Die Antwort kam im Nu: Putin! Erstens hat er viel bei den Sicherheitsorganen gearbeitet. Zweitens hat er eine immense Leitungsschule absolviert. Das Wichtigste war aber: Je länger ich ihn kannte, desto sicherer wurde ich, dass sich in diesem Menschen eine große Treue zur Demokratie und den Marktreformen mit festem Staatspatriotismus vereint.“

Wie glaubwürdig Putins persönliche Reaktion auf die eigene Ernennung zum FSB-Chef ist, können Sie selbst einschätzen (das Zitat stammt aus dem Buch „Putin. Der Weg zur Macht“, verfasst von Putin-Biograf Oleg Bolozki):

„(Premierminister) Sergej Kirijenko kommt aus dem Flugzeug und sagt:

Ich gratuliere dir.

Wozu?

Du wurdest zum Direktor des FSB ernannt.

Danke.

So wurde ich Direktor des FSB.“

Putins völlige Unwissenheit von der bevorstehenden Beförderung weckt bei vielen Historikern und Journalisten Zweifel. So zeigt sich Leonid Mletschin in seinem Buch „Die Vorsitzenden der Sicherheitsorgane. Bekanntgemachte Schicksale“ davon überzeugt, dass mit Putin „diese Ernennung natürlich vorher besprochen wurde“. Ljudmila Putina erinnert sich in Bolozkis Buch daran, dass sie mit ihrem Mann „etwa drei Monate vor der Ernennung“ über seine Rückkehr zum FSB gesprochen hatte.

Die Autoren des Buches „Die Epoche Jelzin“ – der stellvertretende Leiter der Administration, Alexander Liwschiz, die Redenschreiber Konstantin Nikiforow und Ljudmila Pichoja und andere Assistenten des ersten Präsidenten – merken an, dass Jelzin 1998 sehr bald nach der Ernennung von Putin zum Leiter des FSB „Umbesetzungen in der oberen Führungsriege des FSB vornahm, um die Positionen seines Protegés zu festigen“. Danach „nahm er täglich Berichte von Wladimir Putin entgegen und ließ ihn nicht aus dem Blick“.

Als Chef des FSB und Sekretär des Sicherheitsrats war Putin natürlich bestens über die im Jahr 1999 existierende politische Konstellation informiert. So sah er zum Beispiel, wie der Einfluss von Anatoli Tschubais dahinschmolz, der hinter der Kandidatur von Stepaschin stand, dem direkten Vorgänger Putins auf dem Posten des Regierungschefs. Stepaschin erwies sich als Interimsfigur. Er selbst bezeichnete im Interview mit Timothy Colton den dreimonatigen Aufenthalt im Weißen Haus als „Folter“ und sagte, er habe Jelzin jeden Tag angerufen: „Rein psychologisch wollte ich, dass er mich verspürte.“ Jelzin kannte Stepaschin noch von der gemeinsamen Arbeit im Obersten Sowjet der RSFSR, entließ ihn aber ohne nachzudenken, um Putin den Weg freizumachen. Selbst Tschubais konnte hier nur wenig tun.

In seiner Eigenschaft als Chef der Administration galt Tschubais de facto als zweiter Mann im Lande. Nach den Worten von Alexander Korschakow, Jelzins einstigem Bodyguard, war er sogar der erste: „Das Oberste Gericht, das Verfassungsgericht, die Duma – das ist alles Blödsinn. Der Wichtigste ist der, der Jelzin die Papiere vorlegt.“ 1997 war Putin aber bereits hinreichend von seiner Stärke (und der Schwäche von Tschubais) überzeugt, um Aktennotizen an die Regierung zu schicken, an die sich Boris Nemzow in seinen Memoiren erinnert:

„Putin schrieb mir allerlei Berichte, als er Leiter der Kontroll- und Revisionsverwaltung der Präsidenten-Administration war. Einmal schickte er einen Bericht darüber, dass in der Tschubais-Behörde Chaos, Diebstahl und Korruption herrschen. Und weiter: „Ich lege das zu Ihrem Ermessen vor.“ Aber wenn es Diebstahl und Korruption gibt, warum dann „zu Ihrem Ermessen vorlegen“? Ich rief Wladimir Wladimirowitsch an und fragte: „Sie schreiben, dass Tschubais ein Dieb ist und alle um ihn herum Gauner sind. Weiter hätten Sie schreiben müssen: „Ich bin der Ansicht, dass Anklage erhoben werden muss.“ Stattdessen sehe ich den seltsamen Satz: „Ich lege das zu Ihrem Ermessen vor.“ Wie ist das zu verstehen?” Putin dachte nicht lange über eine Antwort nach: „Sie sind der Chef, Sie müssen entscheiden.” Ein klassisches Beispiel für das Verhalten eines Tschekisten.“

„Irgendwann wusste ich – Putin“

Natürlich erlaubte der ununterbrochene Wechsel der Favoriten des Präsidenten, an den sich das Land gewöhnt hatte, nicht, jede neue Laune von Jelzin besonders ernst zu nehmen. Es gab nicht wenig Gerüchte über unterschiedlichste Nachfolger. Als Kandidaten in Betracht gezogen wurden Nikolai Aksjonenko und Nikolai Bordjuschi. Tatjana Jumaschewa (Djatschenko), Jelzins Tochter und Beraterin, war eine Zeitlang „besorgt über die Aussicht, in einem Land zu leben, das im Jahr 2000 vom Moskauer Bürgermeister (Juri Luschkow) geführt werden wird“. Jewgeni Primakow erzählte, dass Jelzin ihm schon zwei Wochen nach der Ernennung zum Regierungschef „den allerhöchsten Staatsposten“ versprach, aber angeblich auf die kategorische Weigerung stieß, dieses Thema zu diskutieren.

Doch zum Herbst 1999 hin war die Liste der reellen Kandidaten wesentlich kürzer, als man sich das außerhalb des Kremls vorstellte. Jelzin, dessen Gesundheit immer schlechter wurde, lebte mit „dem Gefühl des enger werdenden Raums seiner Macht“ und der wachsenden Angst um seine „Familie“.

Putin gestand ein, dass er Stepaschins kurze Amtszeit als Regierungschef vorausgesehen hatte. Konnte er dabei etwa nicht Jelzins weitere Absichten hinsichtlich seiner Person erraten und nicht an die Wahrscheinlichkeit denken, Premierminister zu werden, wovon ihn Jelzin Anfang August 1999 in Kenntnis setzte? In seinen Erinnerungen behauptet Jelzin, in Gedanken habe er Putin die Macht bereits im Frühjahr übergeben, aber der „wusste nichts von meinen Plänen“:

„Putin hatte keine Eile in die große Politik. Aber er fühlte Gefahr schneller und akuter als andere, warnte mich immer davor. (…) Als ich die Notwendigkeit begriff, Primakow zu entlassen, zermarterte ich mir lange das Gehirn: Wer wird mich unterstützen? Wer steht reell hinter mir? Und irgendwann begriff ich: Putin.“

Tatsächlich, schreibt Colton, war dieser Moment für Jelzin sogar früher gekommen, als es aus seinen Memoiren hervorgeht. Das war gute, nüchterne Berechnung für den ersten Mann im Staate, der allen Grund hatte, sich um die Sicherheit der „Familie“ nach der Übergabe der Vollmachten an einen nicht hinreichend loyalen Menschen zu sorgen. Putin unterstützte Jelzin tatsächlich und – ungeachtet der Rhetorik von den „verwegenen Neunzigern“ – hat den ersten Präsidenten in den vergangenen fast 18 Jahren nicht ein einziges Mal offen kritisiert.

Als talentierter Politiker bemühte sich Putin aber, den allgemeinen Eindruck zu schaffen, er habe prinzipiell andere Ansichten und Herangehensweisen bei der Leitung des Landes. Das brachte Früchte. Im September 1999 interessierte sich die Agentur für regionale politische Studien für die Bereitschaft der Russen, bei den Präsidentenwahlen für Putin zu stimmen – es waren nicht mehr als ein Prozent. In den folgenden Monaten – mit Beginn der Antiterroroperation in Tschetschenien, die Jelzin vollends Putin anvertraute – sprang sein Wahlkampf-Rating bis auf 30 Prozent und wuchs stetig weiter an.

2016 bewertete weniger als jeder siebte Bürger des Landes die Ergebnisse der Jelzin-Zeit als positiv. In diesem Sinne haben sich die Resultate von soziologischen Umfragen seit dem Beginn der 2000er Jahre wenig verändert. Vor dem Hintergrund der vorhersagbaren öffentlichen Meinung über den ersten russischen Präsidenten kommen ebenso stabil Putins Erklärungen, dass Jelzins Wahl für ihn völlig überraschend kam und die Gründe, warum sie so fiel, ein ewiges Rätselsind. Wie es aussieht, hat Putins nicht die geringste Lust zu versuchen, das Rätsel zu lösen.“