Der Anteil der vorwiegend von negativen Gefühlen geprägten Russen ist laut WZIOM im Juli leicht gesunken. Gleichzeitig nahm jedoch auch die Lebensfreude ab, während emotionale Erregung zunahm. Soziologen sprechen weniger von Entspannung als von einer Gewöhnung an Unsicherheit und Krisen.
Der Anteil der als „ängstlich“ oder „besorgt“ eingestuften Russen ist im Juli auf 23 Prozent gesunken. Bei der vorherigen Erhebung im April waren es 25 Prozent. Auf den ersten Blick scheint sich die Stimmung damit etwas aufgehellt zu haben.
Die vollständigen Ergebnisse des „emotionalen Tonometers“ des staatlichen Meinungsforschungsinstituts WZIOM ergeben jedoch ein differenzierteres Bild. Denn auch der Anteil der „Lebensfrohen“ sank – von 35 auf 31 Prozent und damit sogar doppelt so stark wie der Anteil der Besorgten. Gleichzeitig stieg die Gruppe der emotional „Erregten“ von 18 auf 22 Prozent. Als zurückhaltend oder emotional gedämpft wurden 24 Prozent der Befragten eingestuft, zwei Prozentpunkte mehr als im April.
Die russische Gesellschaft ist demnach nicht einfach ruhiger oder optimistischer geworden. Vielmehr verschiebt sich die Stimmung von den beiden eindeutigen Polen Lebensfreude und Angst zu weniger stabilen oder stärker aktivierten Gefühlslagen.
Der von WZIOM berechnete „Index der emotionalen Bewertung“ – die Differenz zwischen Lebensfrohen und Besorgten – blieb zwar positiv, sank aber von elf auf acht Punkte. Gleichzeitig bewegte sich der sogenannte Spannungsvektor von minus vier auf minus zwei Punkte. Das deutet nach der Definition des Instituts darauf hin, dass Emotionen stärker nach außen getragen werden könnten.
Besonders verbreitet ist die Sorge unter den wirtschaftlich aktiven Jahrgängen. Von den jüngeren Millennials, geboren zwischen 1992 und 2000, wurden 31 Prozent der Gruppe der Besorgten zugerechnet. Bei den älteren Millennials der Jahrgänge 1982 bis 1991 waren es 32 Prozent. Deutlich niedriger lag der Anteil beim von WZIOM so bezeichneten „Stagnationsjahrgang“ der zwischen 1948 und 1967 Geborenen: Dort wurden nur 15 Prozent als besorgt, aber 37 Prozent als lebensfroh eingestuft.
Auch Wohnort und Mediennutzung gehen mit deutlichen Unterschieden einher. In Moskau und St. Petersburg waren 30 Prozent der Befragten besorgt – der höchste Wert aller Ortsgrößen. Auf dem Land lag ihr Anteil bei 19 Prozent. Zugleich bezeichnete WZIOM 39 Prozent der Landbevölkerung als lebensfroh, in den beiden größten Städten waren es lediglich 26 Prozent.
Unter den aktiven Internetnutzern gehörten 32 Prozent zur Gruppe der Besorgten und nur 23 Prozent zu den Lebensfrohen. Bei den regelmäßigen Fernsehzuschauern war das Verhältnis nahezu umgekehrt: 40 Prozent wurden als lebensfroh und nur 15 Prozent als besorgt eingestuft. Daraus lässt sich allerdings nicht ableiten, dass Fernsehen glücklich und das Internet ängstlich macht. Mediennutzung, Alter, Wohnort und soziale Lage hängen eng miteinander zusammen. WZIOM vermutet gleichwohl, dass die stärker strukturierte Fernsehberichterstattung das Gefühl von Ungewissheit reduzieren könnte.
Von Wedomosti befragte Soziologen erklären die Entwicklung mit einer weitgehenden Anpassung der Bevölkerung. Große Schocks wie die Teilmobilmachung im Herbst 2022 oder der Anschlag auf die Crocus City Hall im März 2024 hätten die Stimmung jeweils kurzfristig stark verändert. Inzwischen wirkten wirtschaftliche Schwierigkeiten, Angriffe auf russische Infrastruktur und die Kraftstoffkrise eher als dauerhaft vorhandener Hintergrund.
Die Sorge sei deshalb nicht verschwunden, sondern zur Normalität geworden. Die Menschen versuchten, ihre Lebensplanung individuell an die Risiken anzupassen. Der verfügbare Handlungsspielraum sei kleiner geworden, die Bevölkerung habe jedoch gelernt, sich in der veränderten gesellschaftlichen Landschaft einzurichten.
Für die Erhebung befragte WZIOM am 1. Juli telefonisch 1.600 volljährige Einwohner Russlands. Sie sollten angeben, welche von zwölf Emotionen ihre Stimmung während der vorangegangenen zwei bis drei Tage beschrieben. Die vier Gruppen wurden anschließend durch eine statistische Clusteranalyse gebildet. Die Fehlermarge beträgt nach Angaben des Instituts höchstens 2,5 Prozentpunkte.
Der Rückgang der Besorgten um zwei Prozentpunkte liegt damit für sich genommen innerhalb dieser Fehlermarge. Aussagekräftiger ist das Gesamtbild: weniger ausgesprochene Angst, aber auch weniger Lebensfreude und mehr Erregung. Russland wird nicht unbedingt sorgloser – es hat sich offenbar daran gewöhnt, mit der Sorge zu leben.

COMMENTS