Welche Vergangenheit braucht das künftige Russland

Die Freie historische Gesellschaft hat einen Bericht vorgestellt, in dem es um die Art der Präsentation der Vergangenheit in der russischen Öffentlichkeit geht. Dabei ergibt sich eine große Diskrepanz zwischen der offiziösen Darstellung und dem Volksgedächtnis. Dazu folgender Bericht der „Nowaja Gaseta“.

„Welche Vergangenheit braucht Russland?“ – so heißt ein Bericht, der von Mitgliedern der Freien historischen Gesellschaft vorgestellt wurde. Die Präsentation wurde vom Komitee für Zivilinitiativen organisiert. Dessen Mitglied Jewgeni Gontmacher merkte zu Beginn des Rundtischgesprächs an: „Wie Sie sehen, befassen wir uns hier nicht nur mit Finanz- und Wirtschaftsfragen (viele denken ja, wenn Kudrin dabei ist, interessieren wir uns für nichts anderes). Humanitäre Dinge und Hilfe für Organisationen wie die Freie historische Gesellschaft – das ist unser Ziel.“

Ursprünglich war die Präsentation in Form einer Pressekonferenz gedacht gewesen: Erst treten die Autoren auf, dann stellen die Journalisten ihnen Fragen. Im Endeffekt kam aber ein Runder Tisch heraus, eine vollwertige Diskussion unter Teilnahme der Verfasser des Berichtes. Der Diskussion schlossen sich die Politologen und Historiker Juri Piwarow, Andrej Kolesnikow und Nikita Sokolow an.

Aufgabe der Untersuchung war die Analyse des historischen Gedächtnisses der Russen. Es wurde eine Auswahl von Akteuren der Erinnerung getroffen: unter Geschichtslehrern, Journalisten, Lehrbuchautoren, Museumsangestellten und Aktivisten historisch ausgerichteter Gruppen. Die ideologische Ausrichtung der Befragten war nicht wichtig – das konnten Konservative sein, Liberale oder Nationalisten wie auch Monarchisten.

In Russland gibt es zwei Arten von Gedächtnis – so lautet das Hauptfazit der Untersuchung. Das erste ist staatlich. Es kommt zu den Menschen über die Medien („von oben nach unten“) und erzählt meist von der heldenhaften Vergangenheit des Landes. Es spielt außerdem mit einer stark bewertenden und ideologischen Einfärbung der Vergangenheit Das zweite Gedächtnis ist das des Volkes. Das Individuum hat es von seiner Familie bekommen, von den Vorfahren und dem Ort, wo es aufgewachsen ist. Dieses Gedächtnis arbeitet nach dem Prinzip der Versöhnung: „Einsehen, aber nicht rächen“, „Wissen und erinnern“. Es kommt „von unten nach oben“ und basiert nicht auf dem offiziellen Wort des Staates.

„Ist es vielleicht besser, es nicht als erstes und zweites zu bezeichnen, sondern als schlecht und gut?“, folgt die Frage aus dem Saal.

„Im Grunde ja, diese Schlussfolgerung ist unausweichlich“, bekräftigt Grigori Judin, der den soziologischen Teil der Untersuchung vorstellt. „Mehr noch: Ich sehe hier, ehrlich gesagt, kein großes Problem. Denn heute hören wir von den Menschen die Nachfrage nach der neuen Form von Gedächtnis. Nicht nach der, die im Fernsehen überwiegt. Sondern nach der, von der gewöhnlich gesagt wird: „Peinlich, das nicht zu wissen.“ Die erste haben alle satt. Sie verdrängt nur die Geschichten, die sich bei den Menschen über Jahrzehnte angehäuft haben.“

„Das erste Gedächtnis ist in einem gewissen Sinne ein Mythos“, sagt Andrej Kolesnikow. Es komme oft verschönt daher, oft auch erfunden für das märchenhafte Bild vom „Heldenland“: „Ich gehe jeden Tag zu meiner Tochter in die Schule, und da hängt die Hymne von Moskau mit den Worten: „Und Jahrhunderte werden die 28 kühnsten deiner Söhne leben.“ Das ist die offizielle Hymne von Moskau seit 1995. Wie kann man daraus diese Mythologie entfernen, ohne dem kindlichen Bewusstsein Schaden zuzufügen? Das ist die Wahrheit des Staates. Wenn solche Dinge entfernt werden, bleibt doch eine leere Stelle zurück. Wo bleiben unsere heutigen „Helden“?“

Alexander Rubzow, Mitglied des Komitees für Zivilinitiativen, ist überzeugt: Das Wichtigste, was dem russischen Menschen fehlt, ist die Fähigkeit zur Quellenkritik: „Hier sitzen Historiker und Journalisten, wir können das. Aber die restlichen Leute, die Informationen aus dem Fernsehen „aufsaugen“, analysieren und kritisieren nicht. Sie nehmen das, was der Fernseher ihnen bietet, jene Geschichte.“

Rubzow weiter: „Erinnern wir uns an den „Gedenk“-Wettbewerb für Aufsätze von Schülern der Oberstufe: „Der Mensch in der Geschichte des 20. Jahrhunderts.“ Diesen Wettbewerb gibt es seit 17 Jahren. 17 Jahre sind eine ziemlich lange Zeit. Der Textkorpus, der bei den Untersuchungen der Oberstufenschüler entstanden ist, stellt einen ungeheuren Wert dar! Im Grunde ist das alles ein selbständiger Narrativ. Er hängt nicht nur mit der Erinnerung an die Repressionen zusammen, sondern auch zum Beispiel mit dem Krieg in Afghanistan.

Judin macht auf eine erstaunliche Sache aufmerksam, die im Laufe der intensiven Interviews mit den Akteuren der Erinnerung hervorkam: Diese Menschen (Historiker, Gelehrte, Journalisten) sind der Ansicht, jetzt sei eine gute Zeit für das, was sie tun – sich mit der Geschichte befassen.

„Warum? Es gibt die Nachfrage von unten. Sie ist es, die alles entscheidet und uns in der Arbeit voranbringt. Es gibt sie, aber wo sie konkret existiert und wie universell sie ist – das muss noch herausgefunden werden.“

Am Ende der Diskussion stellt Rubzow das Mikrofon, dass er schon ausgemacht hatte, noch einmal an, und sagt: „Ja, die Nachfrage formiert sich. Aber gib mir einen Fernseher, und nach einem halben Jahr habt ihr eine ganz andere Nachfrage.“

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