Warum feiert Russland Weihnachten am 7. Januar und nicht am 25. Dezember?

Warum feiert Russland Weihnachten am 7. Januar und nicht am 25. Dezember?

[Von Anastasia Petrowa] Vor drei Tagen, am 7. Januar, feierten orthodoxe Russen, Ukrainer, Weißrussen und andere Bewohner der ehemaligen Sowjetunion Weihnachten, obwohl dieser Feiertag für die übrige christliche Welt bereits am 25. Dezember stattgefunden hatte. Wie kam es dazu und wie feiert man eigentlich Weihnachten in Russland?

Der Ursprung des Gebrauchs unterschiedliche Kalender

Nach Einführung des Christentums in der Kiewer Rus Ende des 10. Jahrhunderts, feierte das vorrevolutionäre Russland Weihnachten genau wie andere Christen am 25. Dezember. Das Problem war, dass Russland – sowie orthodoxe Christen anderer Länder – bis zum 20. Jahrhundert nach dem julianischen Kalender lebten. Der größte Teil der Welt richtete sich allerdings nach dem gregorianischen Kalender. Julius Cäsar hatte den julianischen Kalender im Jahre 46 v. Chr. eingeführt, indem er dem Monat Februar einen Tag hinzufügte. Diese Zeitrechnung war zwar praktischer als der alte römische Kalender, allerdings nicht genau genug, wie sich herausstellte: Alle 128 Jahre sammelte sich ein nicht berechneter Tag an. Dies führte dazu, dass im 16. Jahrhundert Ostern viel früher stattfand, als es eigentlich vorgesehen. Daher unternahm Papst Gregor XIII. eine weitere Kalenderreform. Er ersetzte den julianischen durch den gregorianischen Kalender. Ziel der Reform war es, den wachsenden zeitlichen Unterschied zwischen dem astronomischen Jahr und dem Kalender zu korrigieren.

So wurde im Jahre 1582 der gregorianische Kalender in Europa eingeführt, während in Russland weiterhin der julianische Kalender verwendet wurde. Dies führte sogar zu internationalen Verwirrungen, so erschienen z. B. 1908 russische Athleten wegen der unterschiedlichen Kalendarien 12 Tage verspätet zu den Olympischen Spielen in London. In Russland wurde der gregorianische Kalender erst 1918 nach der Oktoberrevolution eingeführt, wobei die russisch-orthodoxe Kirche dieser Entscheidung nicht zustimmte.

1923 fand auf Initiative des Patriarchen von Konstantinopel ein Treffen der orthodoxen Kirchen statt, bei dem beschlossen wurde, den julianischen Kalender zu korrigieren. Hier wurde der so genannte „neu-julianische“ Kalender erschaffen, der mit dem gregorianischen Kalender übereinstimmt. Aufgrund des kommunistischen Atheismus und der Verfolgung von Geistlichen konnte sich die russisch-orthodoxe Kirche nicht daran beteiligen. Als der Patriarch Tikhon von dem Treffen in Konstantinopel (Istanbul) erfuhr, ordnete er dennoch den Übergang zum „neu-julianischen“ Kalender an. Dies führte zu Protesten unter den Geistlichen und Gläubigen und die Verordnung wurde in weniger als einem Monat gekippt. Moderne Theologen weisen darauf hin, dass das Kalenderproblem ein traditions- und kein dogmatisches Problem sei. Es gehe nicht um die Grundlagen von doktrinären Wahrheiten, deshalb auch nicht um Ketzerei oder um die Aufgabe des religiösen Glaubens. Russen fühlen sich sehr an Traditionen gebunden und sind heute, wie auch in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts, nicht bereit, diese Veränderungen zu akzeptieren[1]. Die russisch-orthodoxe Kirche beabsichtigt nicht, den Kirchenkalender zu ändern[2].

Zusammen mit der russisch-orthodoxen Kirche feiern die georgisch- und serbisch-orthodoxen Kirchen, das Patriarchat von Jerusalem, die Athos-Klöster sowie viele Katholiken des östlichen Ritus (insbesondere die ukrainische griechisch – katholische Kirche) Weihnachten in der Nacht vom 6. auf den 7. Januar. Alle anderen 11 lokalen orthodoxen Kirchen der Welt feiern Weihnachten, wie die Katholiken, in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember, aber nicht nach dem gregorianischen, sondern nach dem „neu-julianischen“ Kalender.

Mit der Verwirrung der Kalender ist eine weitere interessante Besonderheit verbunden: in den Ländern der ehemaligen UdSSR war es üblich, in der Nacht vom 13. auf den 14. Januar das so genannte „Alte Neujahr“ zu feiern, aber auch diese Tradition gehört bereits der Vergangenheit an, und die jüngere Generation erinnert sich nicht mehr daran.

Wie Russen Weihnachten feiern

Im vorrevolutionären Russland war Weihnachten das wichtigste Winterfest. Mit der Weihnachtsfeier waren neben dem traditionellen nächtlichen Gottesdienst viele schöne und interessante Traditionen verbunden: Man schmückte einen Weihnachtsbaum, verschenkte Präsente und veranstaltete ein reichhaltiges Festmahl. Aristokraten arrangierten Bälle, die zu Vorbildern von heutigen Kostümpartys an Neujahr wurden. Kinder wurden von „Ded Moros“, (die russische Version vom Weihnachtsmann) beschenkt.

Das Bauernvolk besaß seine eigenen Weihnachtstraditionen, die antike und heidnische Wurzeln hatten. In der Weihnachtsnacht besuchten Menschen in Kostümen die Dorfbewohner in ihren Häusern und sangen Weihnachtslieder vor, wofür sie kleine Leckereien von den Gastgebern erhielten. Zu Weihnachten war es außerdem üblich, in die Zukunft zu schauen und zu wahrsagen. Zum Beispiel versuchten Mädchen ihren künftigen Bräutigam vorherzusehen: Sie tropften mit Wachs auf kaltes Wasser und interpretierten dann die aufgetauchte Silhouette. Auch besuchten sie um Mitternacht das dunkle Badehaus, entblößten einige Körperteile und warteten auf eine Berührung. Fühlten sie eine haarige Hand, würde der Bräutigam reich sein, eine haarlose Hand würde Armut bedeuten.

Eine der beliebtesten Bräuche war die Wahrsagerei vor einem Spiegel: Um Mitternacht setzte sich ein Mädchen allein vor einen Spiegel, mit aufgelöstem Haar und ohne jeglichen Schmuck. Denn Haarspangen, Kreuze, Ringe usw. würden nach damaliger Überzeugung die Wesen aus dem Jenseits verscheuchen. Nachdem sie nun ein besonderes Zauberwort ausgesprochen hatte, würde sich bald das Bild ihres Bräutigams im Spiegel zeigen. Schnell musste sie daraufhin „Chur mich“ rufen, denn sonst könnten durch den Zauber böse Geister in das Haus gelangen.

Seit den 1920er Jahren wurden religiöse Feiertage durch den atheistisch orientierten, kommunistischen Staat ausgelöscht. Der Weihnachtsbaum und die mit Weihnachten verbundenen feierlichen Traditionen verloren schrittweise an Bedeutung. Im sowjetischen Russland war es seit 1929 verboten, Weihnachten zu feiern. Und erst 1935, infolge einer unerwarteten Wende in der Staatspolitik, wurden die Weihnachtstraditionen wieder ein Teil der säkularen Neujahrsfeier (Silvester). Seitdem wird der „Weihnachtsbaum“ im modernen Russland immer wieder als „Neujahrsbaum“ wahrgenommen. Geschenke und Besuche von „Ded Moros“ (Väterchen Frost) wurden ebenfalls Teil der Neujahrstradition und verloren zunächst die Assoziation zu Weihnachten. 1937, am Silvesterabend im Moskauer Gewerkschaftshaus, trat erstmals „Snegurochka“ als Begleiterin und Enkelin des Weihnachtsmanns auf. Sie ist eine russische Märchenfigur, die ursprünglich nicht mit Weihnachten verbunden ist. Weihnachten selbst wurde damals nur von einigen Gläubigen am 7. Januar nach dem julianischen Kalender gefeiert, allerdings eher in der Stille und manchmal sogar heimlich.

Die Tradition der Weihnachtsfeier auf staatlicher Ebene wurde 1991 wiederbelebt: Im Dezember 1990 verabschiedete der Oberste Rat der Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik ein Dekret, das den orthodoxen Feiertag „Weihnachten“ zum staatlichen Feiertag erklärte. Derzeit ist Weihnachten ein Teil der allgemeinen „Neujahrsfeiertage“, die am Neujahrstag (oder am Vortag) beginnen und bis Weihnachten am 7. Januar andauern. Auch die vorrevolutionären Traditionen werden nach und nach wiederbelebt: Neben den Kirchen werden Weihnachtskrippen aufgestellt, in der Neujahrsdekoration der Städte sind christliche Symbole zu sehen, der Weihnachtsnachtgottesdienst, an dem wichtige Staatspersonen teilnehmen, wird im Fernsehen übertragen. Die Menschen allgemein begrüßen den Prozess und wir können wieder eine bunte Mischung aus christlichen und heidnischen Traditionen beobachten: Immer mehr Menschen halten zu Weihnachten ein besonderes Fasten ein, gehen zum Weihnachtsgottesdienst, singen Weihnachtslieder im Freundes- und Verwandtenkreis, arrangieren Weihnachtsaufführungen und versuchen sogar die Zukunft vorherzusehen, auch, wenn nicht so ernsthaft wie zu damaligen Zeiten. Natürlich bleibt Silvester immer noch der wichtigste Feiertag des Jahres, der wahrscheinlich von allen Menschen in Russland gefeiert wird, aber Weihnachten kehrt allmählich in die Familien und in die Gesellschaft zurück.

[1] https://pravlife.org/ru/content/pochemu-nasha-cerkov-ispolzuet-yulianskiy-kalendar

[2] https://www.interfax.ru/russia/645859

[Anastasia Petrowa/russland.news]

 

Foto: sovraskin, Lizenz: CC BY 2.0, https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/, über flickr.com, keine Änderungen

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